Kampf um (oder gegen?) die Wissenschaft

In diesem Blog gibt es ja eher selten was über sogenannte Kennerspiele zu lesen, aber ich mache heute mal ne Ausnahme, denn ich habe Belaad: The Land of Swords and Quills mittlerweile zu dritt, viert und fünft gespielt und es hat mir so gut gefallen, dass ich es mal empfehlen möchte. Ich hatte es letztes Jahr auf der Spiel Digital kennengelernt und dann die Gelegenheit gehabt, es mir aus dem Iran mitbringen zu lassen. Wenn Ihr Ähnliches vorhabt, solltet Ihr darauf gefasst sein, dass das durch seine opulente Ausstattung eine ziemlich schwere Kiste ist. Aber ich finde, es lohnt sich.

Worum geht‘s?

Belaad ist ein asymmetrisches Spiel, das lose im islamischen Mittelalter angesiedelt ist. Spielt Ihr zu zweit, viert oder sechst, treten Volk und Königreich gegeneinander an (gegebenenfalls als Teams); seid Ihr zu dritt oder fünft, kommt der Assassinenorden dazu. Volk und Königreich versuchen, möglichst viele Gelehrte in ihre Dienste zu nehmen. Dafür gibt es Punkte, die für die Endwertung wichtig sind. Der Orden hingegen hält nichts von den Wissenschaften: Er gewinnt, wenn er eine bestimmte Zahl von Gelehrten ermordet.

Gespielt wird über vier Zeitalter, in denen jeweils drei der fünf ausliegenden Gelehrten angeheuert oder ermordet werden. Spätestens, nachdem das im vierten Zeitalter geschehen ist, endet das Spiel, und Volk und Königreich vergleichen ihre Gelehrtenpunkte. Der Orden kann nur vorzeitig gewinnen, indem er genügend Gelehrte ermordet hat; kommt es zur Schlusswertung, hat er in jedem Fall verloren.

Zwei der Gelehrten, die es zu gewinnen giltVolk und Königreich haben je fünf Charaktertafeln vor sich liegen (der Orden vier). Außerdem gibt es zwei Arten von Währungen (Goldmünzen und Kupfermünzen), Aktionskarten, Kampfkarten, Gelehrtenkarten, Schwerter und einen Beutel mit Klötzchen drin.

Charaktertafeln des Ordens, teilweise schon verstärkt

Wer dran ist, spielt eine Karte aus der Hand. Auf dieser steht eine kostenlose Aktion, sowie eine weitere, die man zusätzlich ausführen darf, wenn man dafür bezahlt. Typische Aktionen sind das Aktivieren eines Charakters, das Ziehen von Klötzchen aus dem Beutel oder das Nehmen beziehungsweise Umtauschen von Geld. Klötzchen können die Charaktere stärker machen, aber man muss die Charaktere immer noch aktivieren, damit sie stehlen, kämpfen, Gelehrte anheuern und so weiter. Auch für Goldmünzen kann man Gelehrte anwerben.

Münzen in zwei Währungen, die untereinander nur durch Aktionskarten getauscht werden können

Das Teamspiel ist einfach, funktioniert aber sehr gut: Wer Münzen einsetzen will, kann diese auch von den anderen Teammitgliedern bekommen. Bestohlen wird dagegen immer eine bestimmte Person, kein Team. Auch Kämpfen kann ich nur gegen die jeweils erste(n) Person(en) links von mir.
Das Kampfsystem ist besonders schön gelöst. Die kämpfenden Parteien vergleichen ihre Kampfstärke. Wer schwächer ist, muss Kampfkarten aufdecken (die meist die Kampfstärke erhöhen sie aber auch mal senken können), bis die Stärke der Gegenpartei überschritten ist, dann ist diese dran, und so weiter. Deckt allerdings jemand eine Totenkopfkarte auf, endet der Kampf sofort mit dessen Niederlage. Wer sich auf dieses Risiko nicht einlassen will, kann sich schadlos zurückziehen, statt Karten aufzudecken, allerdings bekommt dann die Gegenseite Siegpunkte für lau. Wer einen Kampf gewinnt, kann zusätzlich Schaden anrichten.

Kampfkarten und Schwerter (mit denen Ihr die Auswirkungen von Kämpfen beeinflussen könnt).

Das ist es so im Groben.

Und? Macht das Spaß?

