Eine Spielereise nach Chile, Teil 3

Der erste Teil des Reiseberichts war hier, der zweite hier.

Am Sonnabend bin ich schon früh ins Goethe-Institut aufgebrochen, denn da sollte eine kleine Veranstaltung zu Plan Ferpecto stattfinden. Plan Ferpecto ist die chilenische Ausgabe von Mission Impractical. Meine  Verlegerin Cami hatte die Veranstaltung organisiert, und wir hatten gemeinsam so um die 15 Leute dazu eingeladen. Zum ersten Mal stand ich vor der Herausforderung, mein eigenes Spiel auf Spanisch zu spielen. Das war gar nicht so einfach, aber auf jeden Fall auch sehr lustig. Leider hatten wir nur für anderthalb Partien Zeit, sodass ich nicht mit allen Anwesenden spielen konnte – schade. Das würde ich gern irgendwann mal nachholen. Zu den schöneren Komplimenten, die ich so bekommen habe (auch diesmal wieder), gehört, dass mein Spiel ja so richtig lateinamerikanisch sei. 😊

Leider haben wir erst an das Gruppenfoto gedacht, als schon ein paar Leute weg waren.

Im Goethe-Institut gibt es eine durchaus beachtliche Ludothek, außerdem mehrere Spielekoffer, mit denen Veranstaltungen bestückt werden können. Das ist eine tolle Sache, die offenbar auch gut angenommen wird.

Nach einem ausgiebigen Mittagessen mussten sich die meisten Gäste leider schon verabschieden. Aber ich hatte Glück, denn Miila Parra, eine bekannte chilenische Instagrammerin, wollte noch zu einer anderen Spieleveranstaltung (eine dritte hatte ich absagen müssen, weil sie parallel zu meiner eigenen lag – In Santiago ist echt was los). Wir fuhren also in einen Spieleladen (oder sowas), wo drei Verlage ihre Neuheiten präsentierten. Die Leute von Salta Pal Lao hatte ich schon in Essen kennen gelernt; sie haben kürzlich in Chile das argentinische Spiel (Juanito) Blockits veröffentlicht, was im März auch bei uns im frechverlag erscheinen soll. Ich konnte dann einige von ihren Spielen ausprobieren, von denen die meisten sprachabhängig sind, sodass ich dazu in Deutschland kaum Gelegenheit haben werde.

Gespielt haben wir beispielsweise Siempre de WN. WN ist ein chilenischer Dialektausdruck und bezeichnet Leute, die in ihrer Firma nichts tun oder alles sabotieren (wenn ich es richtig verstanden habe). Siempre de WN ist ein Spiel mit verdeckten Rollen. Ich habe mit Unschuldsmiene dafür gesorgt, dass nix funktioniert hat und ich gemeinsam mit meinem bereits gefeuerten WN-Kollegen gewonnen habe.

Der Verlag Flamalama ist erst wenige Monate alt und hat gerade seine ersten beiden Spiele herausgebracht. Von denen hatte ich vorher noch gar nichts gehört, also habe ich mich besonders gefreut, die mal ausprobieren zu können.

Die ersten Spiele von Flamalama. Sie wollen 2024 auch nach Essen kommen.

Irgendwann schloss dann auch diese Veranstaltung, aber Miila und ich hatten noch nicht genug und zogen in die Ludum Bar um, die ganz in der Nähe meiner Unterkunft lag. Dort fand ich endlich mal ein Exemplar von Plan Ferpecto in freier Wildbahn und auch ein paar mir noch unbekannte Spiele aus Chile und Peru. Einige davon haben wir ausprobiert, bevor ich dann recht spät am Abend wieder nach Hause gegangen bin. So ungefähr hatte ich mir meine Tage in Chile vorgestellt.

Eine schöne Auswahl chilenischer Spiele gab es hier.
Alleycat ist allerdings aus Peru.
Uns hat es leider nicht so überzeugt, es wirkt ziemlich beliebig.
Zombies en la Moneda ist schon ein bisschen älter, was man dem Spiel auch anmerkt. Inzwischen gibt es wesentlich bessere Spiele aus Chile.
Ataco al Dragon hingegen bedient sich hart an der Plagiatsgrenze bei Love Letter, macht dabei allerdings leider nichts besser.

