Noch eine taiwanische Perle: Guess Club

Wie kann man diesen Zeiten, in denen jährlich tausende von Neuheiten erscheinen, auch nur die Hoffnung haben, das Richtige für sich zu finden? Es gibt so viele Rezensionen auf allen Kanälen – auch das sind mehr, als ein Mensch auch nur ansatzweise sichten kann. Ich tue (gerade vor der Messe) mein Bestes, um mich umfassend zu informieren. Aber mein Budget ist sehr begrenzt, sodass ich nicht auf jede Empfehlung reagieren kann. Zum Glück gibt es eine kleine Handvoll Leute, deren Tipps ich fast blind vertraue, weil unser Geschmack doch große Überschneidungen aufweist. Aus einer solchen Quelle erfuhr ich vor der Messe 2019 von einem Spiel namens Guess Club von Sky Huang, das bei Broadway Toys in Hongkong erschienen war. Das klang so attraktiv, dass ich dann in Essen zugeschlagen habe, was eine gute Wahl war – Guess Club ist eins unserer Highlights von der Messe geworden.

Guess Club

Worum geht‘s?

Ein Spiel läuft über insgesamt drei Runden. In jeder Runde wird ein Thema vorgegeben. Nun bekommt jede*r Spieler*in sechs abwischbare Karten und schreibt auf jede davon einen Begriff, der zum vorgegebenen Thema passt. Wer dran ist, darf eine seiner Karten aufdecken. Wenn mindestens eine weitere Person das Gleiche geschrieben hat, bekommt man Münzen aus einem Jackpot. Wenn nicht, muss man stattdessen in den Jackpot einzahlen. Jedesmal, wenn es eine Übereinstimmtung gab, wird ein Zähler um einen Schritt vorangestellt. Anstatt eine Karte aufzudecken, kann man aber auch in den Jackpot einzahlen und eine Wette darauf abgeben, wo der Zähler am Ende der Runde landet. Hat man damit Recht, bekommt man den aktuellen Jackpot plus eine Bonuszahlung aus der Bank. Die Runde endet, wenn jemand keine Karten mehr hat. Nach drei Runden wird das Geld gezählt und wer am meisten hat, gewinnt.

Zähltafel mit Jackpot in der Mitte. Gelb, Grün und Rot haben schon auf ein Endergebnis getippt.

Und? Macht das Spaß?

Ja, unbedingt. Aber bevor ich das genauer ausführe, muss ich erstmal ein Geständnis machen: Wir spielen das eigentlich ganz falsch, und zwar bisher in jeder Gruppe, in der ich war (und das lag nicht nur an mir). Dem Spiel liegen nämlich Themenkarten bei, auf denen nicht nur Themen vorgegeben sind, sondern auch Beispiele für jedes Thema. Diese Beispiele sollen vorgelesen werden, und es steht allen frei, welche von diesen zu wählen oder eigene. Laut Regeln kann man auch eigene Themen wählen, dann solle aber der oder die Vorschlagende jeweils selbst Beispiele dafür geben. Wir haben uns in den verschiedenen Runden die Karten immer wieder angeguckt und sie dann ignoriert. Sie waren uns einfach zu spezifisch und zum Teil überfordernd, da wir normalerweise mit Kindern zusammen spielen. Ich finde die Regel zwar grundsätzlich eine interessante Idee, aber das Spiel funktioniert eben auch ganz wunderbar mit allgemeinen Themen und ohne Beispiele. Umso größer sind die Überrraschungen dann. In jedem Fall kann man diese Flexibilität aber als Vorzug des Spiels werten – es lässt sich leicht an die jeweilige Spielgruppe anpassen. Und gerade mit Kindern (ab 10 Jahre) hatten wir sehr viel Spaß mit Guess Club.

Guess Club

Nicht alle Kategorien sind für Kinder brauchbar.

