Eine Spielereise nach Chile, Teil 4

Teil 1 war hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier.

Bis hierhin war es eine wirklich schöne Reise mit tollen Begegnungen gewesen. Aber der Kongress in Valdivia wurde dann noch mal zu einem besonderen Höhepunkt. Die Organisatoren hatten mir einen weiteren Flug von Santiago nach Valdivia gebucht, obwohl ich auch mit dem Bus hätte fahren können. Aber ich sollte mich schon während des Fluges mit zwei weiteren ausländischen Gästen treffen und ein bisschen einstimmen.

Der Flug ging morgens, und ich wollte möglichst früh los, um nicht in den Berufsverkehr zu geraten. Ich hatte mir eine Busfahrkarte von einer U-Bahnstation zum Flughafen gekauft; die Fahrt sollte 40 Minuten dauern und ich musste vorher ja noch U-Bahn fahren. Die U-Bahn in Santiago öffnet um sechs, und um kurz nach sechs war ich da. Sehr voll war es um diese Zeit noch nicht, und ich bin gut durchgekommen. Für die Flughafenbusse gab es lange Schlangen, aber da ich meine Fahrkarte vorab gebucht hatte, wurde ich durchgewinkt und es ging bald los. Zu meinem nicht geringen Erstaunen dauerte die Fahrt auch keineswegs 40, sondern weniger als 20 Minuten. Offenbar hatten auch die Busgesellschaften mehr Verkehr eingeplant.
Mit viel Zeit konnte ich dann einchecken und zum Gate durchgehen, wo ich auf die anderen gewartet habe. Rubén aus Spanien kannte ich nur von Fotos, aber auf den Fotos hatte er meist einen Hut auf, daher wusste ich, wonach ich Ausschau halten musste. Er war dann auch leicht zu finden und ich habe erst mal feststellen müssen, dass ich an spanisches Spanisch überhaupt noch nicht gewöhnt war. Schnell fanden wir auch Pepe aus Mexico (den ich schon aus Essen kannte), außerdem lernte ich Franzisca und Adriana kennen, die ebenfalls zum Kongress wollten. Überhaupt fragt man sich vielleicht, warum ein internationaler Kongress in Valdivia stattfindet, obwohl es ungefähr 1000 Kilometer vom nächsten internationalen Flughafen entfernt liegt. Der Grund dafür liegt darin, dass die Region Los Ríos solche Aktivitäten finanziell fördert, was Valdivia plötzlich sehr attraktiv erscheinen lässt. Und so gab es eine Menge Leute, die sich aus Santiago in Bewegung gesetzt haben. Aber auch aus anderen Landesteilen waren Leute da.

Nach anderthalb Stunden waren wir in Valdivia und holten unser Gepäck ab – außer Rubén, dessen Gepäck gar nicht erst in Santiago angekommen war (trotz Direktflug aus Barcelona). Valdivia hat wohl den kleinsten Flughafen, den ich bislang gesehen habe, was aber natürlich so seine Vorteile haben kann. Die Wege sind jedenfalls kurz, und wir waren schnell bei den Shuttle-Bussen und wurden für ein paar Euro pro Person direkt zu unserem Hotel kutschiert.
Der Weg vom Flughafen zur Stadt war für mich geradezu atemberaubend, mit einem extremen Kontrast zur Landschaft im Norden.  Die Vegetation in der Gegend um Valdivia ähnelt auf den ersten Blick sehr stark der in Deutschland. Bei näherem Hinsehen gibt es schon Unterschiede, aber es wirkt erst mal sehr vertraut, und es wundert mich nicht, dass Valdivia traditionell einen größeren Anteil deutschsprachige Bevölkerung hatte (ich habe kein gesprochenes Deutsch gehört, nur eine Reihe Schilder gesehen – davon später noch mehr).

