Heute ist der zweite Geburtstag von Du bist dran! – und ich hätt’s fast vergessen. Da ich heute keine Zeit mehr für Jubel und Fanfaren habe, nutze ich den Moment stattdessen einfach mal aus, um auf die gerade laufende jährliche JVMF-Auktion hinzuweisen. JVMF steht für Jack Vasel Memorial Fund, eine nach dem verstorbenen Sohn des bekannten Rezensenten Tom Vasel benannte Stiftung. Es handelt sich dabei um eine wohltätige Organisation, die Spieler/innen in Not finanziell hilft. Eine Quelle, aus der er sich finanziert, ist die jährliche Auktion, bei der man Spiele und andere Dinge versteigern kann, wobei der Erlös eben nicht an einen selbst geht, sondern an die Stiftung. Neben normalen Spielen gibt es jedes Jahr eine Menge besonderer Auktionsangebote, von Spielesitzungen mit Prominenten zu Überraschungspaketen, signierten Sonderausgaben von Spielen und was nicht sonst noch alles. Einige der Auktionen erzielen sagenhafte Erlöse, andere bleiben fast unbeachtet, aber alles trägt zum Gesamteinkommen der Stiftung bei.
Ich finde das eine tolle Sache, und manchmal gucke ich auch einfach nur, was da so angeboten wird (hab selbst wenig Budget für sowas, versteigere aber in der Regel irgendwas Kleines). Ist schon spannend, was manche Leute sich für den guten Zweck einfallen lassen. Wer des Englischen mächtig ist, kann ja mal einen Blick draufwerfen.
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Rätsel und Lösungen
Meinen heutigen Beitrag beginne ich mit einer kleinen Rätselfrage. Was haben die folgenden Spielecover wohl miteinander gemeinsam? Ich meine jetzt nur die Bilder, nicht irgendwas, das man über die Verlage oder die Illustrator/innen wissen müsste.
Na? Habt Ihr’s rausgefunden? Richtig – Frauen sind auf ihnen, sagen wir mal vorsichtig, unterrepräsentiert. Na klar, es gibt auch eine Menge Gegenbeispiele, aber wer es jetzt für eine gemeine Idee von mir hält, just diese Titel auszusuchen, kann ja mal im eigenen Regal nachschauen, wie da so die Abbildungsquote ist. Oder gleich diesen Artikel lesen, der die bittere Erkenntnis beleuchtet, dass Spiele mit Schafen auf dem Cover mehr Chancen haben, erfolgreich zu sein, als solche mit (menschlichen) Frauen.
Aber woran liegt das eigentlich? Klar, viele Spiele beschäftigen sich mit Themen, die assoziativ eher männlich besetzt sind: Krieg, Abenteuer, Weltraum und so weiter. Aber auch bei denen, die das nicht tun, sieht es finster aus (zu trauriger Bekanntheit ist das ansonsten recht populäre Spiel Istanbul auch deshalb gekommen, weil dort insgesamt 82 Männer und 0 Frauen abgebildet sind, was sich, anders vielleicht als bei einem Spiel über die Invasion in der Normandie oder so, inhaltlich auch mit erheblichem Aufwand eher nicht rechtfertigen lässt). Soll hier eine Zielgruppe bedient werden, die als männlich empfunden wird, oder ist die Zielgruppe deshalb männlich, weil das vorhandene Angebot eben eher Männer anlockt? Das befördert sich natürlich gegenseitig.
Die extremeren Auswüchse des Sexismus bei Spielen sind dabei für mich gar nicht so sehr präsent. Zwar sind Kickstarter-Kampagnen im Moment automatisch erfolgreich, wenn ein paar Miniaturen von leicht bekleideten Frauen dabei sind1, aber das sind auch nicht unbedingt die Spiele, denen ich selbst als Vielspieler begegne, weder in den örtlichen Spieleläden, noch auf Cons und auch nicht in den Spielegruppen, in denen ich mich so bewege. Sowas sehe ich fast nur im Internet (wo dann natürlich auch die meisten Diskussionen darüber stattfinden). Im Internet ist die männliche Dominanz auch noch größer als im wirklichen Leben (auf boardgamegeek waren laut einer Umfrage 2013 nur 7,7% der User/innen weiblich, und es gibt tatsächlich einen Bodensatz von Männern, denen selbst das noch zu viel zu sein scheint). Aber auch auf Cons, in Spieleverlagen, unter den Autor/innen und so weiter sind Frauen in der Minderheit. So ganz schnell wird sich das auch nicht ändern, fürchte ich. Denn obwohl die Entwicklung in den letzten Jahren durchaus schon ein eine ganz optimistisch stimmende Richtung ging, gibt es immer noch massenweise Geschichten über schroffe Ausgrenzung und miese Behandlung von Frauen. In den USA scheint es (auch unter Männern) eine ganze Reihe von Leuten zu geben, die Spieleläden deshalb nicht betreten, weil diese vor allem von sozial schwierigen Männern bevölkert sind. Obwohl ich das hier in Göttingen zum Glück nicht so kenne (was auch daran liegen mag, dass die einschlägigen Spieleläden hier auch Spielzeug verkaufen), hört man diese Erzählungen derartig häufig, dass es keine Einzelfälle zu sein scheinen.
Eine Untersuchung über die unterschiedlichen Motivationen von Brettspieler/innen ergab übrigens, dass das Geschlecht eine wesentlich größere Rolle spielen als zum Beispiel das Alter der Spielenden. Das wird in Kontrast gesetzt mit Videospielen, wo es andersherum zu sein scheint.
Was kann man aber nun tun, damit Frauen sich in der Spieleszene willkommener fühlen? Man kann wahrscheinlich nicht alles auf einmal verändern, aber irgendwo muss man ja anfangen. Dass das geht (und das Bedarf besteht), zeigt Lady Lúdica, eine Initiative aus Rio de Janeiro. Sie besteht aus fünf Frauen, die im Mai dieses Jahres einen kleineren Con ins Leben gerufen haben, bei dessen ersten beiden Ausgaben immerhin ein Frauenanteil von rund 44 Prozent erreicht wurde. Das ist in jedem Fall eine ungewöhnliche Quote, die bei normalen Cons auch in Deutschland eher nicht vorkommt. Wie haben sie das nun angefangen? Offenbar vor allem mit zwei Ankündigungen. Erstens mit der, dass das gesamte Orga-Team aus Frauen besteht. Zweitens dadurch, dass es Spieleverlosungen gab, an denen nur die anwesenden Frauen teilnehmen konnten. Das hat gereicht, um eine annähernde Parität im Publikum herzustellen (in einem Land, in dem das Geschlechterverhältnis in der Spieleszene ansonsten eher noch schlechter ausbalanciert ist als in Deutschland). So schafft Lady Lúdica einerseits Aufmerksamkeit für das Problem, andererseits liefert die Initiative auch gleich einen Lösungsansatz mit.

