Archiv der Kategorie: Spiele und Gesellschaft

Die Spieleszene und ihr Umgang mit rassistischen Äußerungen

Vor einem halben Jahr habe ich hier drauf hingewiesen, dass auch deutsche Verlage und Autor:innen ein Auge auf die Verwerfungen im US-Markt haben müssten, um dort weiterhin ihre Spiele verkaufen zu können. Das führte zu hitzigen Diskussionen (oft weg vom eigentlichen Thema). Nun ist es wieder hochgekocht, aber auf eine ganz andere Weise als ich erwartet hatte. Mir war es ja um die Spielinhalte gegangen, weniger um die Personen dahinter. Die Spieleszene und ihr Umgang mit rassistischen Äußerungen weiterlesen

Neue Spiele aus Indien – DICE Toy Labs

Als ich mich vor zwei Jahren auf der Messe in Essen bei einem gut vernetzten Freund aus Singapur nach der Spieleszene in Indien erkundigte, bekam ich eine Anekdote über Varun Devanathan, einen indisch-singapurischen Spieleautor, zu hören. Dieser hatte versucht, auf den Comiccons in Delhi und Hyderabad sein Spiel Legend of Vyas zu verkaufen und als Gimmick coole T-Shirts und Taschen dazu drucken lassen. Am Ende hatte er dann alle seine T-Shirts und Taschen verkauft, aber kaum Spiele. Das war 2016. Doch mittlerweile hat sich einiges getan, darum möchte ich Euch hier einen der ersten modernen Spieleverlage in Indien vorstellen, nämlich DICE Toy Labs 1 aus dem südindischen Bangalore. Phalgun Polepalli, der den Verlag gemeinsam mit seiner Frau Shwetha Badarinath führt, hat kürzlich in einem sehr interessanten Podcast mit Boardgamedesignlab darüber berichtet, wie man in Indien (und vielleicht auch anderswo?) einen Verlag gründet. Ich habe ihm noch ein paar weitere Fragen geschickt, die er mir netterweise beantwortet hat. Trotzdem kann ich den Podcast sehr empfehlen, denn der Enthusiasmus, mit dem er da erzählt, lässt sich hier schlecht wiedergeben.

Dice Toy Labs
Shwetha Badarinath und Phalgun Polepalli

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Was “Black Lives Matter” mit der Spieleszene zu tun hat

Es ist gerade mal etwas mehr als einen Monat her, dass George Floyd bei einem extrem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis getötet wurde. Nun ist das leider kein Einzelfall; jedes Jahr sterben in den USA rund 1000 Menschen bei Polizeieinsätzen (etwa hundert mal so viele wie in Deutschland, bei vierfacher Bevölkerung). Entsprechend ist das Thema in Deutschland schon wieder etwas unter Fleischfabriken, Wirecard und Philip Amthor begraben worden. In den USA scheint die Lage aber ein bisschen anders zu sein. Dort hat dieser Fall mehr ausgelöst als vergleichbare frühere. Das mag an dem Video liegen, das kursiert (ich gucke mir sowas nicht an, das halte ich nicht aus), aber warum auch immer, es hat etwas angestoßen, das weit in die Spieleszene hineinreicht (sonst würde ich hier auch nicht darüber schreiben). Meine Kontakte in die USA kommen zu einem erheblichen Teil durch Spielefreundschaften zustande, und ich bewege mich auch auf Boardgamegeek und in diversen englischsprachigen (meist amerikanischen) Facebookgruppen. Dort gibt es zum Teil beachtliche Verschiebungen, die hierzulande vielleicht weniger wahrgenommen wurden, die ihre Wellen über kurz oder lang aber auch hier schlagen werden.

Die Situation in den USA

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Messevorschau 2019: Was noch übrig ist.