Im Hotel wurden wir herzlich empfangen, denn auch das Fractal-Team, der verbleibende ausländische Redner Nico Valdivia Hennig (das mit dem Namen war Zufall) und einige andere Kongressteilnehmer:innen waren dort abgestiegen. Vorher hatte ich mich zwar auch mit vielen Leuten getroffen, aber das waren überwiegend kurze Treffen gewesen, und jetzt war ich plötzlich dauerhaft in der Spielegemeinschaft unterwegs (mit Rubén habe ich mir ein Zimmer geteilt, was trotz der gelegentlichen Verständigungsschwierigkeiten sehr entspannt geklappt hat). Rubén, Pepe, Adriana, Franziska und ich haben meistens zusammen gegessen und sind auch viel zusammen unterwegs gewesen (oft auch mit weiteren Leuten). Nach dem Mittag haben wir erst mal einen Stadtbummel gemacht.
Valdivia ist etwas größer als Göttingen und wirkte recht entspannt auf mich, gerade auch im Vergleich zur Riesenstadt Santiago. Viele historische Gebäude wurden leider 1909 bei einem Großbrand oder 1960 im weltweit verheerendsten je gemessenen Erdbeben zerstört, aber die Stadt ist durch ihre Lage am Zusammenfluss zweier Flüsse trotzdem attraktiv (und ich war ja auch nicht in erster Linie als Tourist da). Leider habe ich in der ganzen Stadt keine Postkarten finden können (wurde etwas ungläubig angeguckt, wenn ich danach gefragt habe). Aber ich mag die Dinger immer noch.

Das ist mitten im Zentrum von Valdivia.
Fast die gleiche Stelle aus einer anderen Perspektive fotografiert.
Diese kleinen Raubvögel mischen sich hier unauffällig unter die Tauben und Möwen.
Nicht alles ist 1960 untergegangen.

Später sind wir dann in ein Spielecafé umgezogen. Dieses hatte allerdings kaum chilenische Spiele vorrätig, also habe ich einigen Leuten Bohnanza und The Mind nahegebracht. Ein seltsamer Rollentausch, aber Spaß hatten wir natürlich trotzdem.

Am nächsten Morgen sind wir früh in den Club de la Unión gegangen, wo der Kongress beginnen sollte. Mein Vortrag war erst am zweiten Tag dran, also konnte ich mir das Ganze erst mal angucken und ein herausfinden, was da auf mich zukommen würde. Der Hauptteil des Kongresses bestand aus vier Vorträgen von uns auswärtigen Gästen sowie Gesprächsrunden aus jeweils vier Personen zu verschiedenen Themen, bei denen auch das Publikum sich einschalten konnte.

Mir rutschte allerdings schon bei einer der Eröffnungsansprachen das Herz ein bisschen in die Hose, als der Vertreter der Region Los Ríos zur Begrüßung ansetzte und so schnell sprach, dass ich dabei nur zugucken konnte. Zum Glück kriegte ich bald mit, dass das nicht bei allen so extrem war. Vielen Beiträgen konnte ich leidlich folgen, wobei ich gelegentlich am Loslachen des Publikums gemerkt habe, dass da ein Witz gerissen worden war – diese Feinheiten habe ich leider nahezu gar nicht verstehen können. Ich muss wohl doch noch weiter Spanisch lernen.

Victor Hugo Cisternas, Präsident von LudiChile

Zwischendurch gab es eine Mittagspause (wir Redner:innen waren ins Restaurant Alemán direkt ein Stockwerk tiefer eingeladen, wo das Essen ausgezeichnet war) und eine längere Kaffeepause. Diese Pausen waren für mich besonders kostbar, weil ich mich mit einzelnen Leuten unterhalten kann, was sprachlich einfacher war als nur zuzuhören. Und ich habe natürlich wieder eine Menge Leute kennenlernen können, die mir vorher nur aus dem Netz ein Begriff gewesen waren. Abends ging es dann noch in eine Bar – sehr nett, aber leider auch sehr laut, sodass die Kommunikation nicht so einfach für mich war.

Sehr lesenswert: Dieser Aufruf zu besseren Kegel-Leistungen aus dem Jahr 1925.