Ich finde dieses Vorgehen toll. Ich glaube, man würde es sich zu leicht machen, den Erfolg des Konzepts vor allem auf die Verlosungen zu schieben. Klar ist es für viele Leute ein Anreiz, wenn es irgendwo was umsonst gibt. Ich vermute aber, dass das weibliche Orga-Team mindestens ebenso viel zum Erfolg beigetragen hat. Denn das schafft ein Gefühl der Sicherheit vor unerwünschtem Verhalten, das vermutlich viele zu schätzen wissen, und entsprechend sah das Feedback am Ende auch aus.
Lady Lúdica soll zu einer zweimonatlichen Veranstaltung werden (die zweite Ausgabe hat mittlerweile stattgefunden und war ähnlich erfolgreich wie die erste), und es gibt schon Bestrebungen, so etwas auch in anderen Städten zu machen (das nächste Mal findet es in Sao Paulo statt). Ich bin sehr neugierig darauf, wie es sich weiter entwickelt. Ich glaube, so etwas könnte auch ein Vorbild für Spielerinnen in anderen Ländern sein.
1 Ein besonders skurriles Beispiel fiel mir neulich hier auf Facebook auf. Da haben sich doch allen Ernstes ein paar Männer drüber ausgelassen, dass auch im alten Griechenland und anderswo Kämpfer nackt in den Kampf gezogen seien, um ihre Furchtlosigkeit zu beweisen, da sei also nichts dabei. Auf die Nachfrage, wie viele von ihnen mit hochhackigen Schuhe und einem Lendenschurz in den Nahkampf gegangen wären, wurde dieser Teil der Diskussion dann gelöscht.
Alle mal herhören, bitte.
Liebe Alle,
ich habe gerade als erster das Crowdfunding-Projekt für den zweiten ABCon (Africa Boardgame Convention) unterstützt. Vor ein paar Wochen hatte ich hier ja schon mal über Kenechukwu Ogbuagu geschrieben, der versucht, in Nigeria eine Brettspielszene aufzubauen. Im September will er zum zweiten Mal ein Spieletreffen veranstalten, aber erheblich größer als letztes Jahr. Dass sowas in Nigeria ungleich schwieriger wird als in Deutschland liegt auf der Hand. Hierzulande kann man sowas einfach ordentlich ankündigen, dann kommen auch Leute zusammen, die nicht unbedingt was dagegen haben, ein paar Euro Eintritt zu bezahlen. Wer mit Spielen aber bisher nur am Rande in Berührung gekommen ist, wird kaum Geld dafür investieren, sie kennenzulernen. Oder wer von Euch hat sich vor Jahren mal gedacht: „Spiele? Keine rechte Ahnung, worum es dabei geht, aber ich kauf mir mal ein paar davon“? Der Eintritt zum ABCon ist daher notwendigerweise frei, also werden die Organisator/innen auch keine wesentlichen Einnahmen generieren. Eine Crowdfunding-Kampagne ist da nur konsequent.

Und warum ist das für mich überhaupt relevant? Weil Spielen eben nicht nur Privatspaß ist, sondern ein gesellschaftlicher Wert und ein positives Zeichen der Menschlichkeit. Ich kann natürlich auch nicht vor Ort sein, aber da ich selbst schon bei einigen Spieleveranstaltungen im Ausland war und mich immer sehr gefreut habe, Leute mit ganz verschiedenem spielerieschem Hintergrund zu treffen, ist mir persönlich das einen kleinen Beitrag wert.
Falls jemand von Euch also noch ein paar Euro über hat… ich würde mich sehr freuen, wenn ich mit meiner Unterstützung nicht allein bliebe (ich schicke übrigens auch ein paar von meinen Spielen hin). Und ganz besonders würde ich mich drüber freuen, wenn Ihr das Projekt in Euren eigenen Blogs oder den sonstigen sozialen Medien ein bisschen bekannter machen würdet. Danke für Eure Aufmerksamkeit.
Auswärtsspiele
Kürzlich erhielt ich eine Einladung zu einer Blogparade, und da dachte ich mir, ich könnte ja einfach mal mitmachen. Das Thema lautet Die besten Reisespiele, und da ich ja leidenschaftlich spiele und durchaus auch gern reise, krame ich mal in meinen Erinnerungen.
Vorweg muss ich sagen, dass Reisen für mich in den allermeisten Fällen Bahnreisen sind. Alle paar Jahre betrete ich auch mal ein Flugzeug, aber ziemlich ungern. Meine Perspektive ist also die eines Bahnreisenden. Wäre ich Autofahrer und würde in irgendeine Ferienwohnung fahren, könnte ich ja eigentlich alles mitnehmen, was mir gerade so gefällt – für derlei Autoreisen gibt es in meinen Augen keine entscheidenden sonstigen Kriterien. Aber darüber sollen andere schreiben, das ist keine mir vertraute Reiseform.
Bahnreisen aber schon. Ein entscheidender Vorteil an Bahnreisen ist ja, dass man viel mehr Zeit hat, während der Fahrtzeit selbst etwas zu tun, man kann also während der Fahrt selbst auch schon was spielen. Die Kriterien dafür sind eigentlich banal. Leicht transportabel sollten die Spiele sein, wenig bis keinen Platz auf dem Tisch einnehmen, nicht zu laut sein, schnell ein- und auszupacken sein. Das war’s eigentlich schon. Richtig, das schreit nach Kartenspielen. Da ich Teil einer vierköpfigen Familie bin, ist Tichu eigentlich immer dabei, wenn wir alle zusammen wegfahren. Und auch sonst nehmen wir das eine oder andere Kartenspiel mit ins Handgepäck, das entscheiden wir dann kurz vor der Abreise gemeinsam.
