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Neue Spiele aus Lateinamerika, 8/2019

Heute geht’s hauptsächlich ums Essen. Vor allem um ungesundes.

Brasilien

Und weiter geht es mit ein paar Neuigkeiten von DOFF:
Neue Spiele aus Lateinamerika, Teil 8/2019Fertig produziert und ausgeliefert ist mittlerweile Sobrevivência na Amazônia von Roberto Tostes, das voriges Jahr auf den letzten Drücker schwarmfinanziert worden war. Bei DOFF lag es nun erstmals auf dem Tisch. Vom bizarren Singspiel Pablo gab es dagegen eine komplett neugestaltete und überarbeitete Ausgabe zu bewundern. In diesem Partyspiel von Marcos Mayora und Kevly Ciesca geht es darum, singend Wortkarten loszuwerden, wobei die anderen Spieler*innen in den Gesang mit einsteigen können, wenn ihre eigenen Wortkarten auftauchen. Erschienen ist die neue Auflage bei FunBox Jogos, die sich von Mandala/grok abgespalten haben und nun wieder eigenständig agieren. Neue Spiele aus Lateinamerika, 8/2019 weiterlesen

Mittendrin statt nur dabei.

Auf der Nürnberger Messe hatte ich noch ein weiteres Rezensionsexemplar von Oink Games bekommen, nämlich das Partyspiel Insider.

Insider

Worum geht’s?
Die mindestens 4 (besser mehr) Spieler/innen ziehen Rollenkarten, nämlich Spielleiter/in (der/die sich outen muss), Insider/in und Bürger/innen. Anschließend wird aus einem Kartenstapel ein Begriff ausgelost, den nur Spielleiter/in und Insider/in erfahren (letztere/r, ohne, dass die anderen es merken). Dann wird eine Sanduhr umgedreht, und alle versuchen, herauszufinden, was der Begriff ist, indem sie dem/der Spielleiter/in Ja-Nein-Fragen stellen. Wird der Begriff erraten, wird die Sanduhr sofort wieder umgedreht. Jetzt beginnt eine Diskussion darüber, wer der/die Insider/in war. Für diese Diskussion gibt es genauso viel Zeit, wie zum Erraten des Begriffes benötigt wurden. Wird der/die Insider/in (in einem zweistufigen Verfahren) von der Mehrheit der anderen (einschließlich Spielleiter/in) identifiziert, gewinnen alle, falls nicht, gewinnt der/die Insider/in.

Wird der Begriff aber gar nicht erraten, verlieren gleich alle. Das sollte im Normalfall eigentlich nicht vorkommen, denn der Insider/in kennt ja den Begriff und kann ihn jederzeit „raten“.

Und? Macht das Spaß?
Ja, das ist lustig. Wer Kinder hat, wird wahrscheinlich sowieso öfter in längere Sitzungen von Tiere-Raten oder sonstigen Ja-Nein-Fragespielen verwickelt, und da schadet es nicht, diesen ein bisschen Pep zu verleihen. Das ist bei Insider eindeutig gelungen. Aber warum eigentlich?

Das einzig Komplizierte an dem Spiel sind die Diagramme, anhand derer erklärt wird, wer eigentlich gewonnen hat. Wenn man es einmal verstanden hat, ist es aber kein großes Problem mehr. Der einfachste Fall ist, dass alle verlieren, wenn der Begriff gar nicht erraten wird. Das hat am Ende der/die Insider/in ja in der Hand. Wenn diese/r entweder weniger motiviert ist oder nicht weiß, was er/sie fragen soll oder nichts verstanden hat, werden sozusagen alle mitbestraft. Das passt zwar zum Spiel, ist aber durchaus schräg (und in einer unserer Partien tatsächlich vorgekommen und war recht unbefriedigend). Der Mechanismus dient aber sicherlich eher für das Gegenteil, nämlich um zu verhindern, dass die Bürger/innen nichts sagen und damit den/die Insider/in outen.

Insider

Es sind eben alle Leute verschieden. Einige haben Spaß am Fragen und stoßen so ungeniert Richtung Lösung vor, dass der/die Insider/in sich eigentlich fast im Hintergrund halten kann, während andere fast gar nichts sagen, weil sie vielleicht etwas schüchterner sind oder gerade keine Ideen haben. Und erst, wenn man drei oder vier Runden hintereinander weggespielt hat, lernt man, die feinen Veränderungen im Verhalten der Leute zu bemerken. Ist jemand, der sonst sehr still war, plötzlich aktiver? Oder anders herum? Wenn man so weit ist, so etwas beobachten zu können, wird Insider ein richtig schönes Detektivspiel. Das merkt man an der Diskussionsphase – während man bei den ersten Partien vor allem darauf achtet, was gesagt wird, geht es später mindestens genauso stark darum, wie etwas gesagt wurde.