Am nächsten Morgen war dann der Moment gekommen, wo ich mit einem Mikrophon ausgestattet vor die Massen treten musste. Thema meines Vortrags war ein Überblick über die Spielebranche in Deutschland und mein Blick auf die Spielebranche in Lateinamerika und natürlich insbesondere in Chile. Ich hatte noch gewitzelt, dass ich Glück hätte, am zweiten Tag so früh dran zu sein – nach dem späten Abend in der Bar wären wahrscheinlich noch gar nicht so viele Leute wach. Aber der Großteil des Publikums kam zwar kurz vor knapp an, aber doch noch rechtzeitig.
In den zwei Wochen, die ich inzwischen in Chile gewesen war, hatte ich zwar festgestellt, dass ich mit meinem Spanisch zwar ganz gut verstanden wurde, aber beim Hörverstehen doch oft meine Grenzen wahrgenommen. Meinen Vortrag hatte ich mir einigermaßen detailliert vorbereitet und ihn auch geübt. Außerdem bin ich es gewohnt, vor Publikum zu sprechen, sodass ich wusste, dass ich durch diese halbe Stunde einigermaßen durchkommen würde. Aber daran schloss sich ja auch noch eine Fragestunde an, und vor der hatte ich ziemlichen Respekt. Aber ich kann das Publikum nur loben, es hat mich sehr wohlwollend behandelt und auch auf mich eingestellt. Irgendwann demnächst sollen die Vorträge auch auf Youtube landen; dann kann ich mir noch mal anhören, was ich da verzapft habe.

Foto: LudiChile

Als ich das überstanden hatte, wollte ich mich wieder hinsetzen und erst mal durchschnaufen, aber dafür hatte ich nicht viel Zeit, denn ich wurde in einen Nebenraum geführt, wo ein halbes Dutzend Spielemedienschaffende auf mich warteten und ich Interviews geben sollte. Auch nicht ganz einfach, aber auch da war die Atmosphäre eher locker.

Eins der Panels

Der Rest des Tages war für mich dann entspannt, und ich konnte den restlichen Vorträgen und Gesprächen lauschen. Ich hab’s genossen. Unabhängig von den einzelnen Beiträgen und Diskussionen war das Tolle am Conjugar-Kongress, dass eine absolute Aufbruchsstimmung herrschte. Chile gehört ja zu den vielen Ländern, in denen erst in diesem Jahrtausend so etwas wie eine Spieleszene entstanden ist. Es gab zwar schon vor rund 15 Jahren Spiele von guter Qualität, aber so etwas wie eine professionelle einheimische Spielebranche existiert erst seit gut fünf Jahren. Das zeigt sich eben nicht nur an einzelnen guten Spielen, sondern auch daran, dass es einen Willen zum gemeinsamen Fortschritt gibt, der trotz der wirtschaftlichen Konkurrenz funktioniert. Der Kongress war an jeder Stelle gut durchorganisiert, die Anwesenden waren rege beteiligt und es wurden spannende Erkenntnisse besprochen. In der Bevölkerung ist das Spielen bei Weitem noch nicht so verbreitet wie in Deutschland mit seiner jahrhundertealten Spielkultur, aber wenn ich mir überlege, wie viele Spieleläden oder Spielecafés ich in Chile gesehen habe, erfasst das inzwischen auch ein nicht-nerdiges Publikum. Ich habe auch außerhalb der Verlags- und Autor:innenszene eine Reihe Leute getroffen, die mir berichteten, dass sie gern spielen. Beispielsweise einen Verkäufer, der mir von Siedler von Catan vorschwärmte, aber vermutete, dass das Spiel wohl rund fünf Jahre alt sei. Es gibt also eine erhebliche Zielgruppe für Spiele in Chile, und wenn die lokale Spieleindustrie es schafft, diese Zielgruppe zu erreichen, dürfte der Markt dort weiterhin schnell wachsen. Und dieses Gefühl teilten wohl viele Leute auf dem Kongress: dass sie gerade an der wachsenden Popularität von Spielen in Chile mitwirken. Dass nebenbei einige chilenische Spiele auch in Europa erschienen sind ist da nur das I-Tüpfelchen (das grandiose Tough Calls: Dystopia etwa, oder die Mazescape-Reihe. Ab 2024 auch noch Nebula und Dragones des Mar. Weitere dürften folgen).