Die besten Reisespiele sind aber für mich diejenigen, die ich gar nicht selbst mitbringe, sondern die ich auf der Reise unerwartet spiele. Warum fahre ich denn in ferne Länder? Zumindest unter anderem doch auch deshalb, um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Idealerweise mit den Einheimischen, aber oft auch mit anderen Reisenden. Das beginnt natürlich schon im Inland. Am einfachsten ist es immer auf der Rückfahrt von der Messe in Essen. Wenn man dort im ICE einen Tisch ergattert und sich ein bisschen umsieht, wer noch mit Messezeugs unterwegs ist, kommt sehr oft eine Spielrunde zusammen und man lernt oft neue Leute kennen. Auf anderen Fahrten bin ich meistens mit Kindern unterwegs und daher ist es ein bisschen schwierig, mich einfach Leuten anzuschließen, die irgendwo im Zug was spielen, aber auf Fahrten allein habe ich das auch schon gemacht. Wenn ein Platz frei war und das Spiel einen weiteren Mitspieler zuließ, wurde das noch nie abgelehnt. Auf den letzten Fahrten mit meinen Kindern war ich hier und da im Regionalexpress unterwegs, was sich mangels Tischen nur mäßig gut für Kartenspiele eignet. Also habe ich ihnen Scharade beigebracht, was sie begeistert und stundenlang beschäftigt hat – und immer mal wieder kam es vor, dass andere Leute angefangen haben, mitzuraten oder auch mal was vorzuführen. Ideal.
Vor gut 20 Jahren bin ich mal für sechs Monate mit meiner Freundin auf dem Landweg nach Asien gefahren. Als wir eine Woche in der Transsib unterwegs waren und dabei mit zwei tatarischen Austauschstudenten im Abteil reisten, die dann mit russischen Mitreisenden ein fremdartiges Kartenspiel gespielt haben, habe ich einfach sehr lange zugeguckt, um eine vage Ahnung dafür zu bekommen, wie es funktioniert. Ich war dabei so hartnäckig, dass sie sich irgendwann erbarmten und die mir noch unklaren Elemente erklärten. Von da an hat uns das Spiel über einen großen Teil unserer Reise und auch darüber hinaus begleitet. Wir wussten nie, wie es eigentlich hieß (bei uns lief es unter „Tatarenskat“). Erst vor zwei Wochen bekam ich auf dem Spieleautorentreffen in Göttingen von einem russischen Redakteur den Hinweis auf Bura, von dem es eine Variante war.
Einige Wochen später saßen wir im Restaurant unseres Hotels in Lhasa, als uns drei Amerikaner/innen ansprachen. Wir kämen offenbar aus Deutschland, und ob wir Skat spielen könnten? Sie hätten das vor längerer Zeit mal gelernt, aber nicht mehr alles parat… Konnten wir, und vor allem konnten wir ihnen auch noch Doppelkopf beibringen (Tichu kannten wir damals leider noch nicht). Ich erinnere mich kaum daran, was für Kartenspielrunden ich 1994 hatte, aber solche besonderen auf Reisen bleiben doch länger im Gedächtnis und ich freue mich noch heute drüber.
Noch später auf der Reise haben wir einiges an Spielen einfach improvisiert. Legendär war unser leidlich erfolgreicher Versuch, auf Papier Empire zu spielen, ein Computerspiel, das wir zu Hause rauf und runter gespielt hatten. Das war dann allerdings ohne fremde Mitspieler/innen.

2013 wollte ich wie schon in den Jahren zuvor für ein paar Tage zu einem Festival nach Bozen fahren. Da meine Familie gerade für einige Wochen im Ausland weilte, nutzte ich die Chance und nahm mir eine Woche frei, um noch einen Abstecher nach Rom anzuhängen, wo ich schon immer mal hingewollt hatte (meine Frau war vor unserer gemeinsamen Zeit schon mal in Rom gewesen und hatte nicht so große Lust auf eine weitere Reise dorthin, also war die Gelegenheit günstig). Während ich im Vorfeld anfing, Pläne zu schmieden, fiel mir auf, dass ich keine rechte Ahnung hatte, was ich in Rom (und auf der Rückfahrt in Verona) abends machen würde. Tagsüber würde ich kreuz und quer durch die Stadt laufen und mir Sehenswürdigkeiten angucken, aber abends? Ich bin jetzt nicht so der Typ, der abends allein einen trinken geht oder sowas. Also setzte ich kurzentschlossen eine einen Aufruf ins Boardgamegeek-Forum, in dem ich fragte, ob jemand in Rom oder Verona mit mir spielen würde. Für Rom ergab sich ein Kontakt mit einem sehr netten Pärchen, mit dem ich dann einen denkwürdigen Abend verbracht habe. Wir fuhren mit ihrem Auto kreuz und quer durch Rom, um ein Spielecafé zu finden, das montags geöffnet hätte. Dabei waren wir zwar nur beschränkt erfolgreich, aber in ihrer Stammkneipe gab es immerhin eine flotte Partie Zug um Zug, und zu fortgeschrittener Stunde lernte ich noch Pictionary auf Italienisch in einem Café, dessen Auswahl an Kuchen erheblich besser war als die an Spielen. Ich glaube, meinen Gastgeber/innen war es ein bisschen unangenehm, mir keine bessere Auswahl bieten zu können. Aber für mich war das völlig egal, es war einfach toll, den Abend mit anderen Spielebegeisterten zusammen zu verbringen, die ich wenige Stunden zuvor als Wildfremde an einer U-Bahn-Station in Rom getroffen hatte.

Für Verona hatte sich leider niemand auf meinen Aufruf gemeldet, aber immerhin wurde mir ein Spieleladen empfohlen. Da dieser ein wenig außerhalb lag und ich mich nach einem langen Besichtigungstag mit dem Bus dorthin durchschlagen musste, kam ich erst zehn Minuten vor Ladenschluss dort an. Leider erfuhr ich, was ich schon befürchtet hatte. In Verona gab es keine Spielecafés oder sonstigen Etablissements, und im Laden war auch nichts mehr los, sodass ich keine wildfremden Leute mehr ansprechen konnte. Immerhin lag auf dem Tresen ein Flugblatt einer Spieleinitiative aus. Auf meine Nachfrage sagte der Ladenmitarbeiter, dass das in San Giovanni Lupatoto sei (diverse Kilometer außerhalb von Verona) und ich da zwar mit dem Bus hin- aber nachts nicht mehr zurückkommen würde. Unerschrocken rief ich bei der Kontaktnummer an, die auf dem Flugblatt angegeben war, um nach einer Mitfahrgelegenheit zu fragen, und hatte gleich Glück. Der Angerufene wollte am nächsten Tag selbst hin und bot sich an, mich mitzunehmen (und dafür zu sorgen, dass mindestens eine Brettspielgruppe in der ansonsten rollenspieldominierten Umgebung anwesend wäre). Auch dieser Abend war toll. Ich kann zwar nicht Italienisch, aber es ist erstaunlich, wie gut man Regelerklärungen dann doch folgen kann (zumindest bei weniger komplexen Spielen), und wo es hakte, haben wir uns mit Englisch beholfen.