Am Sonntag (26.11.) wollte ich ein Geschenk kaufen gehen. Dafür bin ich nach Las Condes gefahren, ans Ende „meiner“ U-Bahn-Linie. Dort befindet sich das Centro Artesanal Los Dominicos, eine Ansammlung von kleinen Läden mit Kunsthandwerk. Ziemlich touristisch (obwohl ich insgesamt nicht übertrieben viele Touris in Chile getroffen habe), aber auch ganz hübsch. Übrigens der einzige Ort in ganz Chile, wo ich Postkarten gefunden habe. Insgesamt ist das Verschicken von Post aus Chile nicht so richtig zu empfehlen. Briefkästen an den Straßen gibt es nicht, und in den Postämtern sind die Schlangen zum Abgewöhnen.

Vor dem Zentrum fand ein kleiner Flohmarkt statt. Ich habe nichts gefunden, was ich brauchen konnte, und es war mir auch ein bisschen zu sonnig, aber interessant fand ich es schon. Hier bin ich mit der Kamera allerdings nicht so nahe rangegangen.

Am Montag hatte ich gleich drei Spieletermine auf dem Zettel. Auf Instagram hatte ich von einer Veranstaltung im Innovationszentrum der Katholischen Universität gelesen, in der es meinem Verständnis nach um barrierefreie Produkte gehen sollte, und ich wusste, dass der Spieleverlag Tricípite dort auch ausstellen würde. Also bin ich morgens hingefahren.

Meine Klischeevorstellungen von Innovationszentren katholischer Universitäten geraten ins Wanken.

Der kleine Stand von Tricípite war wirklich interessant. Sie haben zwei Spiele vorgestellt, deren Spielmaterial erfühlbar ist. Bei Memorfe von Matías Castillo geht es um das Erkennen und Kombinieren von Eigenschaften einer Karte – und auf diesen waren die Muster erhöht aufgetragen, sodass man sie auch mit den Fingern lesen kann.

Karten mit ertastbarer Oberfläche.

La Rendición von Mostrenco hat dann gleich Braille-Schrift auf den Spielkarten, und auch eine komplette Spielanleitung in Braille. Tolle Sachen, sowas hatte ich vorher noch nie gesehen.

Karten mit Braille-Schrift
So ein Regelheft hatte ich vorher noch nie gesehen. Toll.

Die Veranstaltung war insgesamt nicht groß, vielleicht zehn oder zwölf Stände. Zwischendurch wurde es aber plötzlich total voll, und es wurden auch Häppchen und Getränke serviert. Für mich noch toller war aber, dass noch zwei weitere Stände mit Spielen vor Ort waren (hier war mir nicht ganz klar, was sie mit dem Thema der Veranstaltung zu tun hatten oder ob ich dieses vielleicht missverstanden hatte). Der eine Stand zeigte vier Spiele, zwei für Kinder, ein Geografie-Spiel ähnlich wie Ausgerechnet Buxtehude und ein Erzähl- und Erinnerungsspiel für Senior:innen.

Chile bietet sich für ein Spiel, bei dem man Orte nach Breitengraden sortieren muss, sicherlich an.

Ich glaube, der Verlag war mit der Universität ebenso verbunden wie der vom dritten Stand. Dort gab es ein Spiel namens Polimorfes zu sehen, dessen Schachtel mir „ab 3 Jahren“ suggerierte, das aber ab 15 war und sich eigentlich an Studis richtet. Also viel zu entdecken, auch wenn leider keiner der Stände zum Spielen einlud.

Am späteren Nachmittag habe ich dann Fractal Juegos besucht, einen der spannendsten Verlage Südamerikas. Die machen einfach unheimlich viel richtig. Am Anfang haben sie Lizenzspiele europäischer und nordamerikanischer Verlage auf den chilenischen Markt gebracht. Seit ein paar Jahren machen sie aber auch eigene Spiele, die dann wiederum im Idealfall ihren Weg auf die internationalen Märkte finden. Ich hatte die ersten Leute von Fractal schon ungefähr 2018 in Essen kennengelernt und immer ein Auge auf ihre Aktivitäten gehabt, insbesondere, seit sie mit Tough Calls: Dystopia eins der ungewöhnlichsten chilenischen Spiele bisher veröffentlicht hatten (ich hatte es schon als Prototypen kennen und lieben gelernt). Aber auch ihr restliches Programm hat es in sich, und 2023 haben sie unter anderem Dragones del Mar und Expedition to 5X herausgebracht, also zwei Spiele ausländischer Autoren, die sehr gut anzukommen scheinen, und inzwischen vor allem auch Nebula, das mir von diversen Leuten, mit denen ich gesprochen habe, als ihr chilenisches Lieblingsspiel genannt wurde (Dragones del Mar und Nebula erscheinen 2024 auf Deutsch bei Wonderbow). Fractal ist also drauf und dran, die chilenischen Spiele aus ihrer Nische heraus ins Rampenlicht zu rücken. Tolle Sache. Nebenbei sind das auch furchtbar nette Leute. 🙂 Und ich konnte endlich wieder was spielen.