Viele der anwesenden Verlage und Autor:innen haben einige ihrer Spiele ausgestellt.
Akanni Ediciones
Holiplay
Fractal
Salta Pal Lao
Within Play
Über Mallku Qamaqi weiß ich auch nicht so viel.
Editorial SJS
Sobremesa (der Verlag, der mein Spiel Plan Ferpecto in Chile verlegt hat).
Dilo Conmigo
Links: Ludoismo bei Devir. Mycelium ist von Within Play, Shokudo von Tabula Rasa
Circoctel
La Vaca del Tablero
Editorial 8 Sur
Drei Spiele des Autors Mostrenco
Der Verlag Cuatro Quesos existiert leider nicht mehr. Ich glaube, das hier war ihr einziges Spiel – ich weiß nicht, wie es auf dem Tisch gelandet ist. Schade, ich hätte mich gern mal mit ihnen unterhalten.

Angesichts des Gefühls, hier an einem Meilenstein teilgenommen zu haben, stellte sich gegen Ende des Tages fast ein bisschen Wehmut über den nahenden Abschied ein. Vorher gab es aber noch eine Runde Speed-Dating; geplant für den Kontakt zwischen Autor:innen und Verlagen, aber auch in anderen Konstellationen genutzt. Und so endete das Ganze laut und fröhlich – und ein erheblicher Teil der Anwesenden fand sich am Abend in einem Kneipenviertel wieder und es wurde ein später Abend.

Foto: LudiChile

Der Sonntag war mein letzter voller Tag in Chile, und LudiChile hatte noch ein kleines Programm für uns. Zuerst sind wir in eine Art Park gefahren, der der örtlichen Universität gehört und für einheimische Flora reserviert ist. Das war sehr schön, obwohl der Aussichtspunkt hoch über dem Fluss ziemlich zugewachsen war und ich ziemlich viel bergauf laufen musste, was mir nicht so leicht fällt. Aber ich habe es trotzdem sehr genossen. Atmosphärisch wirkte die Pflanzenwelt wie schon erwähnt sehr vertraut; aus der Nähe dagegen dann doch anders als in Deutschland. Aber es fiel mir leicht, mich da zu Hause zu fühlen.

Sozusagen auf dem Nachbargelände des Parks fand dann an diesem Tag auch noch eine Comicmesse statt. Da das Publikum von Gesellschaftsspielen und Comics sich ja durchaus überschneidet, gab es dort auch einige Spielestände und eine ganze Reihe bekannte Gesichter. Neue Spiele konnte ich da allerdings nicht entdecken, abgesehen von einem sehr ungewöhnlichen Prototyp am Stand eines befreundeten Verlages. Und von Comics verstehe ich nicht genug, als dass ich mich wirklich gezielt auf etwas hätte einlassen können. Also habe ich mich einfach treiben lassen und mir recht wahllos ein paar Sachen angeguckt.

Valdivias Spieleläden haben sonntags zu, also bin ich anschließend noch in einen größeren Supermarkt gegangen und habe mich mit etwas Proviant eingedeckt. Zuerst wähnte ich mich im falschen Film – lauter deutsche Sachen, vor allem Süßigkeiten. Aber ich war in der Abteilung mit den ausländischen Produkten gelandet, und da dominierten dann tatsächlich Sachen aus Deutschland. Ein paar weitere deutsche Spuren gab es auch auf dem Weg noch zu entdecken.

Auf importierten Süßigkeiten pappen hier riesige Warnlabel. Auf den einheimischen sind die Warnungen schon aufgedruckt.
Die „edlen“ Tropfen kriegen das dezenter, aber immer noch auffällig hin.
Außer dem Namen habe ich in dieser Bäckerei nichts Deutsches entdecken können.

Und am Abend haben wir dann noch denkwürdig spielen können – zunächst Pátzcuaro aus Mexiko, dann Neuroriders von Miguel Suárez aus Chile, das ebenfalls in Mexiko erschienen ist. Das hat mir gut gefallen, es war eng und düster und ein kleiner Ritt auf der Rasierklinge. Das würde ich gern noch mal näher kennen lernen.

