Die Spieleszene und ihr Umgang mit rassistischen Äußerungen

Vor einem halben Jahr habe ich hier drauf hingewiesen, dass auch deutsche Verlage und Autor:innen ein Auge auf die Verwerfungen im US-Markt haben müssten, um dort weiterhin ihre Spiele verkaufen zu können. Das führte zu hitzigen Diskussionen (oft weg vom eigentlichen Thema). Nun ist es wieder hochgekocht, aber auf eine ganz andere Weise als ich erwartet hatte. Mir war es ja um die Spielinhalte gegangen, weniger um die Personen dahinter.

Was ist nun passiert? Ein prominenter Autori ist mit Äußerungen, die man als rassistisch oder zumindest unsensibel gegenüber Rassismus auffassen kann, aufgefallen. Das Ganze ist ein bisschen schwer zu durchschauen, weil diese aus einer Fremdsprache übersetzt wurden, und sich die Muttersprachler:innen dieser Sprache nun in zwei Lager spalten, die einen, die es unproblematisch finden und die anderen, die es für eine rassistische Äußerung halten (die Grenzen zwischen diesen lagern verlaufen übrigens nicht entlang der Hautfarben). Als daraufhin eine von vielen Leuten als nur halbherzig empfundene Entschuldigung/Distanzierung des Autors erfolgte, haben mehrere seiner Verlage, in den USA und auch in Deutschland, angekündigt, die Zusammenarbeit mit ihm einzustellen und künftig keine neuen Spiele mehr von ihm zu veröffentlichen. Und jetzt schreit sich das halbe Internet an, manche Leute verkaufen ihre Spiele dieses Autors, andere kaufen sie jetzt erst recht und wollen nichts mehr mit den entsprechenden Verlagen zu tun haben, und alle hassen alle.

Für mich heißt das, dass wirii die letzten Monate auch irgendwie vergeudet haben. Man hätte sich ja in der Zeit mal überlegen können, wie wir uns in der Zukunft verhalten wollen, wenn es Konflikte um Diskriminierung in verschiedenen Formen gibt, denn die waren zu erwarten gewesen (siehe oben). Und ich kann nicht umhin, den aktuellen Zustand ziemlich unglücklich zu finden. Eigentlich haben wir hier zwei Diskussionen, die sich vermischen, die wir meiner Meinung nach aber trennen sollten.

In der ersten geht es darum, was Rassismus ausmacht. Ich hatte das Gefühl, dass da in der letzten Zeit erfreulicherweise die Erkenntnis auf dem Vormarsch war, dass es nicht so sehr darum geht, ob jemand Rassist:in ist (nahezu alle Menschen weisen diese Vorstellung ja von sich), sondern was jemand tut. Mit anderen Worten: Auch Leute mit den besten Absichten können sich anderen gegenüber verletzend oder ausgrenzend verhalten. Das kann jedem und jeder von uns passieren, sei es durch Unwissen oder Indifferenz. Interessant ist dann eher, wie man sich verhält, wenn man darauf angesprochen wird. Reagiert man aufgeschlossen, nimmt sich vor, zukünftig rücksichtsvoller zu agieren? Oder weist man alles von sich und klärt darüber auf, dass das eigene Handeln nicht so schlimm gewesen sein könne, denn man sei ja kein:e Rassist:in und die Vorwürfe seien daher absurd?

In der zweiten Diskussion geht es darum (oder sollte es darum gehen), was wir eigentlich tun können oder sollten, wenn jemand durch Fehlverhalten aufgefallen ist. Und ich glaube, hier haben wir die obige Erkenntnis, dass es nicht nur um den absichtlichen Rassismus geht, noch nicht verarbeitet. Natürlich steht es jedem Spieleverlag zu, sich die Autor:innen auszusuchen, mit denen er zusammenarbeitet. Es kann aus verschiedenen Gründen vorkommen, das Autor:innen bei einem Verlag unten durch sind – wegen persönlicher Abneigung, verschiedener Auffassungen über die gemeinsame Arbeitsweise, oder eben wegen öffentlicher Äußerungen. In nahezu allen Fällen wird das nicht oder bestenfalls hinter vorgehaltener Hand nach außen getragen; man macht dann halt keine gemeinsamen Projekte mehr und geht getrennter Wege.
In den letzten Jahren, insbesondere aber seit dem letzten Sommer, gibt es einen stärkeren Drang, seine Haltung öffentlich zu benennen. Das hat seine Vorteile, denn das Schaffen von als sicher empfundenen Räumen wird immer wieder als wichtig benannt. Letztes Jahr ging es dabei vor allem um die Origins Game Fair, auf der man sich unabhängig von Äußerlichkeiten wohl fühlen sollte. Aber was ist hier die Motivation?
Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Leute rassistische Verhaltensmuster unabsichtlich reproduzieren und viele womöglich gar nicht abgeneigt wären, dazuzulernen, was ist dann der beste Weg, das zu erreichen? Ich wage mal die Behauptung, dass viele von uns, die angemessene Reaktionen auf Fehlverhalten einfordern, sich darüber vor zehn oder zwanzig Jahren selbst auch noch nicht so differenzierte Gedanken gemacht haben dürften. Menschen können sich wandeln, und da sollten wir ihnen keine Steine in den Weg legen. Sich Fehler einzugestehen, fällt den meisten Leuten nun mal schwer. Wer sich da für eine Ausnahme hält, möge den ersten Stein werfen. Eine Kultur, in der uns das leichter gemacht wird, wäre für mich erstrebenswert.