Eine für mich interessante Beobachtung war, dass ich, ähnlich wie bei A Fake Artist Goes to New York, beim Spielende eigentlich gar nicht in der Kategorie Gewinnen und Verlieren gedacht habe. In beiden Fällen freut man sich, wenn man unerkannt geblieben ist. Dass man von der Spielregel als Gewinner/in oder Verlierer/in bezeichnet wird, ist eigentlich nur dazu da, um das Spielziel zu erläutern. Wenn ich zum Beispiel ein Wirtschaftsspiel spiele, weiß ich, dass ich mehr Geld sammeln muss als die anderen, um zu gewinnen. Darüber denke ich beim Zählen meines Geldes durchaus aktiv nach. Ebenso weiß ich bei einem Rennspiel jederzeit, dass ich der Gewinner bin, wenn ich zuerst im Ziel ankomme. Noch extremer ist es bei einem Punktesalat-Spiel, wo ich im Kopf ständig meine Punkte zähle und überlege, ob es wohl mehr sind als den anderen. Bei Insider oder A Fake Artist Goes to New York dagegen fühlt sich Gewinnen und Verlieren anders an, es tritt in den Hintergrund, vielmehr dominiert die kichernde Freude über das Ertappen oder über das Nicht-Ertapptwerden. Das mag ich.1

Das ist ein Teil der Siegbedingungen…

Letztlich steht und fällt Insider wie so viele Partyspiele mit der Gruppe. Man braucht ein paar kommunikative Leute, die Lust an Knobelei haben, dann gibt es viel zu lachen. Wenn man die zusammenhat, fällt es kaum noch ins Gewicht, dass das Spiel nicht unbedingt ausbalanciert ist. Es geht um den Moment und nicht um die langfristige Planung. Und am Ende sagen alle: „Noch mal!“
Trotzdem gefällt mir der Fake Artist noch ein klein wenig besser, weil er innovativer ist, einen intuitiveren Einstieg und noch ein wenig mehr zu lachen bietet. Ich würde aber beide jederzeit gern spielen und kann auch den Insider bedenkenlos weiterempfehlen.

Gesamteindruck: 7/10

Insider
von Akihiro Itoh, Kwaji, Daichi Okano, Kito Shinma
für 4 bis 8 Leute
Gestaltung von Jun Sasaki
Oink Games, 2016

 

1 Mit diesem Thema habe ich mich im Rahmen einer Spielentwicklung mal länger beschäftigt. Bei jenem Prototypen gab es keine formelle Siegbedingung, sondern nur ein „Das Spiel endet, wenn bei jemandem das und das passiert.“ Was das bedeutete, wurde aus dem Spiel selbst klar. Ich träume bis heute davon, dass wir dieses Spiel mal wirklich fertig kriegen.

Zeitbomben mit scharfen Zähnen

Malspiele gibt es viele, und nicht alle davon reißen mich vom Hocker. Aber wenn eins „A Fake Artist Goes to New York“ (locker übersetzt: Ein/e Möchtegernkünstler/in geht nach New York) heißt, dann gucke ich zumindest mal genauer hin. Als ich auf der Messe in Essen dann zu Oink Games ging, um mir Tiefseeabenteuer zuzulegen, konnte ich nicht widerstehen und kaufte den Fake Artist auch gleich noch mit.

A Fake Artist Goes to New York
Die kleine Oink-Standardschachtel ist randvoll.

Worum geht’s?

Eine Gruppe von Künstler/innen möchte ein gemeinsames Bild in New York ausstellen. Leider hat sich jemand in die Gruppe eingeschlichen, der keine Ahnung von Kunst hat, aber damit nicht auffallen möchte.