 

Hier residiert Fractal Juegos.
Leider nicht ganz vollzählig anwesend: Die Belegschaft.
Dafür, dass es den Verlag erst seit ein paar Jahren gibt, ist das Programm sehr beeindruckend.

Etwas später als geplant bin ich dann ins Entreturno Bistro gegangen, eins der bekanntesten Spielecafés in Santiago, wo montags offener Spieleabend ist. Ich wurde direkt in eine Gruppe integriert, in der zu meiner großen Freude auch die bekannte Spiele-Youtuberin Ketty Galleguillos auftauchte und mir ein von ihr mitveröffentlichtes Spiel namens Mi Tierra mitbrachte. Diego Benavente, einer der Autoren und Mitverleger, war auch dabei, außerdem ein ehemaliger Podcaster, der sich sehr gut auch mit anderen lateinamerikanischen Spielen auskannte, aber inzwischen in Kassel lebt (leider habe ich seinen Namen vergessen). Ein Plan Ferpecto haben ich auch erspäht – gespielt haben wir dann aber Importspiele.

 

Das Entreturno Bistro hat nicht so einen besonderen Schwerpunkt auf den chilenischen Spielen, ist aber ansonsten sehr cool, und es ist leicht, Anschluss zu finden.

Für Dienstagmorgen hatte ich mich erneut mit Carolina Baltra verabredet, diesmal bei ihr zu Hause. Sie wollte mir etwas von ihrer Kunst zeigen, die ich bis dahin nur von Fotos kannte. Außerdem hat sie mir, wenn auch zu untypischer Tageszeit, ein paar typische Gerichte für La Once vorgestellt. Danke, Carolina!

Mittags bin ich dann noch mal in die Ludum Bar gegangen, um mich mit dem jungen Spieleautor Felipe Tabilo zu treffen. Wir haben ein paar von seinen Prototypen gespielt (da war ein ziemlich charmantes Kinderspiel dabei) und uns überhaupt gut unterhalten.

Und am Abend habe ich dann in einem Laden namens Play Kingdom noch mal Carlos vom Verlag Salta Pal Lao getroffen, der mir die restlichen Spiele seines Verlags vorgestellt hat. Das, was für mich am interessantesten klang, ist leider noch nicht erschienen, aber da gibt es dann eben auch für die Zukunft noch was, worauf ich mich freuen kann. 🙂

Play Kingdom gehört zu den größeren Läden, hat aber auch nicht nur Spiele.
Dafür gibt es reichlich Platz zum Spielen.

Für den Mittwoch hatte ich nur eine Verabredung am Nachmittag, also bin ich morgens in einer Straße gegangen, an der drei Spieleläden sein sollten. Im ersten suchte gerade ein US-amerikanisches Pärchen ein gutes chilenisches Spiel. Da konnte ich helfen, die Sprachbarriere ein bisschen zu verringern. Im dritten habe ich mich dann ziemlich lange aufgehalten, weil ich mich länger mit den beiden Mitarbeitern unterhalten konnte und im Nebenraum, wo offene Spiele standen, ein paar Sachen unter die Lupe nehmen konnte, die ich noch nicht kannte. Die vielen kleinen Spieleläden in Santiago haben es mir wirklich angetan.

Nachmittags war ich dann in einem Spielecafé und -laden namens El Dado (Der Würfel), um mich mit Matías Castillo zu treffen. Mit diesem chilenischen Autor hatte ich seit Jahren Kontakt gehalten, aber erst eins seiner Spiele gespielt, nämlich das fies-schöne Cocktail, bei dem man seinen Erbanteil zu vergrößern trachtet, indem man bei einer Beerdigung seine Verwandtschaft vergiftet. Gespielt haben wir außerdem Asesino en Serie (Serienmörder), ein Kartenspiel mit ein bisschen Bluff, das mir zuerst sehr glücksabhängig vorkam, bis Matías dann kurzen Prozess mit mir machte und ich sehen konnte, dass ich ahnungslos in seine Falle getappt war. Außerdem das für 2024 angekündigte Let’s Go Cadets, ein kooperatives Spiel, bei dem man ein Raumschiff funktionstüchtig halten muss. Das sind auch gute Spiele, aber Cocktail hat es mir am meisten angetan.

