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Was “Black Lives Matter” mit der Spieleszene zu tun hat

Es ist gerade mal etwas mehr als einen Monat her, dass George Floyd bei einem extrem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis getötet wurde. Nun ist das leider kein Einzelfall; jedes Jahr sterben in den USA rund 1000 Menschen bei Polizeieinsätzen (etwa hundert mal so viele wie in Deutschland, bei vierfacher Bevölkerung). Entsprechend ist das Thema in Deutschland schon wieder etwas unter Fleischfabriken, Wirecard und Philip Amthor begraben worden. In den USA scheint die Lage aber ein bisschen anders zu sein. Dort hat dieser Fall mehr ausgelöst als vergleichbare frühere. Das mag an dem Video liegen, das kursiert (ich gucke mir sowas nicht an, das halte ich nicht aus), aber warum auch immer, es hat etwas angestoßen, das weit in die Spieleszene hineinreicht (sonst würde ich hier auch nicht darüber schreiben). Meine Kontakte in die USA kommen zu einem erheblichen Teil durch Spielefreundschaften zustande, und ich bewege mich auch auf Boardgamegeek und in diversen englischsprachigen (meist amerikanischen) Facebookgruppen. Dort gibt es zum Teil beachtliche Verschiebungen, die hierzulande vielleicht weniger wahrgenommen wurden, die ihre Wellen über kurz oder lang aber auch hier schlagen werden.

Die Situation in den USA

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Oh nein, nicht noch so ein olles Teeservice!

Nur wenige japanische Spieleautoren haben in Deutschland überhaupt einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Seiji Kanai, der Autor von Love Letter, steht dabei natürlich ganz oben. Wenn Ihr Euch zumindest ein bisschen für die japanische Szene interessiert, sollte Euch auch der Name Hisashi Hayashi nicht ganz unbekannt sein, dessen Spiele Trains und Auf nach Indien auch hierzulande einigermaßen erfolgreich waren. Von Hisashi Hayashi ist im letzten Jahr ein neues Kartenspiel namens Curio Collectors erschienen, dessen Beschreibung mich gleich lockte. Bis ich es dann wirklich in die Finger bekam, vergingen einige Monate, aber schließlich hatte ich es geschafft, und es ging dann auch schnell ans Spielen. Hier kommen meine Eindrücke.

Curio Collectors

Bei Curio Collectors geht es darum Antiquitäten zu sammeln. Jede Art von Antiquität hat einen bestimmten Wert (zwischen 2 und 8), aber nur, solange sie selten ist. Hat man zu viele Antiquitäten von einer Sorte gesammelt, ist jede entsprechende Karte minus einen Punkt wert. Das Limit hängt vom Wert der jeweiligen Antiquität ab: Bei den teuren (und auch seltener vorhandenen) Karten liegt er bei eins, bei häufigeren und billigeren bei zwei oder drei. Es geht also darum, von möglichst vielen Antiquitätenarten nicht mehr als das Limit zu sammeln. Das ist allerdings leichter gesagt als getan.
Zu Beginn einer Runde liegt eine lange Reihe von Karten auf dem Tisch (die Länge hängt von der Zahl der Spieler/innen ab). Ein/e Spieler/in wird „Magister“ und teilt nun die Reihe in zwei Teile. Nun müssen sich alle gleichzeitig für einen dieser beiden Teile entscheiden. Hat sich für einen Teil niemand entschieden, kommen diese Karten auf eine sogenannte Schatztruhe. Hat man sich allein für einen Teil entschieden, bekommt man alle Karten dieses Teils. Gibt es aber mehrere Leute, die den gleichen Teil haben wollen, wird er erneut geteilt und es geht so weiter (die Rolle des Magisters wandert dabei um den Tisch). Wenn sich mehrere für einen Teil entscheiden, der nur noch aus einer Karte besteht, kommt diese Karte ebenfalls auf die Schatztruhe und die Beteiligten erhalten eine Entschädigungskarte. Bevor allerdings überhaupt gewählt wird, fügt der/die Magister/in eine Boss-Karte in die Reihe ein. Wer diese bekommt, erhält am Ende der Runde den gesamten Inhalt der Schatztruhe. Auch sonst gibt es noch ein paar spezielle Karten: Infernos, die Minuspunkte zählen, Juwelenkarten, für die keine Limits gelten und drei verschiedene Karten, bei denen man bestimmte Sonderaktionen durchführen muss (eine negative, eine neutrale und eine positive).
Auf diese Weise spielt man fünf Runden. Wer dann die meisten Pluspunkte gesammelt hat, gewinnt das Spiel.