Eine Person wird Spielleiter/in und denkt sich ein Motiv aus, das das Bild zeigen soll. Dieses Motiv schreibt er oder sie mit einem abwischbaren Stift auf so viele kleine Kärtchen, wie Leute mitspielen. Auf einer Karte steht allerdings ein Kreuz. Jede/r zieht ein Kärtchen, und wer das Kreuz hat, kennt das Motiv eben nicht. Dann verkündet der/die Spielleiter/in einen Oberbegriff, zum Beispiel „Tier“, wenn das Motiv ein Löwe ist, und bestimmt eine/n Startspieler/in. Diese/r beginnt nun, auf einem gemeinsamen Zettel zu malen, aber nur ein kleines Stückchen. Dann wandert der Zettel herum, und jede/r fügt ein kleines Stückchen zu dem Bild hinzu. Wer keine Ahnung hat, was gemalt werden soll, muss eben bluffen und irgendwie mitmalen. Da jede/r eine eigene Farbe hat, kann man immer nachvollziehen, wer was gemalt hat. Wenn jede/r zweimal dran war, müssen alle tippen, wer der oder die Möchtegernkünstler/in war. Wird diese/r nicht von der Mehrheit der Künstler/innen erkannt, gewinnt er oder sie zusammen mit dem/der Spielleiter/in. Falls doch, gibt es eine weitere Chance, wenn er oder sie das Motiv benennen kann.

A Fake Artist Goes to New York

Und? Macht das Spaß?

Ja, sehr. Eine Partie dauert nur ein paar Minuten, aber meist spielt man mindestens so oft, dass jede/r einmal Spielleiter/in war. Dafür gibt es keinen wirklichen Grund, sondern es bietet sich einfach so an. Und so beschäftigt man sich dann doch eine ganze Weile damit. Man kann aber jederzeit aufhören, neue Leute hinzufügen, andere können aussteigen – in manchen Situationen ist sowas ja ideal.

Schön ist auch, dass man überhaupt nicht gut malen können muss, um sinnvoll mitzuspielen. Das Spiel lebt natürlich vor allem davon, dass verschiedene Leute verschiedene Vorstellungen davon haben, was gemalt werden soll. Einmal lautete das Thema Paris, und jemand begann mit einem Croissant. Eine andere Spielerin verstand das als Mond und malte die Eiffelturmspitze irgendwo drunter. Und so weiter. Am Ende sind die Bilder manchmal völlig abstrakt und es ist kaum zu erahnen, was sie darstellen sollen.

Trotzdem gewinnen meiner Erfahrung nach nur selten die echten Künstler/innen, weil sie einfach nicht oft genug erraten können, wer nur so getan hat, als ob. Hier ist das Spiel also gar nicht unbedingt so sehr gut ausbalanciert. Wenn man andererseits reihum die Spielleitung übernimmt, kommen auch alle öfter mal in den Genuss des Gewinnens.

Gute Wörter auszuwählen ist gar nicht so einfach. Es hängt sehr von der Gruppe ab, was funktioniert. Mit reinen Erwachsenengruppen sind natürlich andere Dinge möglich als wenn Kinder mitspielen (meine Kinder lieben es über alles). Wenn man als Spielleiter/in allerdings allzu seltsame Dinge auswählt, dann ist der/die Möchtegernkünstler/in im Falle einer Enttarnung chancenlos. Also sind meist simplere Dinge besser. Aber das muss man einfach selbst ausprobieren. Übrigens hat es für uns bisher mit jeder Spieler/innenzahl funktioniert (wir waren zu fünft bis neunt).

Ein paar kleine Regeln bringen zusätzlich Pfiff ins Spiel. Der/die Spielleiter/in darf aussuchen, wer zuerst malen soll. Normalerweise ist das natürlich jemand, der oder die das Wort kennt. Aber auch als Möchtegernkünstler wurde ich neulich mal aufgefordert, zu beginnen. Und siehe da, niemand hat mich verdächtigt… Unberechenbar zu bleiben ist hier also sinnvoll.

A Fake Artist Goes to New York
Hier musste ich (grün) als Möchtegernkünstler beginnen. Die Kategorie war “gefährlich”, also habe ich einen Zahn gemalt. Es ging aber um eine Zeitbombe, und alle anderen haben meinen Zahn als Zeiger interpretiert…

Insgesamt ist A Fake Artist Goes to New York zwar kein wirklich ausgewogenes Konzept, macht aber einfach so viel Spaß, dass das weniger ins Gewicht fällt. Ich jedenfalls bin sofort gern wieder dabei.

Vor einigen Tagen ist bei Brettspiegel übrigens ein Interview mit Laura Grundmann erschienen, der Geschäftsführerin von Oink Games Deutschland. Ich fand das ganz lesenswert, das klingt noch sehr urwüchsig, finde ich.

Gesamteindruck: 8/10

A Fake Artist Goes to New York
für 5 bis 10 Leute
von Jun Sasaki
Illustrationen: Alle Beteiligten
Oink Games, 2012