Würfel auf die Spitze treiben

Der Boom bei den Roll&Write-Spielen hat mich bisher ziemlich kalt gelassen. Während ich bei Stichspielen mindestens monatlich staune, was da wieder für innovative Ideen aus Japan kommen, waren die Würfelspiele für mich im Spielgefühl doch sehr gleichförmig: Würfeln, Würfel auswählen, Zahlen oder andere Dinge auf Zettelchen schreiben, am Ende einen Haufen Punkte zusammenzählen. Klar gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Spielen, aber so richtig herzerwärmend fand ich das alles nicht, für mich gehören die in die Kategorie „Spiele ich achselzuckend mit, wenn jemand mich dazu auffordert“.

Aber dennoch gibt es ein Spiel in diesem Genre, das für mich heraussticht, und das ist Roll to the Top von Peter Joustra und Corné van Moorsel. Wahrscheinlich liegt das einfach daran, dass es ein Wettrennen ist, das gänzlich ohne das Zusammenzählen von Punkten auskommt, und daher ein viel unmittelbareres Spielerlebnis bietet, in dem ich jederzeit mit einem Blick erkennen kann, wie es gerade steht.

Worum geht‘s?

Roll to the Top besteht aus fünf Zahlenwürfeln (D4, D6, D8, D12 und D20) sowie einem sechsseitigen Spezialwürfel. Dazu gibt es verschiedene Zettel, auf denen meist Gebäude, aber manchmal auch andere Dinge abgebildet sind, die aus Kästchen bestehen. Diese Kästchen befüllt man von unten nach oben mit Würfelergebnissen, wobei ein Kästchen erst benutzt werden kann, wenn alle direkt darunter liegenden schon gefüllt sind. Die neu eingetragene Zahl darf dabei niemals kleiner sein als eine darunter stehende. Man kann entweder das Ergebnis jedes einzelnen Würfels eintragen oder mehrere zusammenzählen. Neben den normalen Würfeln würfelt man jeweils auch mit dem Spezialwürfel, der vorgibt, ob man einen Würfel zum Pool hinzufügt, einen wegnimmt oder einen austauscht. Die Würfelergebnisse werden von allen Spieler:innen genutzt, sodass man zum Beispiel kleine Würfel rausnimmt, wenn die anderen noch mit sehr kleinen Zahlen arbeiten, oder eben hohe, wenn die anderen schon mit größeren Zahlen durchgestartet sind. Wer zuerst das komplette Blatt gefüllt hat, gewinnt sofort.

Von unten nach oben aufsteigend befüllt: einer der Spielpläne.

Und? Macht das Spaß?

Ja, reichlich. Ich habe hier das Gefühl, dass die Autoren das Hauptproblem der Roll&Write-Spiele, nämlich den undurchschaubaren und oft beliebig wirkenden Punktesalat am Ende, von vornherein ausschließen wollten und dadurch einen ganz eigenen Weg gegangen sind. Und das hat sich gelohnt. Das Wettrennen hat etwas viel Unmittelbareres, und es ist jederzeit sichtbar, wer wie weit gekommen ist. Allein das sorgt für das Gefühl, gemeinsam an etwas zu spielen. Aber noch wichtiger ist die Einflussnahme über das Auswechseln der Würfel. Zunächst wartet man in der Regel auf den kleinen Zahlen ab und überlegt, wann man auf höhere Zahlen setzt und die kleineren Würfel auszusortieren versucht. Dies ist am interessantesten im Spiel zu zweit, denn bei mehr Spieler*innen ist es schwieriger, sich allein abzusetzen, weil dann mehrere Leute die Auswahl der Würfel in eine unerwünschte Richtung manipulieren. Damit ist natürlich ein Vorzug mancher Konkurrenzspiele dahin, die sich mit mehr oder weniger beliebig vielen Leuten spielen lassen. Aber hey, wir haben ne Pandemie, gute Spiele für zwei sind ja auch nicht zu verachten.

Wer sich trotz des ohnehin schon recht hohen Suchtfaktors irgendwann nicht mehr herausgefordert fühlt, kann Roll to the Top auch rückwärts spielen, also mit hohen Zahlen beginnen und auf immer kleinere Zahlen spielen. Das ist schwieriger (und eher erst mit ein bisschen Erfahrung zu empfehlen), und es gibt noch weniger als beim Standardspiel eine klare Strategie. Ein Plan hat auch eine Mischung aus beidem, man spielt also erst hoch und dann wieder runter.

Das Grundspiel enthält eine Reihe verschiedener Pläne, in neueren Ausgaben auch als laminierte und abwischbare Bögen. Die Zusatzpläne in den Erweiterungspacks bringen weitere Abwechslung, ohne die Grundidee zu verwässern.

Besonders apart: Das Heydar Center, bei dem man erst rauf- und dann wieder runterwürfeln muss.

Natürlich kennen ich bei Weitem nicht alle Roll&Write-Spiele auf dem Markt, von den unzähligen Print-and-Plays im Netz ganz zu schweigen. Aber nur wenige schaffen es, Punktesalathasser wie mich überhaupt von einem zweiten Blick zu überzeugen. Roll to the Top ist von denen, die ich gespielt habe, das einzige, das bei mir irgendwelche Suchterscheinungen ausgelöst hat (neben diversen Live-Partien habe ich auch ein paar hundert Mal online gespielt). Ob sich weitere Autor:innen dazu animiert fühlen, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, weiß ich nicht, da die vorherrschende Kost ja sehr erfolgreich ist (ausprobieren würde ich bei Gelegenheit gern mal Revolta em San Villano, da dort alle Spieler:innen auf den gleichen Zettel schreiben). Aber einstweilen bleibt Roll to the Top für mich das einzige Roll&Write-Spiel, das ich brauche.

Roll to the Top
von Peter Joustra und Corné van Moorsel
für 2 bis 5 Personen (am besten zu zweit)
ab 9 Jahre
Illustrationen von Steven Tu
Cwali, 2018 (die Erweiterungen sind zum Teil später erschienen)

Hinweis: Ich spiele etwa einmal im Jahr mit Corné van Moorsel zusammen und habe auch Roll to the Top schon vor der Veröffentlichung testspielen können

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