In Bozen schließlich gibt es Dinx, einen wirklich beeindruckenden Spieleverein. Ich habe eine Menge sehr nette Leute getroffen, und diesmal ging es Deutsch/Italienisch/Englisch durcheinander und wiederum hatten wir einen Haufen Spaß. Wer in der Gegend ist, sollte ruhig versuchen, da mal Kontakt aufzunehmen. es lohnt sich. Mehr zu meiner Italienreise auf Englisch hier.
Ein paar Wochen nach meiner Rückkehr hatte ich dann die Gelegenheit, mich sozusagen zu revanchieren. Das Spieleautorentreffen stand an, und meine Wohnung war immer noch leer. Als ich hörte, dass einige der auswärtigen Besucher/innen bis Montag in Göttingen sein würden, lud ich sie zum Abendessen mit anschließendem Spielen ein. Ich kann mich nicht mehr an alle Namen der Anwesenden erinnern, aber zumindest kamen sie aus Schweden, Irland, Litauen, Deutschland und vielleicht auch noch anderswo her. Wir spielten Prototypen und andere Spiele aus unserer Sammlung. Noch so eine Erinnerung, die hängen geblieben ist.
Tja. Was will ich mit den ganzen Geschichten jetzt sagen? Wenn ich eine Reise mache, dann will ich mit den Einheimischen in Kontakt kommen. Es gibt nur wenige bessere Möglichkeiten dazu, als gemeinsam zu spielen. Sprachdifferenzen und die ganzen sonstigen Unterschiede verschwimmen, und man fühlt sich immer willkommen. Ich kann das gar nicht intensiv genug empfehlen – wenn Ihr mal irgendwohin fahrt, wo Ihr Zeit übrig habt, sucht im Netz Kontakt zu ein paar Spieler/innen und verabredet Euch mit ihnen. Dann braucht Ihr auch kaum noch selbst Spiele mitzubringen. Die besten Reisespiele sind also solche, bei denen man mit neuen Leuten in Kontakt kommen kann. Dagegen verblasst für mich jedes andere Kriterium Spielen verbindet schließlich über Grenzen hinweg, und das ist ja auch ein bisschen das Motto dieses Blogs.
Gesamteindruck: 10/10 – fast egal, was man spielt.
Auch in Afrika wird gespielt.
Dieser Tage bin ich zufällig auf ein Brettspielprojekt in Uganda gestoßen. Da ich mich ja schon mit asiatischen und lateinamerikanischen Spielen beschäftige, und nordamerikanische und europäische Spiele ohnehin allgegenwärtig sind, hatte ich mich schon gefragt, was eigentlich in Afrika so passiert. Dieses Projekt hat mich irgendwie angerührt, und gestern Abend hat es sein erstes Unterstützungsziel erreicht – vielleicht findet es ja jemand von Euch auch einen Beitrag wert.
Vor knapp einem Jahr hatte ich hier auf das Five-Projekt hingewiesen. Gerade stieß ich auf eine kleine Bilanz des Projekts. Ich freue mich, dass ich zumindest einen kleinen Anteil dran hatte.
Sonntag: Spielen kommen!
Zum vierten Mal findet am nächsten Wochenende die überregionale Veranstaltung „Stadt Land Spielt“ statt, ein „Projekt zur Förderung des Kulturguts Spiel in der Gesellschaft“ – dieses Jahr zum ersten Mal auch in Göttingen, worauf ich doch noch mal aufmerksam machen möchte. In Göttingen gibt es in meinen Augen eine durchaus lebendige Spieleszene, und mit dem jährlichen Spieleautorentreffen auch seit langem eine bedeutende Veranstaltung. Einen klassischen Spieletag, wo ein Haufen Leute zuammenkommt und vorhandene Spiele ausprobieren kann, gab es aber zumindest schon lange nicht mehr, und ich war auf die zahlreichen Städte, wo sowas Tradition hat, immer ein bisschen neidisch. Umso mehr freut’s mich, dass sich Leute gefunden haben, hier in Göttingen mal was auszurichten, und zwar am Sonntag, dem 11. September von 12 bis 20 Uhr im Café Central, das ist irgendwo auf dem Campus, Platz der Göttinger Sieben 4. Wird sich schon finden lassen. Ich weiß selbst noch nicht genau, wann ich es schaffe, aber ich hoffe doch sehr, dass es ein rauschender Erfolg wird, damit es im nächsten Jahr wieder stattfindet. Also kommt bitte zahlreich, spielt miteinander, lernt einander kennen und so weiter. Bis Sonntag!
P.S.: Wer nicht aus Göttingen kommt, findet hier die 97 anderen Veranstaltungsorte. Teilweise gibt es auch zweitägige Veranstaltungen, also guckt genau hin.
Live aus Berlin: Das Spiel des Jahres 2016 wird prämiert
In wenigen Stunden ist es so weit: Um 10:20 beginnt die Live-Übertragung von der Prämierung des Spiels des Jahres 2016 in Berlin. Da ich mir vorgestern heftig den Fuß verstaucht habe, sitze ich heute mit einem dicken Verband um den Fuß zu Hause und kann mir das erstmalig in meinem Leben selbst angucken und bin schon ziemlich gespannt darauf. Zwar hat die Veranstaltung noch nicht ganz die Medienwirksamkeit wie die Oscar-Nacht, der ESC oder die Auslosung irgendwelcher Fußball-Pokalrunden, aber für mich ist es natürlich interessanter als all jene zusammen.