Pátzcuaro von Rubén Hernández Santillán
NeuroRiders

Anschließend kam Tanxi auf den Tisch, das 2024 bei Fractal erscheinen soll. Das war unterhaltsam, aber für meine Verhältnisse ein bisschen überfrachtet und schwer zu überschauen. Eigentlich war ich danach müde und wollte ins Bett. Aber das ging nicht. Ich hatte am Tag vorher oder so mal Nico gefragt, ob er zufällig sein Spiel Hegemonia dabei hätte. Ich habe nämlich seit Jahren ein Exemplar davon im Regal, konnte es aber nie spielen, da es sprachabhängig ist und diverse Leute braucht. Leider hatte er keins dabei. Am späten Abend erwähnte er aber, dass er einen Freund in Valdivia hätte, der eins besitzen und es für uns vorbeibringen würde. Da konnte ich natürlich nicht widerstehen. Und so lieferten wir uns nach Mitternacht noch wüste Diskussionen und heiße Intrigen. Es war klasse und ich bin sehr dankbar für diese Gelegenheit. Leider war ich auch so involviert, dass ich keine Fotos mehr gemacht habe.
Am Montag früh haben wir uns dann von den letzten noch Verbliebenen verabschieden müssen. Wir konnten noch eine Partie Expedition to 5X spielen, was ich sehr mag, obwohl ich in dieser Partie komplett untergegangen bin.

Rubén (links) und Pepe (rechts). Dazwischen Pablo von Ludoismo.

Unser Flug sollte um 13:56 Uhr vom Flughafen Valdivia starten. Ich war ein bisschen skeptisch, als es hieß, dass uns ein Taxi um 12:15 Uhr vom Hotel abholen würde – immerhin sind es gut 30 Kilometer bis zum Flughafen, und normalerweise soll man ja 2 Stunden vorher schon da sein. Sonst schien niemand im Mindesten irritiert. Das Taxi kam auch erst mit etwas Verspätung an, und wir mussten ein bisschen kreativ packen, denn im Kofferraum war auch noch ein künstlicher Weihnachtsbaum, sodass ein Teil unseres Gepäcks auf dem Rücksitz verstaut wurde. Gegen halb eins ging es dann los. Ich bin jemand, der sich nicht gern abhetzt, daher fand ich die Fahrt ziemlich stressig. Ich glaube, wir waren gegen viertel nach eins am Flughafen und ich erinnerte mich dann wieder dran, wie klein der ist. Wenn man durch die Tür geht, sind die Abflugschalter vielleicht zehn Meter entfernt. Andere Flüge gingen um diese Zeit nicht ab, also konnten wir direkt einchecken. Vom Schalter aus geht man durch eine Sicherheitskontrolle direkt nebenan und setzt sich in einen Warteraum, der „Gate 3“ heißt. Auf dem Rollfeld haben zwar vermutlich mit etwas Humor drei Flugzeuge Platz, aber andere Gates habe ich gar nicht gesehen. Wir waren locker pünktlich. Unser Flieger dagegen hatte einige Verspätung, sodass wir dann doch noch eine Weile herumsaßen.

Viel mehr war da nicht.

In Santiago habe ich mich dann von Rubén und Pepe trennen müssen – ich hoffe, wir sehen uns eines Tages in Essen oder so wieder. Dann ging es für Rubén nach Barcelona zurück (er hatte zwei Tage zuvor seinen Koffer bekommen, der dann auf dem Rückflug erneut verloren ging) und für mich gen São Paulo. Der Rückflug sollte über London gehen, wo ich in Heathrow ankommen und von Gatwick aus weiterfliegen sollte – wirklich eine unerfreuliche Verbindung, die ich da hatte.
Der Flug über die Anden, diesmal anders als auf dem Hinflug bei Tageslicht, war wirklich atemberaubend. Man hatte das Gefühl, gerade so eben über die Bergspitzen rüberzukommen. Das habe selbst ich als alter Flugmuffel genossen.

In São Paulo hatte ich diesmal nur 65 Minuten Aufenthalt, und auch der Flieger von Santiago war nicht ganz pünktlich. Ich war ziemlich sicher, dass wir unseren Anschluss verpassen würden, aber LATAM Airlines war hier ganz gut organisiert, wir wurden vom Bodenpersonal energisch in die richtige Richtung gewinkt und sofort vom Gate ins Flugzeug geschoben.
Erste Enttäuschung: Mein angeblich am Notausgang liegender Platz entpuppte sich als Mittelplatz ohne besondere Beinfreiheit. Richtig schlafen konnte ich so nicht. Zweite vermeintliche Enttäuschung: Das Flugzeug, in das wir quasi gerannt waren, konnte erst mit zweistündiger Verspätung abheben. Das erwies sich bei der Ankunft in Heathrow allerdings als Glücksfall: Für den geplanten Flughafentransfer war es zu spät, also wurde ich auf einen Flug von Heathrow nach Frankfurt umgebucht. Der Flieger war zwar sehr voll, aber das war auf der kurzen Strecke auch egal.