Heute kommt noch mal ein längeres Elaborat von mir, mit so gut wie allem, was ich aus Asien oder Lateinamerika noch so gefunden habe. Es war viel mehr Arbeit als ursprünglich geplant und ich bin ziemlich platt, aber es war auch jetzt schon eine tolle Reise. Ob ich das nächstes Jahr noch mal in dieser Form durchhalte, muss ich mal sehen. Vielleicht sollte ich einfach schon im Juli anfangen… aber genug gelabert, hier kommt der Rest:

TAIWAN

Es ist ja nicht so, dass Taiwan die asiatische Präsenz in Essen nicht ohnehin schon ziemlich dominieren würde, aber es tröpfeln immer noch weitere Nachmeldungen herein. EmperorS4, deren Angebot ich hier vorgestellt hatte, hat noch Geometric Art (€28) von Romain Caterdjian, Hsu Wun Hao und Eros Lin nachgereicht. Das ist ein Malspiel, in dem man kaum Zeichentalent braucht, denn welche Formen man benutzen darf, wirf von Würfeln vorgegeben, auf deren Seiten geometrische Formen abgebildet sind. Aus diesen versucht man dann, ein Bild zu erschaffen, das jemand anders erraten soll. Errät er oder sie es allerdings falsch, verlieren beide Punkte. Messevorschau 2019: Was noch übrig ist. weiterlesen

Risiko und Belgisch Kongo

Die Demokratische Republik Kongo ist ein Staat mit vielen Problemen. Nach zwei großen Kriegen (und einem, der noch andauert), liegen Staatswesen und Infrastruktur völlig am Boden, ein nennenswertes Bildungs- oder Gesundheitswesen existieren nicht, und die Lebenserwartung liegt bei weniger als 60 Jahren. Ein Großteil der Bevölkerung ist unterernährt.
Noch viel schlimmer war die Situation wohl in der Zeit, als der Kongo eine Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II. war. Selbst nach den Maßstäben der Kolonialzeit beutete der König das Land besonders grausam aus. Schätzungen gehen davon aus, dass das Land zwischen 1880 und 1920 die Hälfte seiner Bevölkerung, rund 10 Millionen Menschen, verlor. Mit der Umwandlung in eine offizielle belgische Kolonie wurde die Situation nur etwas besser, und Belgien entließ das Land 1960 deutlich unfreiwillig in die Unabhängigkeit und mischte sich weiterhin in die kongolesische Politik ein.

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Globale Politik und lokale Bilder

Während einer Überlandtour von Indien nach Deutschland habe ich Anfang 1995 auch den Iran durchquert. Von den vielen Ländern, die ich bereist habe, gehörte der Iran dabei sicher zu denjenigen, die mich am meisten überrascht haben. Überrascht nicht nur, weil er sich so enorm von dem Bild unterschied, das man zu dieser Zeit gemeinhin in Deutschland hatte (und vielleicht heute noch hat), sondern auch von dem Iran, das in unserem damals knapp zwei Jahre alten Reiseführer beschrieben war. Vor allem aber, weil ich beim Übergang aus Pakistan nach Iran so ein ganz klein wenig das Gefühl hatte, von Asien nach Europa zu kommen (sicher mehr als später irgendwo in Istanbul).
Im Iran fiel es uns damals im Großen und Ganzen leicht, mit fremden Leuten in Kontakt zu kommen (auch deshalb, weil recht viele Leute gut Deutsch konnten). Aber es waren natürlich Zufallsbegegnungen. Wie gern hätte ich damals schon die Gelegenheit gehabt, einfach in ein Spielecafé zu gehen und mit den Einheimischen zu spielen! Im unwahrscheinlichen Fall, dass ich in meinem Leben noch einmal in den Iran reisen kann, werde ich das aber ganz sicher nachholen wollen, denn mittlerweile sind solche Cafés offenbar einigermaßen verbreitet.

Wie ich darauf komme? Das liegt an Bruno Faidutti und Alireza Lolagar. Bruno Faidutti dürfte hier den meisten ein Begriff sein, eventuell wegen seines Blogs, zumindest aber für seine Spiele, und davon sicherlich zuallererst für Ohne Furcht und Adel (international als Citadels bekannt). Vor einigen Wochen hatte Faidutti angekündigt, dass dieses legendäre Spiel nun im Iran mit neuer Grafik aufgelegt würde.