Nun spiele ich locker 100 für mich neue Spiele jährlich, aber trotzdem ist die Situation wieder mal so wie eigentlich jedes Jahr: Ich habe von den Nominierten kaum was vorher gespielt. Erstens liegt mein Interessenschwerpunkt doch eher auf Nischenspielen, und zweitens spiele ich wegen der Kinder meist bei uns zu Hause, was gepaart mit meinem extrem schmalen Spieleanschaffungsbudget dazu führt, dass viele heiße Neuheiten erstmal an mir vorbeigehen. Es ist also keineswegs so, dass mich die Spiele nicht interessieren würden, aber es mangelt doch an Gelegenheit. Trotzdem versuche ich, mich so gut es geht informiert zu halten.
Bei den Kinderspielen fand die Prämierung schon vor einigen Wochen statt. Von den Nominierten hatte ich zuvor nur Reiner Knizias Mmm! gekannt. Das steht auch hier herum und ich habe es mit den Kindern einige Male gespielt, es hat aber keinen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen und seine Nominierung hatte mich eher gewundert. Leo Colovinis Leo muss zum Friseur hatte ich mir auf der Messe in Nürnberg erklären lassen – es sah wunderschön und sehr einladend aus, aber eine Gelegenheit zum Ausprobieren hatte ich nicht. Und auf Marco Teubners Stone Age Junior hatte ich nur einen kurzen Blick geworfen, ich habe Stone Age nie gespielt und hatte die Junior-Version vielleicht etwas voreilig als die x-te Variante eines sehr bekannten Spieles abgetan (und nicht mal wahrgenommen, dass sie von einem anderen Autoren stammte). Eine Nominierung hatte ich auch hier nicht erwartet – und dann gewann es tatsächlich den begehrten Pöppel und mir wurde klar, dass es eine Menge Leute toll finden. Anschaffen werde ich es mir eher nicht, weil meine Kinder gerade die Schwelle zum Familienspiel überschreiten, aber spielen würde ich es nun natürlich doch gern mal.
Heute geht es aber nun um die in der Spieler/innenszene wesentlich heißer diskutierten beiden anderen Preise: Spiel des Jahres und Kennerspiel des Jahres.
Beim Kennerspiel ist es schon fast üblich, dass ich von den Nominierten keins vorher gespielt habe. Es ist keineswegs so, dass mich komplexe Spiele nicht reizen würden, aber mir fehlt einfach die Gelegenheit, sie zu spielen. Sowas kommt bestenfalls alle paar Monate mal vor, und das ist einfach zu selten, um dann die heißen Neuigkeiten wirklich zu überblicken. Trotzdem kann ich natürlich ein paar Sachen zur diesjährigen Auswahl sagen. In meinen Augen gibt es mit Pandemic Legacy von Matt Leacock und Rob Daviau einen Über-Favoriten, der mich selbst auch unheimlich reizt (seufz). Falls jemand von Euch das letzte Jahr in einer Einsiedelei oder sowas verbracht und noch nichts davon gehört haben sollte: Pandemic Legacy ist nach Risk Legacy das zweite (erfolgreiche) Spiel, das ein Legacy-Konzept verwendet. Das bedeutet, dass man eine Partie spielt und der Spielausgang permanent in die kommenden Spiele eingreift. Man muss Karten beschriften, bekleben oder ganz aus dem Spiel entfernen. Da gibt es dann kein Zurück, man „zerstört“ das Spiel also sozusagen beim Spielen. Im Falle von Pandemic Legacy spielt man bis dahin immerhin 12 bis 24 Partien, also mehr als die allermeisten Leute von ihren allermeisten Spielen sonst so spielen.
Pandemic Legacy ist in den Monaten seit seinem Erscheinen in einer solchen Geschwindigkeit auf den ersten Platz der Boardgamegeek-Rangliste hochgeschossen, dass einem Angst und Bange werden konnte. Hier ist den Machern offenbar ein wirklicher Volltreffer gelungen, und es würde mich wundern, wenn Pandemic Legacy heute nicht gewinnen würde.
Nun könnte man natürlich denken, dass die Jury ein Spiel, das man nur einmal durchspielen kann (wenn auch in Dutzenden von Stunden) nicht wirklich auf den Thron heben würde. Das allerdings zieht für mich als Argument nicht, denn mit dem sehr seltsam benamsten T.I.M.E Stories von Peggy Chassenet und Manuel Rozoy ist ein weiteres solches Spiel nominiert, wenn auch mit einem anderen Konzept. Man löst hier Fälle und erschließt sich dabei immer mehr von einer Geschichte. Zwar zerstört sich das Spiel nicht, aber irgendwann kennt man einen Fall eben komplett. Dann braucht man einen neuen, und wenn man sich den bisherigen Erfolg des Spiels ansieht, werden da auch noch eine ganze Menge auf den Markt kommen. Auch bei diesem Spiel herrscht einhellige Begeisterung. Mich selbst reizt es ebenfalls, obwohl ich es für eher unwahrscheinlich halte, dass ich das mal spielen werde, denn es ist sehr sprachabhängig und ich spiele doch in sehr vielen Fällen in gemischtsprachlichen Gruppen. Und auch wenn ich damit wahrscheinlich völlig falsch liege, kann ich nicht umhin, mich an Sherlock Holmes zu erinnern, das 1985 Spiel des Jahres wurde und das mich als Rollenspieler fürchterlich enttäuscht hat (von allen Spiel-des-Jahres-Gewinnern, die ich gespielt habe, mochte ich es am wenigsten).
Da also zwei der drei Kandidaten auf eine einmalige Spielerfahrung setzen, sieht es für mich nach einer echten Überzeugung der Jury aus, dass so etwas toll sein kann. Der dritte im Bunde, Isle of Skye von Alexander Pfister und Andreas Pelikan, zwei in letzter Zeit heiß gehandelten Autoren, wirkt für mich hier wie ein Außenseiter, obwohl auch hier die Meinungen, die ich so gehört habe, durchaus positiv sind. Man legt Plättchen und es gibt einen interessanten Bietmechanismus, das klingt durchaus nach einem Erfolgsrezept, aber eben einem eher konventionellen. Meine Prognose ist, dass es sich als Preisträger nicht wird durchsetzen können.