Wie kann eine solche Hilfestellung zum Wandel aussehen? Das öffentliche Beenden von Geschäftsbeziehungen ist da sicherlich nur eine Möglichkeit, und in meinen Augen eher nicht die beste. Wird der Autor sich davon ermutigt fühlen, sich näher mit der Bedeutung seiner Aussagen zu beschäftigen? Ich weiß es nicht. Klar, die Ankündigung ist nicht ohne Rücksprache mit dem Autor erfolgt. Ich war nicht dabei und kann mir hier kein Urteil erlauben. Aber wäre es nicht hilfreicher, wenn der Verlag bereits in seinen Richtlinien für das Einsenden neuer Spielideen darauf hinweist, was er akzeptiert und was nicht? Vielleicht mit einem Literaturhinweis zum Thema struktureller Rassismus oder so (und das ist ja auch nur eins von mehreren Problemfeldern). Bisher gibt es hier nur Hinweise zur Originalität, zur Mechanik, zur Prototypengestaltung und zu rechtlichen Dingen zu lesen. Ich persönlich fände es jedenfalls schön, wenn wir mehr vorbeugend tätig wären, anstatt erst dann aufgeregt zu diskutieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Das gilt natürlich auch für andere Verlage. Und nicht nur für die, sondern auch für Spieler:innen und Medienschaffende. Als Blogger weiß ich in den allermeisten Fällen wenig über die Autor:innen, kann mir also persönlich vor allem vornehmen, problematische Dinge innerhalb der Spiele zu benennen, wo ich sie wahrnehme, seien es thematische, mechanische oder visuelle. Da wird mir sicher auch einiges entgehen (gerade in meinen Nachrichten über lateinamerikanische Spiele, die ich ja oft selbst gar nicht oder erst viel später auf den Tisch kriege). Perfektion ist also nicht zu erwarten. Aber Zeit haben wir auch nicht mehr zu verlieren.iii Ohne Diversität in Spielen ist schließlich keine Diversität in der Spieleszene zu erwarten.

Das mag jetzt alles nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ich finde es überhaupt schade, dass wir uns so viel an diesem und einigen anderen Einzelfällen aufhängen. Machen wir uns doch nichts vor: Wenn wir ein Patentrezept dafür hätten, wie wir den Rassismus (in der Spieleszene und auch außerhalb) ganz einfach besiegen könnten, wäre dieser längst kein Problem mehr. Wir haben aber noch lange kein gutes Rezept. Das sollten wir uns eingestehen. Und an uns arbeiten, bevor der nächste Fall zum Vorschein kommt.

i Ich möchte den Namen hier nicht nennen, weil das die Aufmerksamkeit dann wieder auf einen Einzelfall lenken wird. Und um den geht es mir nur am Rande, denn ich glaube, dass wir eine viel grundsätzlichere Debatte brauchen. Wahrscheinlich ist das sinnlos, weil die meisten von Euch schon mitbekommen haben, um wen es geht, aber ich lass den jetzt trotzdem weg, aus Prinzip.

ii Mit “wir” meine ich nicht die Gesellschaft als Ganzes (die auch, aber da laufen auch schon ganz andere Diskussionen), sondern ziemlich konkret die Spieleszene, also Autor:innen, Blogger:innen, Verlagsleute und Spieler:innen.

iii Ich möchte ich nicht der Hektik das Wort reden. Ich glaube, dass wir uns auch dadurch Probleme schaffen, dass wir alles immer sofort kommentieren müssen und dass jede Nachricht zur Eilmeldung hochgejazzt wird.

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