Machtlose Gottheiten

Dass ich mich für Spiele aus entfernten Weltgegenden interessiere, liegt unter anderem auch daran, dass dort manchmal Themen behandelt werden, auf die man hierzulande kaum kommen würde. Gerade aus Japan kommen immer mal wieder Sachen, die mich ungläubig staunen lassen, denn einige der kleineren Verlage scheinen dort nicht zuerst den Profit (und damit das Ansprechen einer möglichst großen Zielgruppe) im Auge zu haben, sondern einfach nur ihre Idee verwirklichen zu wollen. Das kann Vor- und Nachteile haben. Einerseits erweitert es den Horizont massiv, andererseits besteht natürlich die Gefahr, dass neben dem thematischen auch der spielerische Geschmack einer größeren Zielgruppe verfehlt wird. Aber ich bin ja experimentierfreudig, und so habe ich mich über den Auftrag gefreut, das Spiel Mayfly ins Deutsche zu übersetzen. Ein Spiel über das Leben einer Eintagsfliege? Was soll da schon schiefgehen?

Mayfly

Worum geht’s?

Die Spieler*innen übernehmen die Rolle von Flussgottheiten, die kooperativ eine Eintagsfliegenlarve aufpäppeln, damit sie stark genug ist, als Erwachsene eine Partnerin zu finden und Nachwuchs zu zeugen. Weiterlesen

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Die Japon-Brand-Liste für 2018 ist da!

Für mich läutet die Veröffentlichung der Japon-Brand-Liste für Essen immer ein bisschen die Vorfreude auf die Messe ein. Und die Liste ist nun online! Wie immer ist noch nicht völlig klar, ob nicht noch was dazukommen könnte, aber auch jetzt schon sind einige spannende Sachen zu sehen.

Für diejenigen, die Japon Brand noch nicht kennen: Japon Brand ist eine gemeinnützige Organisation, die jedes Jahr eine Reihe Spiele von japanischen Kleinverlagen nach Essen mitbringt, jeweils in begrenzter Anzahl zwischen ungefähr 10 und 300 Stück. Wer sichergehen will, ein bestimmtes Spiel zu bekommen, sollte es unbedingt vorbestellen und dann in Essen abholen. Auf gut Glück zum Japon-Brand-Stand zu gehen, hat allenfalls direkt zu Messebeginn am Donnerstagmorgen wirklich gute Aussichten auf Erfolg. Die Chancen, hinterher noch an die Spiele heranzukommen, sind nicht so sehr hoch, obwohl einige der Spiele von der Messe aus ihren Siegeszug um die Welt angetreten haben (wie zum Beispiel Love Letter und Machi Koro).

Da ich auch dieses Jahr wieder für Japon Brand als Übersetzer im Einsatz bin, habe ich die Spiele, für die ich eingeteilt bin, schon bekommen und auch einige ausprobieren können. Zu denen (und einigen anderen) möchte ich hier erste Kurzeinschätzungen geben. Wahrscheinlich werden zu dem einen oder anderen Spiel auch noch ausführlichere Rezensionen folgen.

Animale Tattica

Autor Susumu Kawasaki war hier vor einigen Jahren mit dem lockeren Ablegespiel R-Öko (erschienen bei Amigo) in Erscheinung getreten. Sein neues Spiel ist seiner eigenen Aussage nach von Der Große Dalmuti inspiriert. So sehr ähnlich finde ich die beiden Spiele allerdings nicht. Vier verschiedene Tierarten (Hund, Katze, Pinguin und Bär) treten in einen Wettbewerb ein. Jede*r Spieler*in kontrolliert eine Tierart und versucht, die Karten aus der Hand zuerst loszuwerden. Dabei kann man Einzelkarten oder Paare, Drillinge und so weiter legen – muss aber entweder gleich viele Karten legen, die höher sind, oder mehr Karten mit der gleichen Gesamtsumme. Uns hat es Spaß gemacht, obwohl es das Rad nicht neu erfindet. Meine Tochter fand es aber allein schon wegen der sehr japanischen Illustrationen klasse.