Auch beim Hauptpreis, dem normalen Spiel des Jahres, gibt es einen Favoriten, dennoch ist es hier in meinen Augen noch etwas spannender. Vlaada Chvátil, der Autor von Codenames, ist in den letzten Jahren immer mal wieder mit innovativen Ideen aufgefallen und so zu einem echten Publikumsliebling geworden. Bei Codenames spielen zwei Teams gegeneinander. Auf dem Tisch liegen 25 Karten mit Begriffen, und aus jedem Team muss ein/e Spieler/in dem Rest des Teams verschlüsselte Hinweise darauf geben, welche dieser Karten zum eigenen Team gehören. Die Mitspieler/innen müssen dann die Tipps entschlüsseln und auf die entsprechenden Karten zeigen. Zeigen sie allerdings auf eine Karte, die dem anderen Team gehört, helfen sie diesem, zeigen sie gar auf eine Tabu-Karte, ist das Spiel verloren, also heißt es aufpassen.
Das macht sehr viel Spaß und ziemlich süchtig (es ist der einzige Nominierte, den ich selbst schon gespielt habe, und das gleich mehrfach). Normalerweise sollte Codenames in diesem Jahr kaum eine Konkurrenz haben. Allerdings mag die Jury das anders sehen. Codenames ist durchaus anspruchsvoll und die Altersangabe „ab 14“ stellt natürlich eine Hürde dar. Zwar können auch erheblich jüngere Kinder mitspielen und tun das teilweise auch mit viel Elan (wenn auch mit teilweise durchwachsenem Erfolg), aber um das ganze Potential wirklich auskosten zu können, hilft ein großes Vokabular und etwas Lebenserfahrung doch enorm. Ein klassisches Familienspiel ist es also auf keinen Fall. Sollte das für die Jury ausschlaggebend sein und sie sich für einen anderen Kandidaten entscheiden, gibt es nächstes Jahr dann eine neue Chance, denn im Herbst erscheint Codenames Pictures, bei dem Kinder meiner Vermutung nach bessere Chancen haben, weil sie in Bildern oft andere Dinge sehen können als Erwachsene. Die Altersangabe ist dann mit „ab 10“ auch gleich ein bisschen familienfreundlicher.
Als die Nominierungen bekannt gegeben wurden, hatte man sich ja schon ein bisschen die Augen gerieben, weil Hans im Glück im Kinderspielsektor und Haba im Familienspielbereich nominiert waren. Das war so eine Art verkehrte Welt. Hans im Glück hat dann beim Kinderspiel auch gleich abgeräumt – vielleicht ist das ein gutes Omen für Rüdiger Dorns Karuba, das bei Haba erschienen ist? Ich hätte es im Frühjahr fast mal spielen können, es lag auf einem Tisch, an dem ich saß, aber dann wurden doch andere Sachen ausgepackt. Es ist ein Plättchenlegespiel, bei dem alle mit den gleichen Voraussetzungen Wege auslegen und Schätze einsammeln. Ich habe viel Lob für die sehr schnell erklärten Regeln und den flotten Spielverlauf gehört, allerdings scheint es nicht allzu interaktiv zu sein, daher ist es vielleicht nicht unbedingt meine Kragenweite. Aber das ist für die Jury ja kein Kriterium. 🙂
Der dritte im Bunde ist das im alten Ägypten angesiedelte Bauspiel Imhotep von Phil Walker-Harding, dem ich kaum Chancen einräume. Anders als bei den beiden anderen Nominierten gehen die Meinungen zu Imhotep doch stark auseinander. Einige lieben es, aber ich habe auch schon eine ganze Menge negative Stimmen gehört, es sei trocken und wenig beeinflussbar. Wie gesagt, ein eigenes Urteil kann ich mir nicht erlauben, aber die Konkurrenz scheint für Imhotep doch zu stark zu sein.
So, das soll es als Einstimmung gewesen sein. Was am Ende herauskommt, werden wir gleich sehen. Bisher habe ich mit meinen Prognosen so gut wie immer völlig daneben gelegen. Mal sehen, ob ich mich dieses Mal überraschen kann.
Das Geheimnis ist Futschikato
Vor einigen Monaten hatte ich zunächst hier und dann kurz darauf hier über das Spiel Doppelt und Dreifach berichtet, das ich anonym zugeschickt bekommen hatte. Nachdem es einige Zeit lang Spekulationen und Gespräche darüber gegeben hatte, war das irgendwann wieder abgeebbt und andere Spiele waren in den Vordergrund gerückt. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, nichts über den Ursprung herauszufinden. Als ich mich am Mittwoch morgen bei Boardgamegeek einloggte, fand ich überraschend eine Geeklist von Friedemann Friese vor, der sich als Autor und Verteiler des Spiels outete.
Die Geschichte dort ist auf Englisch, daher möchte ich hier mal kurz zusammenfassen. Friedemann ist in der Branche bekannt genug, dass eine Ankündigung eines neuen Spiels eine gewisse Erwartungshaltung hervorruft. Einerseits, weil er eben Friedemann Friese ist, andererseits aus den diversen im Netz kursierenden Ankündigungen, die ja auch Appetit auf das Spiel machen müssen. Manchmal sind das allerdings Erwartungen, die ein Spiel gar nicht unbedingt erfüllen kann oder auf die es gar nicht zugeschnitten ist.
Aus dieser Überlegung heraus entstand sein Plan, mal ein Spiel in Umlauf zu bringen, bei dem es keine Erwartungshaltung geben könnte – indem er es anonym in Umlauf brachte. Um die Spuren zu verwischen, schickte er ein paar Dutzend Exemplare an einen Freund in Freiburg, der sie von dort aus an mehr oder weniger zufällig ausgesuchte Leute aus der Spieleszene weiterschickte – und tatsächlich hatte ich als erstes mal herausgesucht, wo das Päckchen hergekommen war. Wäre es aus Bremen gekommen, wäre ich vielleicht auch nicht sofort auf Friedemann gekommen, weil ich selbst in Bremen aufgewachsen bin und dort doch noch einige Leute kenne, aber andere hätten den Braten vermutlich schnell gerochen.
Ein zweites Paket brachte er in den USA unter die Leute, ein drittes ließ er aus einem anderen Ort in Deutschland verschicken. Insgesamt waren es wohl so 150 Exemplare. Die Hoffnung darauf, wirklich viel Aufsehen zu erregen, erfüllte sich nicht (obwohl die wenigen Reaktionen durchaus positiv waren), jedenfalls stand es nicht wirklich in einem sinnvollen Verhältnis zu den Kosten, die Friedemann tragen musste. Bisher zumindest. Denn die Geeklist enthält gleichzeitig auch die Ankündigung, dass eine modifizierte Form des Spiels in Essen unter dem Titel Futschikato (englisch: Fuji Flush) erscheinen soll. Und Stunden später folgte dann die Ankündigung, dass Friedemanns Verlag 2F-Spiele künftig mit dem amerikanischen Verlag Stronghold Games zusammenarbeiten würde. Also jetzt doch einiges an Aufsehen im Vorfeld der Essener Messe im Oktober.