Nun aber mal mehr dazu, warum mir das Spiel so gut gefällt. Zunächst erweckt Guess Club den Anschein, eins dieser Spiele zu sein, bei denen man erraten muss, was die Mehrheit der Mitspielenden zu einem Thema denkt, und dann möglichst das Gleiche aufschreibt. Das stimmt aber nur teilweise, denn das reine Übereinstimmen mit den anderen Spieler*innen reicht oft nicht, um zu gewinnen. Bei jedem Spielzug muss man halt abwägen, ob man auf den aktuellen Jackpot spekuliert, was sich dann lohnt, wenn dieser von anderen durch Fehl- oder Rateversuche schon reich gefüllt wurde, oder ob man eben lieber einen Tipp auf den Ausgang des Spiels abgeben möchte, um am Ende eine Menge Bonuspunkte einzufahren. Was besser ist, ist eben von Partie zu Partie verschieden. Manchmal möchte man auch zuletzt einen Begriff auf der Hand haben, den die anderen nicht erwarten, um ein überraschendes Endergebnis zu erzwingen, auf das man vielleicht allein gesetzt hat. Diese Abwägungen machen die Spannung des Spiels aus. Am Anfang sammelt man vermeintlich sichere Punkte ein, später denkt man über seine Züge immer stärker nach. Deshalb ist Guess Club für mich auch am stärksten, wenn man nicht in voller Besetzung spielt. Zu siebt oder acht ist man dann doch zu selten dran (im theoretischen Extremfall sogar gar nicht), und man kann das Gefühl bekommen, keinen Einfluss auf das Spiel nehmen zu können. Mit weniger Spieler*innen ist das anders. Ich finde Guess Club mit vier oder fünf Leuten am interessantesten. Aber natürlich ist es wie bei vielen Partyspielen so, dass es von seinen überraschenden Situationen lebt. Wenn man zum Beispiel ein Wort auf den Tisch legt, bei dem man völlig überzeugt ist, dass es so ziemlich alle anderen auch geschrieben haben müssten, die aber nur den Kopf schütteln oder sich an den Kopf fassen, weil sie selbst nicht drauf gekommen sind, gibt es oft Lacher. Da ist die Zahl der Beteiligten dann doch eher zweitrangig. Wir haben auch zu acht viel Spaß gehabt (auch wenn es natürlich von Vorteil ist, die Mitspieler*innen gut zu kennen). Zu zweit habe ich es noch nicht ausprobiert, da erscheinen mir andere Spiele verlockender.

Ganz großartig ist übrigens in meinen Augen das Spielmaterial geraten. So eine perfekte Funktionalität findet man selten. Abwischbar beschrieben Karten haben ja oft das Problem, dass sie sehr leicht verwischen können (was bei uns zum Beispiel beim Fake Artist schon zu Rundenwiederholungen geführt hat). Bei Guess Club hat man eine Halterung, in die man die Karten hineinsteckt (ich selbst beschreibe sie sogar in der Halterung, denn auf perfekte Leserlichkeit kommt es nicht an). Das funktioniert super und nichts kann verwischen. Auch das Zählbrett in der Tischmitte ist sehr praktisch (wer will, kann den Jackpot daneben stellen, um freie Sicht auf den Zwischenstand zu haben – in meinen Augen ist das aber nicht nötig). Und die Grafik (weniger der Schachtel, aber auf alle Fälle die auf den Karten) ist für mich auch super.

Guess Club

Die Karten finde ich wirklich toll gestaltet.

Das sehen die anderen Spieler*innen von meinen Karten.

Und das sehe ich. Hier am Beispiel des Themas Obst. Die Halterung für die Karten ist super, da kann nichts verwischen, selbst wenn ich das Ganze zwischendurch mal aus der Hand lege.

Update, 13.5.2020: Eigentlich also eine glasklare Empfehlung für dieses tolle Partyspiel. Leider ist meine Hoffnung auf eine deutsche Ausgabe gerade ziemlich in den Keller gerutscht, denn offenbar gibt es Unklarheiten darüber, wer derzeit die Rechte hält. Wie ich beim Schreiben dieser Rezension feststellen musste, hat Autor Sky Huang schon am 4.11.19 auf Boardgamegeek bekanntgegeben, dass die Rechte an dem Spiel wegen ausgebliebener Honorarzahlungen durch Broadway Toys an ihn zurückgefallen seien. Meine Nachfrage bei Broadway Toys ergab nun allerdings, dass der Verlag da anderer Meinung ist und davon ausgeht, die Rechte an Guess Club bis 2023 weiterhin zu halten. Ob es zwischen den beiden Parteien eine einvernehmliche Lösung geben wird, erscheint zumindest fraglich. Besorgt Euch also irgendwo ein englischsprachiges Exemplar, falls das was für Euch ist, bevor es das Spiel womöglich gar nicht mehr gibt.

Guess Club
für 2 bis 8 Leute
von Sky Huang
Illustriert von missquai
Broadway Toys, 2018
(Originalausgabe im Selbstverlag, 2017)

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2 Antworten zu Noch eine taiwanische Perle: Guess Club

  1. Petra Tischer sagt:

    Das klingt wieder nach einem so tollen Spiel…aber leider scheint es bereits nicht mehr zu bekommen zu sein. Schade! Ich finde es nirgendwo

    • HilkMAN sagt:

      Tja, der Rechtsstreit macht es sicherlich nicht einfacher. Würde mich wirklich auch freuen, wenn das noch mal neu aufgelegt würde.

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