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Neue Spiele aus Lateinamerika, August 2018

Argentinien

Fast Food ist ein sehr einfaches Spiel von Joel Pellegrino Hotham, das er in seinem Verlag juegosdemesa.com.ar herausgegeben hat. Es besteht aus acht großen Karten mit jeweils sieben Tellern drauf. Auf jedem Teller ist eine andere Kombination aus Zutaten abgebildet. Ein*e Spieler*in würfelt mit drei Würfeln, und nun müssen alle den Teller finden, auf dem genau die Kombination aus Zutaten zu sehen ist. Wer ihn gefunden hat, greift schnell nach dem hölzernen Salzstreuer auf dem Tisch und stellt ihn auf den entsprechenden Teller. Dafür gibt es einen Hamburger-Chip. Wenn alle Hamburger-Chips verteilt sind, gewinnt, wer am meisten davon hat. Eine Erweiterung ist auch gleich mit auf den Markt gekommen, die neue Regeln und unter anderem einen vierten Würfel enthält. Die Illustrationen hat der Autor gemeinsam mit Silvina Fontenla beigesteuert. Weiterlesen

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Ein Spiel über das Leben

Als Kind war ich mal mit meiner Kleinfamilie in Schweden. Wir hatten ein Häuschen im Wald gemietet, und ich erinnere mich noch dran, dass es drei Kilometer von der nächsten Behausung entfernt war. Das war für mich als Stadtkind eine unheimlich beeindruckende Sache. Gibt es solche Orte in Deutschland überhaupt?
Rund 40 Jahre später sitze ich fast sprachlos vor meinem Computer und schaue mir ein Satellitenbild des Ortes Ivujivik an. Da gibt es zwar diverse Häuser an einem Fleck (2011 wohnten dort 370 Menschen), aber jenseits davon kommt erstmal lange Zeit gar nichts. Der nächste Ort ist Luftlinie mehr als 100 Kilometer entfernt (und auch nicht viel größer), und Luftlinie ist wörtlich zu nehmen, denn zu keinem der Orte führt eine Straße.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Thomassie Mangiok

Einer dieser 370 Menschen aus Ivujivik ist Thomassie Mangiok, der gerade eine bisher noch nicht genug beachtete Kickstarter-Kampagne für sein Spiel Nunami am Laufen hat. Eigenen Angaben zufolge handelt es sich dabei um das erste moderne Spiel der Inuit überhaupt. Mangiok war so nett, mir ein paar Fragen zu beantworten. Ich zitiere mal: Weiterlesen

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Hut Alive! Ukubuwa! Igure Table Soccer!

Kenechukwu Ogbuagu

Kenechukwu Ogbuagu mit seinen Spielen

Ich hatte schon hier und da über Kenechukwu Ogbuagu berichtet, der fast im Alleingang eine Brettspielszene in Nigeria erschaffen hat. Was klein begonnen hat, hat sich mittlerweile ganz schön gemausert, finde ich. Nachdem die frühen Versionen der Spiele noch in einfachen Plastiktaschen verkauft wurden, gibt es sie seit Kurzem in richtigen Schachteln. Das war vielleicht das Startsignal, das KC gebraucht hat, um den Schritt auf den internationalen Markt zu wagen. Weiterlesen

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Neue Spiele aus Lateinamerika, Juli 2018 (Teil 2)

Meine heutige Übersicht fällt ein bisschen kürzer aus (und ich habe auch nicht zu allen Spielen Bilder auftreiben können), aber das hatte ich ja von vornherein angedroht. Ich habe zwar fleißig recherchiert, aber im Moment finde ich vor allem Sachen für August und September. Ich vermute mal, dass es da wieder ein bisschen anziehen wird. Und dann kommt ja auch schon die Messe…

Argentinien

Piensa Palabra (Denk dir ein Wort) ist das erste Spiel des Verlags Multiverso, aber weitere sind bereits im Druck (dazu wohl demnächst mehr). Es ist ein simples Wortspiel, bei dem drei Karten aufgedeckt werden, von denen eine einen Anfangsbuchstaben zeigt, eine eine inhaltliche Kategorie und eine dritte eine sonstige Beschreibung des Wortes. Wer nun zuerst ein passendes Wort findet, ruft dieses aus und darf eine der Karten wegnehmen, die dann ersetzt wird. Wer zuerst 10 Karten gesammelt hat, gewinnt. Der Autor des Spiels ist Shannon Conly. Weiterlesen

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Über den Wolken…

… muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. So sang einst Reinhard Mey, und so sah es offenbar auch Andrew Miller und nahm sich sehr viele Freiheiten bei der Erschaffung seines Spiels The Cloud Dungeon (Das Wolkenverlies).