Einige Änderungen sind angekündigt: Futschikato wird eine andere Zahlenverteilung haben als Doppelt und Dreifach und wird für bis zu acht Leute spielbar sein. Die von unserer Spielgruppe ausprobierte Regeländerung hatte Friedemann nicht gefallen, aber hey, ist ja sein Spiel. Wir können es ja weiterhin spielen, wie wir lustig sind.
Für mich war das Ganze eine lustige Aktion, und ich freue mich, unter den Empfänger/innen gewesen zu sein. Letztlich bin ich auch genau in der Zielgruppe, da ich zwar ziemlich aktiv in der Spieleszene und insbesondere auf boardgamegeek bin, aber trotzdem kurze, knackige Spiele lieber mag als übermäßig komplexe. Das passte also schon.
Bleibt mir, Futschikato viel Erfolg zu wünschen (obwohl ich gerade selbst an einem Spiel mit einem ähnlichen Titel bastele). Vielleicht zahlt sich die ungewöhnliche Vorbereitungsphase ja doch aus und weckt im Nachhinein die richtigen Erwartungen. Wer weiß?
Die Spielwarenmesse in Nürnberg aus Sicht eines Spielers und Spieleautors
Viele Spielefans sind schon ein bis mehrere Male auf der Spielemesse in Essen gewesen (bei mir sind es so ungefähr 20 Besuche gewesen). Einige von uns haben sogar die Anfänge in der Essener Volkshochschule in den Achtzigern noch miterlebt (da kann ich selbst nicht mithalten, mein erstes Mal war 1990, als ich vom Rollen- und Simulationsspielverein 252 e.V. dafür angeheuert wurde, zufällig vorbeigehenden Leuten zu erklären, was ein Rollenspiel ist. Lang, lang ist’s her). Die Spielemesse findet im Oktober statt und läutet sozusagen das Weihnachtsgeschäft ein – Spiele, die dort vorgestellt werden, nehmen am Kaufrausch noch teil. Essen ist ein sagenhaftes Ereignis: 150.000 Leute (über 4 Tage verteilt), gut 40.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, und viele Gelegenheiten zum Spielen, Ausprobieren, Schnäppchenjagen und Geheimtipps hinterherhecheln, die man sonst im Spieleladen nicht kaufen kann.
Sozusagen der Gegenpol zu Essen ist die Spielwarenmesse in Nürnberg, die jedes Jahr Ende Januar/Anfang Februar stattfindet. Wer Essen für ein Großereignis hält, muss jetzt mal kurz den Atem anhalten: Das Messegelände in Nürnberg umfasst etwa 160.000 Quadratmeter und ist bis zum Rand voll mit Neuheiten aus der Welt der Spielwaren. Allerdings sind da natürlich nicht nur Spiele, sondern auch Modelleisenbahnen, Karnevalskostüme, Teddybären, ferngesteuerte Hubschrauber, peinlicher Plastikmüll und was nicht alles vertreten. Auch Hersteller von Verpackungslösungen, Transportideen und sowas haben Stände, da findet man auch einiges Ungewöhnliche. Der „kleine“ Ausschnitt, der von den Spieleverlagen belegt wird, ist aber immer noch ziemlich imposant und mehrere Hallen groß. Anders als in Essen kann man die Spiele dort allerdings nicht kaufen und auch nur in geringem Umfang spielen. Auch die Menschenmassen fehlen (wenn man mal von dem Gedrängel in der U-Bahn nach Toresschluss absieht), denn die Spielwarenmesse ist nur für Fachpublikum geöffnet. Um eine Eintrittskarte zu bestellen, muss man also für die Presse, einen Verlag, einen Spielwarenladen oder irgendsowas arbeiten, oder sich von einem solchen einladen lassen. Ich selbst war als Mitglied der Spieleautorenzunft dort; freier Eintritt in Nürnberg ist einer der zahlreichen Vorzüge, die die Mitgliedschaft bietet. Trotz der leereren Gänge sind die Messehallen reichlich unübersichtlich, wie ich finde. Wer auf die Idee gekommen ist, ungleichmäßig sechseckige Messehallen zu bauen, bei denen man nie genau weiß, an welcher Wand man sich gerade entlangbewegt (die Standwände sind gern mal drei Meter hoch und man kann nicht darüber hinweggucken), schämt sich hoffentlich mittlerweile dafür.


Da ich nur anderthalb Tage Zeit hatte (Samstag ganztägig und Sonntag bis zum frühen Nachmittag), habe ich gar nicht erst den Versuch gemacht, mir alles anzusehen, sondern mich überwiegend auf die Hallen 10.1 und 10.2 beschränkt, die sich die Spieleverlage mit einigen anderen ausstellenden Firmen teilen. Wer wirklich alles sehen möchte, hat sogar die Gelegenheit, mit Shuttlebussen zum anderen Ende der Hallen zu fahren. Wirklich zeitsparend ist das meiner Erfahrung nach allerdings nicht, zumal ich in einem Jahr mal von betont desinteressierten Einweisern mit einem Haufen anderer Opfer zusammen nicht in den Bus geschickt wurde, der direkt zum Haupteingang fuhr, sondern in den, der den Schlenker über den völlig verstopften Parkplatz machte. Nach einer knappen Stunde oder so bin ich ausgestiegen und zu Fuß eine Viertelstunde lang zurückgelaufen, um aus dem Stau herauszukommen. Wer sich wie ich vor allem für die Spiele interessiert, kann direkt bei Halle 10 anfangen, das ist praktischerweise fast direkt am Haupteingang.
