Denken wie die Tiere

Da mein Budget für neue Spiele vergleichsweise klein ist, habe ich nicht die Möglichkeit, mir alle Nase lang Spiele aus Japan oder anderen fernen Ländern zu bestellen, auch wenn mein Blog diese Vorstellung vielleicht nahelegt. Ich bin vielmehr auf die Messe in Essen angewiesen, wenn ich was kaufen will (und hier und da bekomme ich Belegexemplare für Rezensionen oder Übersetzungen). Aber an die meisten Sachen, von denen ich höre und die ich spannend finde, komme ich auch nicht ran. Umso größer ist dann die Freude, wenn mir aus heiterem Himmel jemand bei Boardgamegeek ein von mir seit längerem neugierig beäugtes Spiel im Tausch gegen ein anderes anbietet, das ich nicht mehr brauche. Auf diese Weise bin ich zu Animal Mind gekommen, das ich Euch heute ein bisschen näherbringen möchte.

Animal Mind

Worum geht’s?

Es gibt vier Kartensätze in verschiedenen Farben, jeweils mit Karten der Werte 0, 1 und 2. Diese werden zu einem Stapel gemischt. Wenn man dran ist, sieht man sich die oberste Karte an und bietet sie dann einer Mitspielerin an. Dazu sagt man entweder die Farbe oder den Wert der Karte an. Die Mitspielerin kann die Karte annehmen oder ablehnen – im letzteren Fall bekommt man sie selbst. Wer eine Karte bekommt, legt sie nach Farben getrennt aus. Der Wert einer Farbreihe berechnet sich aus der Zahl der Karten multipliziert mit dem Wert der zuoberst liegenden Karte.

1×2 Punkte für das Fell, 4×0 Punkte für die Haustiere, 5×2 Punkte für die Milch, also insgesamt 12. Das ist viel – die nächste Wertung kann kommen!

Zwei Dinge sind dabei zu beachten. Erstens hat man vor sich drei spezielle Entscheidungskarten liegen, auf deren einer Seite „annehmen“ und auf deren anderer Seite „ablehnen“ steht. Wer annimmt, dreht eine „Annehmen“-Karte auf die „Ablehnen“-Seite, lehnt man etwas ab, macht man es umgekehrt. Hat man keine „Ablehnen“-Seite mehr offen liegen, muss man die nächste Karte eben annehmen (und umgekehrt). Zweitens darf man nur drei Farben sammeln. Bekommt man eine Karte der vierten Farbe, muss man seine längste gesammelte Reihe abwerfen, was man in der Regel natürlich nicht möchte.

Wenn ich jetzt eine Eier-Karte angeboten kriege, möchte ich sie gern ablehnen, denn ich kann dadurch maximal 2 Punkte kriegen, muss aber 3 Punkte (meine längste Reihe) abwerfen.

Im Kartenstapel stecken drei Wertungskarten. Immer, wenn eine gezogen wird, werden für die aktuellen Kartenreihen Punkte verteilt. Nach der dritten Wertungskarte ist Schluss, wer dann am meisten Punkte gesammelt hat, gewinnt.

Punkte!

Und? Macht das Spaß?

Animal Mind ist bei uns völlig eingeschlagen, es war in den letzten Wochen klar das meistgespielte Spiel in unserer Familie und kam auch außerhalb gut an. Im Wesentlichen haben die Entscheidungen, die man im Spiel treffen muss, drei Aspekte. Erstens: Möchte ich die Karte haben? Zweitens: Möchte die andere Person sie überhaupt nicht haben, und was ist mir wichtiger? Und drittens: Wie wirkt sich das Ganze auf meine Entscheidungskarten aus? Komme ich in eine Situation, in der ich nur noch ablehnen kann, oder viel schlimmer, in der ich annehmen muss? Diese Aspekte sind in ständigem Konflikt miteinander, und das macht viel vom Spielspaß aus. Eigentlich ist es ja ein sehr freundliches Konzept, man versucht einfach immer wieder, Dinge zu verschenken. Trotzdem fühlt sich Animal Mind sehr konfrontativ an, weil man ständig darauf erpicht ist, anderen Leuten Karten reinzudrücken, die ihnen ihre Punkte minimieren. Solche Ärgerspiel-Momente muss man mögen, wer lieber still vor sich hin baut, ist hier falsch.

Animal Mind enthält natürlich ein Bluff-Element, aber das ist eigentlich eher klein. Viel wichtiger ist es, die Mitspieler*innen richtig einschätzen zu können. Denn immer wieder stelle ich diese vor der Entscheidung, meine Karte anzunehmen und uns damit beiden zu helfen, oder selbst auf einen Vorteil zu verzichten, um mir eine reinzuwürgen. Da muss ich das richtige Fingerspitzengefühl entwickeln.

Blau bietet Gelb eine Karte an und sagt “2”. Ist es eine 2 von einer Farbe, die Gelb schon hat, ist sie wertvoll. Ist es aber eine grüne 2, muss Gelb die blaue (Milch-)Reihe abwerfen, die 4 Punkte wert ist. Ein schlechtes Geschäft. Lehnt Gelb allerdings ab und es ist wirklich eine grüne Karte, bekommt Blau 6 Punkte, und außerdem muss Gelb die letzte “Ablehnen”-Karte umdrehen. Dann ist Gelb dem nächsten Geschenk auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, was die anderen natürlich ausnutzen werden. Eine knifflige Entscheidung…

Gelegentlich gibt es Situationen, in denen man bei einer Karte keine Wahl hat, weil zum Beispiel alle anderen Spieler*innen die angebotene Karte ablehnen müssen. Dann kann ich nur darauf hoffen, dass die Karte, die ich ziehe, mir gut in den Kram passt. Aber solche Situationen sind selten, und sie kommen ja auch nicht zufällig zustande, sondern als Ergebnis des bisherigen Spielverlaufs.

Animal Mind ist also eins dieser Spiele, die mit wenigen Regeln einen schnellen Einstieg und viel Spielspaß erlauben. Für mich ist die ideale Spieler*innenzahl drei, da die Auswahl zwischen zwei Gegner*innen genügend Möglichkeiten bringt und man gleichzeitig schnell wieder an der Reihe ist. Auch zu viert funktioniert es aber prima. Die Gestaltung ist für europäische Augen gewöhnungsbedürftig, aber ich fand sie doch irgendwie charmant und auf alle Fälle funktional. Eine echte Empfehlung von mir, falls Ihr das mal in die Finger kriegen solltet.

Animal Mind (アニマルマインド)
für 2 bis 4 Spieler*innen
von 樫尾忠英 (Kashio Tadahide)
Illustrationen von 佐々木亮 (Ryo Sasaki)
cosaic/Group SNE, 2016
(In Deutschland erhältlich beim Nice Game Shop.)

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4 Antworten zu Denken wie die Tiere

  1. Ulrich Roth sagt:

    Um das Spiel auszuprobieren, würde ich mir gern ein eigenes Set basteln. Wie viele Karten gibt es denn in jeder Farbe?

  2. Ulrich Roth sagt:

    Wir haben es nun etliche Male gespielt, und finden es auch klasse.
    Allerdings NICHT zu zweit, da es dann beide Spieler gleichermaßen betrifft, wenn einer seine Flexibilität beim Antworten verliert.

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