Wie wahrscheinlich eine Menge anderer Leute hier habe ich in meiner Jugend gelegentlich so Solo-Abenteuer-Bücher gelesen, wo man hier und da Entscheidungen trifft, die einen dann auf eine bestimmte andere Seite führen, sodass man gegebenenfalls immer wieder eine andere Geschichte erleben kann. Weil diese Art von „Choose your own Adventure“-Büchern in letzter Zeit wieder populärer zu werden scheinen, hatte ich mir vor ein paar Monaten mal zwei davon bestellt. Nachdem ich das erste durchgespielt hatte, war ich doch arg ernüchtert – das war stinklangweilig, atmosphäre- und spannungsfrei. Von sowas wie sprachlicher Finesse konnte erst recht keine Rede sein. Die Vorstellung, das dann noch mal anzufangen, um eine andere Variante der Geschichte zu erleben, lag mir fern. Das zweite habe ich noch gar nicht ausprobiert und bin auch nicht mehr so sehr sicher, ob ich das überhaupt tun sollte.

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Neue Spiele aus Lateinamerika, Juli 2018

Argentinien

Die erste Auflage des Spiels Bariesus von Marcos Mignola erschien bereits 2014, jetzt gibt es eine zweite Auflage bei juegosdemesa.com.ar. Die Bariesus sind mächtige Magier, die die Elemente manipulieren können. Sie versuchen, eine bestimmte Zahl von Gebieten zu erobern, indem sie Armeen von Wasser, Feuer, Luft und Erde heraufbeschwören und aufeinanderhetzen, was durch das Ausspielen von Karten geschieht. Aus den eroberten Landstrichen ziehen sie nun Steuern, mit denen sie weitere Söldner anheuern können. Wenn niemand den Kampf innerhalb von 20 Runden entscheiden kann, zerstört der Gott Kasdail das Universum, was sich eher unvorteilhaft auswirkt. Illustriert hat diese Vorstufe der Apokalypse Samanta Armonelli. Weiterlesen

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Kaum Hoffnung für die Eisbärbabys

Meine letzten Besuche in Zoos sind einige Jahre her, aber ich erinnere mich sehr gut an eine Fahrt in den Zoo in Hannover, bei dem mir vor allem ein Eisbär in Erinnerung geblieben ist. Man kann da in einen Raum gehen, der teilweise unter der Wasseroberfläche liegt und den Eisbären beim Schwimmen zusehen. Dieser eine Eisbär kam gelegentlich an die Scheibe, und seine enorme Pranke hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das hat mein Bild von Eisbären seither ziemlich dominiert. In der Öffentlichkeit scheinen dagegen zwei andere Blickwinkel vorzuherrschen: der vom süßen Eisbärbaby und der von der durch abschmelzende Polkappen bedrohten Tierart. Von Pranken ist in Rescue Polar Bears – Data & Temperature denn auch wenig zu sehen, stattdessen tun sich die Spieler/innen zusammen, um den Fortbestand der süßen Eisbären in einer schmelzenden Umgebung zu sichern.
Eine erste Version des Spiels namens Rescue Polar Bears erschien 2016 im chinesischen Verlag Boxed Lightning Games. 2017 wurde das Spiel bei TwoPlus in Taiwan überarbeitet und unter anderem in Essen verkauft. Im Frühjahr gab es dann noch eine Kickstarter-Kampagne bei Mayday Games in den USA, die das Spiel ungefähr jetzt ausliefern dürften. In Deutschland ist es beim Nicegameshop erhältlich.

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Twixt ist allen Ernstes auf Kickstarter gelandet.

Gestern ist eine Kickstarter-Kampagne für eine Neuauflage von Alex Randolphs Klassiker Twixt gestartet. Das könnte man begrüßen, denn einige alte Spiele sind bis heute gut und man würde sich wünschen, sie wären weiterhin erhältlich. Leider ist das hier aber alles andere als ein gewöhnlicher Fall. Der neue Verleger, Wayne Dolezal, hat nämlich ein Schlupfloch im amerikanischen Rechtssystem ausgenutzt und sich Copyright- und Trademark-Rechte1  für Twixt gesichert. Es gibt also keine Einigung mit dem Erben von Alex Randolph, Michael Katz. Das Thema hatte im letzten Jahr schon längere Diskussionen ausgelöst, und ich gehörte zu den Leuten, die sich dachten, dass Dolezal einen Rückzieher machen könnte, sobald klar genug wäre, dass die internationale Spieleszene so etwas nicht goutiert. Nun scheint es aber so zu sein, dass Dolezal sich darum in keiner Weise schert. Wäre er von Anfang mit dem Angebot an Michael Katz herangetreten, eine Neuauflage des Spiels zu verlegen, hätte es womöglich eine Einigung geben können. Nun aber stehen sich die beiden Lager unversöhnlich gegenüber, was teilweise zu bizarren Konstruktionen geführt hat: Weiterlesen

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