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Ein Spiel über das Leben

Als Kind war ich mal mit meiner Kleinfamilie in Schweden. Wir hatten ein Häuschen im Wald gemietet, und ich erinnere mich noch dran, dass es drei Kilometer von der nächsten Behausung entfernt war. Das war für mich als Stadtkind eine unheimlich beeindruckende Sache. Gibt es solche Orte in Deutschland überhaupt?
Rund 40 Jahre später sitze ich fast sprachlos vor meinem Computer und schaue mir ein Satellitenbild des Ortes Ivujivik an. Da gibt es zwar diverse Häuser an einem Fleck (2011 wohnten dort 370 Menschen), aber jenseits davon kommt erstmal lange Zeit gar nichts. Der nächste Ort ist Luftlinie mehr als 100 Kilometer entfernt (und auch nicht viel größer), und Luftlinie ist wörtlich zu nehmen, denn zu keinem der Orte führt eine Straße.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Thomassie Mangiok

Einer dieser 370 Menschen aus Ivujivik ist Thomassie Mangiok, der gerade eine bisher noch nicht genug beachtete Kickstarter-Kampagne für sein Spiel Nunami am Laufen hat. Eigenen Angaben zufolge handelt es sich dabei um das erste moderne Spiel der Inuit überhaupt. Mangiok war so nett, mir ein paar Fragen zu beantworten. Ich zitiere mal: Ein Spiel über das Leben weiterlesen

Twixt ist allen Ernstes auf Kickstarter gelandet.

Gestern ist eine Kickstarter-Kampagne für eine Neuauflage von Alex Randolphs Klassiker Twixt gestartet. Das könnte man begrüßen, denn einige alte Spiele sind bis heute gut und man würde sich wünschen, sie wären weiterhin erhältlich. Leider ist das hier aber alles andere als ein gewöhnlicher Fall. Der neue Verleger, Wayne Dolezal, hat nämlich ein Schlupfloch im amerikanischen Rechtssystem ausgenutzt und sich Copyright- und Trademark-Rechte1  für Twixt gesichert. Es gibt also keine Einigung mit dem Erben von Alex Randolph, Michael Katz. Das Thema hatte im letzten Jahr schon längere Diskussionen ausgelöst, und ich gehörte zu den Leuten, die sich dachten, dass Dolezal einen Rückzieher machen könnte, sobald klar genug wäre, dass die internationale Spieleszene so etwas nicht goutiert. Nun scheint es aber so zu sein, dass Dolezal sich darum in keiner Weise schert. Wäre er von Anfang mit dem Angebot an Michael Katz herangetreten, eine Neuauflage des Spiels zu verlegen, hätte es womöglich eine Einigung geben können. Nun aber stehen sich die beiden Lager unversöhnlich gegenüber, was teilweise zu bizarren Konstruktionen geführt hat: Twixt ist allen Ernstes auf Kickstarter gelandet. weiterlesen

Herzlichen Glückwunsch, lieber Bierdeckel!

Dass mir als weltberühmtem Spieleautor die Groupies hinterherlaufen, dass ich nicht mehr ohne Sonnenbrille rausgehen kann, ohne dass ständig Leute Selfies mit mir machen wollen, dass ich aus Talkshows nicht mehr wegzudenken bin1 – das verdanke ich alles dem wahrscheinlich wichtigsten Bierdeckel aller Zeiten. Beim Perlhuhn-Abend während der Nürnberger Spielwarenmesse am 4. Februar 1988, also heute vor 30 Jahren, nahm Reinhold Wittig einen Bierdeckel zur Hand und schrieb darauf:

Donnerstags-Proklamation 1988
Keiner von uns gibt ein Spiel an einen Verlag, wenn nicht sein Name oben auf der Schachtel steht!