Dass ich am liebsten gut geölte Kartenspiele spiele, liegt zwar überwiegend, aber nicht nur daran, dass ich die so toll finde. Eine Mitschuld hat auch, dass ich viele Spiele im Kennerbereich staubtrocken und schlicht langweilig finde. Ich zähle Punkte vor mich hin, folge irgendwelchen Bedingungssätzen („wer die meisten Kathedralen hat, kriegt zwei Punkte pro Reihe, in der keine lila Gorillas sitzen, außer bei Vollmond“) und habe das Gefühl, dass ich eigentlich mit dem Spiel gar nicht verbunden bin. Am liebsten würde ich vor der fünfminütigen Schlusswertung alles in die Schachtel zurückfegen, denn wer die Partie gewonnen hat, interessiert mich kaum . Aber es gibt Ausnahmen, und Belaad ist so eine. Obwohl die Aktionen auf den Karten recht abstrakt aussehen, kann ich bei jeder davon unmittelbar ihren Einfluss auf das Spiel erkennen, sodass es fast so etwas wie eine Handlung zu geben scheint. Ich tauche also tatsächlich in das Spiel ein und fiebere mit der fragilen Machtbalance mit, die sich ergibt und die sich manchmal in wenigen Zügen ins Gegenteil verkehren kann.

Die Bedeutung der Symbole auf den Aktionskarten lässt sich schneller lernen, als es den Anschein hat.

Es gibt eine Menge Regeln, die aber prima ineinander greifen, sodass sich schnell ein Spielfluss einstellt, wenn alle sich drauf einlassen. Karte spielen, Aktion ausführen, nachziehen, weiter geht‘s. Einige Aktionen brauchen etwas länger, zum Beispiel die Kämpfe, sind aber auch jeweils für alle wichtig und spannend (leider scheinen die meisten Kämpfe durch Rückzug von vornherein vermieden zu werden, wodurch das Spiel sein spannendstes Element nur selten einsetzt. Aber das hängt sicher auch von der Risikobereitschaft in Eurer Gruppe ab).

Bei den Kämpfen und beim Klötzchenziehen gibt es einen gewissen Glücksanteil, der aber nie so groß ist, dass man sich unbeteiligt fühlt. Damit kann ich sehr gut leben. Ob der Orden es insgesamt ein bisschen zu leicht hat, kann ich noch nicht abschließend beurteilen. Aber wer das so empfindet, kann zu zweit, viert oder sechst spielen, dann stellt sich diese Frage nicht.

Szene aus dem Spiel. Links der Orden, oben das Königreich, unten das Volk.

Belaad ist in meinen Augen sehr ansprechend gestaltet. Ob man den Stil mag, ist sicher Geschmackssache, aber die dicken Charaktertafeln und die handlichen Schwerter (mit denen man den Kampf beeinflussen kann) fassen sich auf jeden Fall gut an. Die Materialqualität der Karten (und mit Abstrichen auch des Kartons) ist leider nicht so gut, wie wir es in Deutschland gewohnt sind. Aber das heißt ja eigentlich nur, dass es nach einer hiesigen Ausgabe schreit.
Ein letztes Schmankerl ist das umfangreiche Begleitheft, in dem die Gelehrten aus verschiedenen Epochen der Geschichte auf jeweils einer ganzen Seite vorgestellt werden. Frauen sind im Spiel deutlich unterrepräsentiert. Das mag an der besseren Verfügbarkeit an Wissen über forschende Frauen liegen. Auf den Charaktertafeln zumindest ließe es sich aber vermeiden, das sind ja fiktive Figuren.

Regelheft und Begleitheft
Hintergrundinformationen zu den beiden oben gezeigten Gelehrten. Putziges Detail: Bei der Übertragung aus dem Persischen sind offenbar die Lebensdaten von rechts nach links stehengeblieben.

Belaad gehört dennoch sicherlich zum Besten, was an Spielen bisher aus dem Iran gekommen ist (und das ist gar nicht wenig, wenn auch hierzulande nicht so bekannt). Es wäre ein Jammer, wenn es in der Versenkung verschwinden würde, ohne sich auf internationalen Märkten beweisen zu dürfen.

Belaad: The Land of Swords and Quills
für 2 bis 6 Leute ab ca. 10 Jahren
von Ehsan Nazarzadeh
Gestaltet von Davood Diba und Kamyar Nasirifard
Islima Games, 2020

3 Gedanken zu „Kampf um (oder gegen?) die Wissenschaft

  1. Ich fand ja schon bei Deiner ersten Vorstellung, dass das Spiel einfach toll aussieht und der Bericht macht sehr neugierig auf mehr. Zu bekommen wird es ja leider kaum sein. Ich werde aber mal ein Auge offen halten.

    1. من ایرانی هستم اگر برای شما سخت است من میتوانم بازی را برای کشورتان ارسال کنم

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