Wenn man sich nun die Verlagsstände anguckt, was kann man dann dort sehen? Große Verlage wie Ravensburger, Kosmos, Amigo und so weiter haben in ihren Ständen eine Art Parcours eingerichtet, auf dem man an allen Neuheiten vorbeigeschleust wird. An jedem Tisch steht dann jemand (oder läuft mit einer Gruppe mit) und erklärt kurz Wissenswertes zum Produkt. Die Spiele sind dabei oft noch gar nicht fertig produziert, sondern es gibt nur professionell gestaltete Prototypen zu sehen. Man bekommt dann eben eine Kurzerklärung, die Information, wann etwas auf den Markt kommen soll, zu welcher Serie es gehört, welche Zielgruppe und welche Altersstufen es ansprechen soll, ob Fernsehwerbung geplant ist und so weiter – lauter Dinge, die für mich selbst kaum relevant sind. Und während Spieleverlage in der Regel eher entspannt mit sowas umgehen, ist es zum Beispiel bei Lego strikt verboten, Fotos im Stand zu machen – dafür gibt es die Pressemappen. Zielgruppe der Messe sind eben nicht Spieler/innen (obwohl man auch also solcher spannende Gespräche anzetteln kann), sondern vor allem Händler/innen und die Presse, und diese Hintergrundinformationen gehören zum Nürnberg-Erlebnis einfach dazu. Bei kleineren Ständen, deren Belegschaft aus einer bis einer Handvoll Personen besteht, gibt es durchaus auch mal die Chance, ein kürzeres Spiel auszuprobieren oder ein längeres anzuspielen. Das ist aber nur bei einer Minderheit der Stände überhaupt möglich.
Was soll das Ganze dann? Warum sollte man nach Nürnberg fahren? Wer keine beruflichen Temrine dort hat, kann natürlich versuchen, einen Überblick über die anstehenden Neuerscheinungen zu bekommen, und außerdem eine Menge interessante Leute treffen. Entweder begibt man sich dazu an ihren jeweiligen Stand und spricht sie an, oder man verabredet sich im Vorfeld mit ihnen, oder man hängt gelegentlich im von der Spieleautorenzunft eingerichteten Spielecafé herum, einer Art Ruhe-Oase im Messetreiben. Für solche Gespräche ist Nürnberg besser geeignet als Essen, weil der Hintergrundlärm fehlt. Als Spieleautor hatte ich diesmal keine neuen Prototypen mitgebracht, sondern hatte nur einen Verlagstermin, bei dem es um eine anstehende Neuerscheinung ging – ich konnte mir Beispielarbeiten des Grafikers angucken, habe erfahren, dass das Spiel bis zur Essener Messe im Oktober fertig sein sollte und ein paar weitere Details besprochen. Klar, das hätte man auch per Mail machen können, aber der direkte Kontakt ist doch sehr wertvoll, und kaum jemand kann ja quer durch die Welt oder auch nur durch Deutschland reisen, um in den einzelnen Verlagen persönlich vorstellig zu werden. Nürnberg ist daher ein ideales Pflaster für solche Gespräche, weil fast alle Verlage für einige Tage unter einem Dach vertreten sind.
Übrigens lasse ich es mir dann doch nicht nehmen, jedes Mal zwei Stände aufzusuchen, die nichts mit Spielen zu tun haben, nämlich Lego und Playmobil. Das sind einfach Kindheitsnachwirkungen. Die Führung durch den Playmobilstand ist normalerweise sehr nett, allerdings hatte ich dieses Jahr etwas Pech, weil selbst beim dritten Anlauf alles belegt war und ich mich einer schon losgelaufenen Gruppe anschließen musste. Diese war aber schon so groß, dass ich kaum etwas von den Erklärungen hören konnte. Dafür konnte ich dann die Neuheiten (überwiegend in Vitrinen) bestaunen, mich an einigen technischen Innovationen erfreuen (Flammen mit Saugnäpfen, die man an verschiedene Modelle anpappen und dann mit dem Feuerwehrschlauch wieder runterspritzen kann! Cool!) und feststellen, dass Playmobil zwar technisch innovativ, aber ansonsten gemütlich altmodisch geblieben ist – es gibt so gut wie keine Lizenzprodukte von Filmen oder sowas, brav werden Jungen- und Mädchenserien voneinander getrennt und die Welt ist insgesamt noch in Ordnung. Ich freue mich auf das nächste Mal.
Lego hingegen hatte diesmal in meinen Augen kaum spektakuläre Neuheiten zu bieten. Soundsoviel neue Star-Wars-Fahrzeuge („auch für die Fans der klassischen Filme“, wurde da erklärt, während wir vor irgendsonem Ding aus Episode I-III standen), Superheldenlizenzen, eine neue Reihe mit Kämpfen von guten Rittern gegen böse Monster, nichts, was mich vom Hocker gerissen hätte. Dafür scheint sich Lego die in letzter Zeit ja zum Teil beißende Kritik an seiner Geschlechtereinteilung ein bisschen zu Herzen genommen zu haben – da findet sich doch tatsächlich ein Vater mit Baby im Kinderwagen (in der gleichen Packung wie der erste Rollstuhlfahrer im Firmenportfolio) oder eine mutige Prinzessin, die in irgendso einem Kampfvehikel den Kreaturen des Bösen entgegen tritt. Und die Lego Friends sind auch nicht mehr ausschließlich damit beschäftigt, Pferde zu dressieren und Muffins zu backen, sondern sind jetzt zum Beispiel auch astronomisch tätig. Bin durchaus gespannt, wie viel Erfolg diese zaghaften Versuche haben. Und die Führung war gegenüber dem vorletzten Jahr (2015 konnte ich leider nicht zur Messe) deutlich besser organisiert, man war durch Kopfhörer mit der Erklärerin verbunden und konnte auch mal einen Seitenblick wagen, ohne etwas zu verpassen. Das war früher doch ein ziemlicher Viehtrieb geworfen, das fühlte sich diesmal viel besser an.
Lego hat wahrscheinlich den größten Messestand überhaupt. Ich habe spaßeshalber mal nachgefragt: An den sechs Tagen der Messe waren insgesamt – festhalten – 520 Mitarbeiter/innen vor Ort (380 am Spitzentag). Die größten Stände in Essen bieten vielleicht gut ein Zehntel davon auf, was zeigt, wie klein Spieleverlage im Vergleich zu Spielzeugriesen immer noch sind.


Insgesamt ist die Messe in meinen Augen dann attraktiv, wenn man entweder Konkretes dort zu tun hat oder man ohnehin in der Nähe wohnt und keinen allzu großen Aufwand betreiben muss, um mal hinzufahren. Schön ist es zum Beispiel, eine überschaubare Anzahl von Terminen zu vereinbaren und viel Zeit dazwischen frei zu lassen, damit man Zeit hat, sich einfach irgendwo festzuquatschen oder mit irgendwas zu spielen – dann kann die Messe ein tolles Erlebnis sein.