In Frankfurt angekommen war dann erstens der letzte Zug nach Göttingen weg und zweitens mein Koffer trotz aller Beteuerungen nicht da. Dafür hatte ich eine Nachricht meiner geschätzten früheren Kollegin Nadine auf dem Handy – ob ich schon wieder da sei und wie es mir ginge. Nadine wohnt in der Nähe von Frankfurt, also habe ich sie ziemlich spontan besucht und dort übernachten können. Das war ein schöner Abschluss der Reise.
Am nächsten Morgen konnte ich dann nach Göttingen zurück. Ich hatte Rail & Fly gebucht und dafür 30 Euro bezahlt. Entgegen der Werbung ließ sich das leider am nächsten Tag nicht mehr nutzen. Lufthansa riet mir am Telefon, mir das von ihnen rückerstatten zu lassen, aber da ist bis heute nichts gekommen. Immerhin kam sechs Tage später der Koffer an, und die Lufthansa hat mir auch einen Teil meiner dadurch entstandenen Auslagen erstattet. Auf der Rückreise habe ich mir auch irgendwo noch eine fiese Erkältung eingefangen Aber alles egal, irgendwann ging es mir besser und auch der Koffer (größtenteils mit chilenischen Spielen vollgestopft) war da – und ich konnte mich an eine wirklich außergewöhnlich schöne Reise zurückerinnern.

In einen großen Koffer passt so einiges rein. 🙂

Ein paar allgemeine Sachen möchte ich noch berichten, die mir in Chile aufgefallen sind. Chile ist ein Land mit komplexen Problemen. Obdachlose habe ich viele gesehen, auch sonst geht es nicht allen rosig. Aber gleichzeitig wissen die Menschen, dass es ihnen im Schnitt wesentlich besser geht als denen in den Nachbarländern Argentinien, Peru oder Bolivien, und viele wissen das auch zu schätzen. Im Großen und Ganzen ist Chile ein einigermaßen gut funktionierendes Land, auch wenn einiges außer Betrieb ist – insbesondere die Eisenbahn, die es früher gab, die aber heute wegen Verfalls der Strecken nur noch auf einem kleinen Teil des früheren Netzes unterwegs ist. Ein Jammer, aber die Busse sind komfortabel und bringen einen auch ans Ziel.
Die in den Städten häufigen streunenden Hunde hatte ich schon erwähnt. In Valdivia sah ich öffentliche Hundehütten für sie – mit Matten ausgekleidete kleine Häuschen an mehreren Straßenecken. Eine beeindruckende Idee praktischer Hilfe, die auch (siehe unteres Bild) genutzt wird.

Schönes Detail an Kreuzungen in Valdivia: Es werden Übergänge von einem Zebrastreifen zum nächsten markiert und gleichzeitig wird das Zuparken des Kreuzungsbereichs verhindert. Ich habe keine Rush Hour erlebt, aber sowas kann schon praktisch sein.

Schließlich noch: Ich war sicher nicht der typische Tourist, weil ich vorab schon so viele Kontakte hatte. Aber auch dort, wo ich allein unterwegs war, war es trotz unvollkommener Sprachkenntnisse normalerweise sehr einfach, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Ich habe mich während der ganzen Reise nahezu nie als Fremder gefühlt. Ich finde das beeindruckend und bin dafür sehr dankbar.

Dass ich in meinem Leben noch mal nach Lateinamerika reisen kann, ist sehr unwahrscheinlich. Aber das hatte ich vor einem Jahr auch gedacht, also wer weiß?

Vielen Dank für Euer Durchhaltevermögen. Irgendwann schreibe ich sicher auch wieder mal was hier rein.

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