Bierdeckel-Proklamation
Bildquelle

Das unterschrieben dann bis zum nächsten Tag 13 Autorinnen und Autoren, und tatsächlich führte diese mutige kleine Aktion dazu, dass es bis heute zumindest in Deutschland absolut üblich geworden ist, dass die Autorinnen und Autoren der Spiele sichtbar sind (auch wenn es noch immer unrühmliche Ausnahmen gibt). Ich finde, dass das Grund für ein freudiges Gedenken ist. Der so wichtig gewordene Bierdeckel befindet sich heute im Deutschen Spielearchiv in Nürnberg.

Natürlich ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange. Bei Amazon werden Spiele nach Hersteller eingeordnet (gemeint sind damit Verlage); Rezensionen meinen ohne Nennung der Autor/innen auszukommen; und wenn ich allenthalben Sätze wie „Spiel X aus dem Hause Y“ lese, und Y der Verlagsname ist, dann muss ich schon den Kopf schütteln. Das klingt für mich nach Fernsehwerbung aus den Achtzigern. Ich will damit gar nicht den Einfluss der Verlage auf das finale Produkt kleinreden (der positiv oder negativ sein kann), aber an erster Stelle sollten doch die Leute stehen, die ein Spiel erfunden haben. Ganz abgesehen davon, dass heutzutage erfolgreiche Spiele normalerweise in einer ganzen Reihe von Verlagen herauskommen.
Ist Hase und Igel aus dem Hause Ravensburger? Nein, das stammt von David Parlett, und es ist bereits fünf Jahre vor der Ravensburger-Ausgabe bei Intellect Games veröffentlicht worden.
Ist Qwirkle aus dem Hause Schmidt? Nein, das stammt von Susan McKinley Ross, und es ist bereits vier Jahre vor der Schmidt-Ausgabe bei Mindware veröffentlicht worden.
Diese Liste ließe sich ziemlich lange fortsetzen, aber man könnte sich solche Missverständnisse sparen, indem man zuerst nach dem oder der Autor/in fragt statt nach dem Verlag. Und die Verlage könnten mit ihren Autorinnen und Autoren auch wesentlich mehr werben, als sie es derzeit tun. Wenn manche Leute sagen, dass es sie nicht interessieren würde, wer ihre Spiele macht, dann denke ich, dass das Interesse eben einfach noch nicht geweckt wurde. Da sind ja von einigen Verlagen schon ermutigende Schritte gemacht worden, und ich hoffe, dass es noch mehr werden. In anderen Branchen funktioniert das doch auch. Also auf!

 

1 Ich greife hier auf das Jahr 2028 vor, nachdem meine Spiele alle zu Bestsellern geworden sind.

Noch bis 14. November: JVMF-Auktion

Heute ist der zweite Geburtstag von Du bist dran! – und ich hätt’s fast vergessen. Da ich heute keine Zeit mehr für Jubel und Fanfaren habe, nutze ich den Moment stattdessen einfach mal aus, um auf die gerade laufende jährliche JVMF-Auktion hinzuweisen. JVMF steht für Jack Vasel Memorial Fund, eine nach dem verstorbenen Sohn des bekannten Rezensenten Tom Vasel benannte Stiftung. Es handelt sich dabei um eine wohltätige Organisation, die Spieler/innen in Not finanziell hilft. Eine Quelle, aus der er sich finanziert, ist die jährliche Auktion, bei der man Spiele und andere Dinge versteigern kann, wobei der Erlös eben nicht an einen selbst geht, sondern an die Stiftung. Neben normalen Spielen gibt es jedes Jahr eine Menge besonderer Auktionsangebote, von Spielesitzungen mit Prominenten zu Überraschungspaketen, signierten Sonderausgaben von Spielen und was nicht sonst noch alles. Einige der Auktionen erzielen sagenhafte Erlöse, andere bleiben fast unbeachtet, aber alles trägt zum Gesamteinkommen der Stiftung bei.
Ich finde das eine tolle Sache, und manchmal gucke ich auch einfach nur, was da so angeboten wird (hab selbst wenig Budget für sowas, versteigere aber in der Regel irgendwas Kleines). Ist schon spannend, was manche Leute sich für den guten Zweck einfallen lassen. Wer des Englischen mächtig ist, kann ja mal einen Blick draufwerfen.