Sind das die Augen eines Serienmörders?
Auch für ein Spiel aus der Ausleihe war noch Zeit. Susurros bajo tierra hat uns leider weniger überzeugt, das wirkte unausgewogen.

Nachdem Matías gehen musste, bin ich allerdings noch ziemlich lange im El Dado geblieben. Ich habe nicht nur ein Spiel gekauft, von dem ich noch nichts gewusst hatte, sondern konnte in ihrem Verleih-Raum eine ganze Reihe chilenischer Spiele fotografieren, die ich noch nicht oder nur dem Namen nach kannte. Ich bin ja zumindest guten Willens, die ganzen Sachen mal auf Boardgamegeek hochzuladen, aber das wird viel Arbeit …

Über Avatar Spirits …
… und Derribando hatte ich hier im Blog schon berichtet.
Kiltros und …
… Thakhi kannte ich zumindest dem Namen nach.
Andere Spiele, …
… auch ältere, …
… waren mir dagegen noch völlig neu.
Das hier ist ein Set zum Entwickeln eigener Spiele.

Für jemanden, der sich speziell für chilenische Spiele interessiert, ist der Club El Dado jedenfalls eine absolute Fundgrube, nicht zuletzt auch wegen der sehr hilfsbereiten Belegschaft. Da hätte ich gern noch mehr Gelegenheit zum Spielen gehabt. Aber das war dann leider auch schon mein letzter Tag in Santiago, und tags drauf ging es dann weiter nach Valdivia. Davon erzähle ich dann demnächst im vierten und abschließenden Teil meines Reiseberichts.

2 Gedanken zu „Eine Spielereise nach Chile, Teil 3

  1. Niemand hat das Recht zu sagen, dass ein Spiel gut oder schlecht ist, da es sehr subjektiv ist. Es sollte objektiver sein und sagen, wie Sie es bewerten, nach welchen Kriterien.

    Da steht Plagiat eines Spiels, ich sehe, dass es anders ist, ich habe es nicht gespielt, aber da es anders ist, ist es ein anderes Spiel, ein anderer Name. Es scheint respektlos und es mangelt an Empathie, das zu sagen.
    Ich sehe nur wenige 100 % chilenische Spiele, was etwas anderes ist als zu sagen, dass sie von einem chilenischen Autor stammen. Wenn es chilenisch ist, muss meiner Meinung nach die Herstellung in Chile erfolgen, aber das ist offenbar nicht der Fall.

    1. Ich habe „hart an der Plagiatsgrenze“ geschrieben. Ataco al Dragon übernimmt die Regeln von Love Letter, viele davon 1:1, und fügt einfach eine zusätzliche Handkarte und einen Würfelmechanismus hinzu und dazu gibt es neue Illustrationen. Es ist eindeutig, dass es keine unabhängige Entwicklung, sondern eine gezielte Abwandlung war. Das ist in meinen Augen keine Innovation. Dazu kommt, dass das Spiel (meiner Erinnerung nach) nicht einmal seine Quelle nennt. Wie gesagt, kein reines Plagiat, aber schon ein Ärgernis, wenn man sich auf ein neues Spiel freut und dann nichts findet.
      Zombies en la Moneda wirkte auf uns repetitiv und sehr zufällig. Ein Spiel seiner Zeit, heute hätte es vermutlich mehr Schwierigkeiten, sich auf dem Markt durchzusetzen. Daran ist erst mal nichts Schlimmes, das gilt für viele Spiele.
      Und ja, das sind selbstverständlich meine Meinungen und keine objektiven Aussagen. Das ist auch mein Blog – wessen Meinungen soll ich denn hier reinschreiben?
      Was die Frage betrifft, ob ein Spiel chilenisch ist oder nicht: Das ist heutzutage nicht leicht zu beantworten, und da kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Der Großteil der weltweiten Spiele wird heutzutage in China produziert. Es gibt ein paar Ausnahmen, beispielsweise in Deutschland oder Taiwan, aber die meisten aktuelleren chilenischen Spiele, die ich gesehen habe, wurden in China produziert. Ich bedauere das selbst, aber es ist die Realität. Gleichzeitig hilft die Produktion bei den Weltmarktführern in China den chilenischen Spielen, sich international durchzusetzen.

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