Curio Collectors
24 Punkte

Und? Macht das Spaß?
Ja. Wer sich nach der Spielbeschreibung ein wenig an Klaus Teubers Klassiker Adel verpflichtet (der es 1990 zu Spiel-des-Jahres-Ehren brachte) erinnert fühlt, liegt nicht so ganz falsch. Man trifft seine Entscheidungen gleichzeitig, treffen mehrere Leute die gleiche, gibt es eine weitere gleichzeitige Entscheidungsrunde. Bei Curio Collectors kann das noch ein ganzes Stück weitergehen, aber das Grundprinzip ist nicht gänzlich neu. Und auch wenn ich Adel verpflichtet noch immer für ein gutes Spiel halte, wirkt Curio Collectors doch die entsprechenden 25 Jahre frischer, zumal Hisashi Hayashi das Spielprinzip auf ein kleines Kartenspiel eingedampft hat. In meinen Augen hätten sogar noch zwei der drei Sonderkarten wegfallen können – richtigen Mehrwert bringt nur die Karte, mit der man zwei Artefakte zerstören muss/kann. Ich mag ja immer Spiele, die auf ihre Essenz reduziert sind.
Trotz der an und für sich simplen Regeln bietet Curio Collectors genügend Platz zum Taktieren. Insbesondere die Boss-Karte, mit der man am Ende den Reststapel einsammelt, ist ein tolles Spielelement. Man sollte sie nicht zu früh nehmen, weil man noch nicht weiß, was auf der Schatzkiste landen wird, Aber wenn man einigermaßen absehen kann, was dort liegt, kann man sich manchmal richtig drum reißen. In unseren Testrunden kam es überhaupt erstaunlich selten vor, dass wir tatsächlich Limits überschritten haben, aber die Drohung, dass es passieren kann, macht die Würze des Spiels aus. Entscheide ich mich für eine Reihe Karten, in der eine unerwünschte Karte zu viel ist? Das kann unwichtig sein, wenn ich davon ausgehe, das diese Reihe erneut geteilt wird. Natürlich kann ich da auch auf die Nase fallen, wenn ich dann plötzlich doch der Einzige war, der diese Reihe haben wollte. Hier heißt es, die Bedürfnisse und Pläne der anderen gut einzuschätzen. Da es keine verdeckten Karten gibt, kann man sich gut in die Situation der anderen versetzen, und es macht diebischen Spaß, mit einem unerwarteten Zug die Pläne der anderen zu durchkreuzen.

Die Grafik des Spiels ist für europäische Augen vielleicht ein bisschen anstrengend. Ich wäre für etwas klarere Linien dankbar, aber man gewöhnt sich auch einigermaßen schnell dran. Allerdings liegt es vielleicht auch daran, dass ich das Spiel zu viert noch etwas besser fand als zu fünft. Je mehr Leute mitspielen, desto länger ist halt die ausgelegte Kartenreihe, und die weiter entfernten Karten waren nicht immer so ganz einfach zu übersehen (ich saß am Tischende).

Trotzdem gibt es von mir eine klare Empfehlung, und ich freue mich schon auf die nächsten Partien.

Gesamteindruck: 8/10

Curio Collectors (はんか通骨董市)
Für drei bis sechs Personen
Von Hisashi Hayashi (林尚志)
Illustrationen von Ryo Nyamo (林良子)
Erschienen bei OKAZU Brand, 2015