Herzlichen Glückwunsch, lieber Bierdeckel!

Dass mir als weltberühmtem Spieleautor die Groupies hinterherlaufen, dass ich nicht mehr ohne Sonnenbrille rausgehen kann, ohne dass ständig Leute Selfies mit mir machen wollen, dass ich aus Talkshows nicht mehr wegzudenken bin1 – das verdanke ich alles dem wahrscheinlich wichtigsten Bierdeckel aller Zeiten. Beim Perlhuhn-Abend während der Nürnberger Spielwarenmesse am 4. Februar 1988, also heute vor 30 Jahren, nahm Reinhold Wittig einen Bierdeckel zur Hand und schrieb darauf:

Donnerstags-Proklamation 1988
Keiner von uns gibt ein Spiel an einen Verlag, wenn nicht sein Name oben auf der Schachtel steht!

Das unterschrieben dann bis zum nächsten Tag 13 Autorinnen und Autoren, und tatsächlich führte diese mutige kleine Aktion dazu, dass es bis heute zumindest in Deutschland absolut üblich geworden ist, dass die Autorinnen und Autoren der Spiele sichtbar sind (auch wenn es noch immer unrühmliche Ausnahmen gibt). Ich finde, dass das Grund für ein freudiges Gedenken ist. Der so wichtig gewordene Bierdeckel befindet sich heute im Deutschen Spielearchiv in Nürnberg.

Natürlich ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange. Bei Amazon werden Spiele nach Hersteller eingeordnet (gemeint sind damit Verlage); Rezensionen meinen ohne Nennung der Autor/innen auszukommen; und wenn ich allenthalben Sätze wie „Spiel X aus dem Hause Y“ lese, und Y der Verlagsname ist, dann muss ich schon den Kopf schütteln. Das klingt für mich nach Fernsehwerbung aus den Achtzigern. Ich will damit gar nicht den Einfluss der Verlage auf das finale Produkt kleinreden (der positiv oder negativ sein kann), aber an erster Stelle sollten doch die Leute stehen, die ein Spiel erfunden haben. Ganz abgesehen davon, dass heutzutage erfolgreiche Spiele normalerweise in einer ganzen Reihe von Verlagen herauskommen.
Ist Hase und Igel aus dem Hause Ravensburger? Nein, das stammt von David Parlett, und es ist bereits fünf Jahre vor der Ravensburger-Ausgabe bei Intellect Games veröffentlicht worden.
Ist Qwirkle aus dem Hause Schmidt? Nein, das stammt von Susan McKinley Ross, und es ist bereits vier Jahre vor der Schmidt-Ausgabe bei Mindware veröffentlicht worden.
Diese Liste ließe sich ziemlich lange fortsetzen, aber man könnte sich solche Missverständnisse sparen, indem man zuerst nach dem oder der Autor/in fragt statt nach dem Verlag. Und die Verlage könnten mit ihren Autorinnen und Autoren auch wesentlich mehr werben, als sie es derzeit tun. Wenn manche Leute sagen, dass es sie nicht interessieren würde, wer ihre Spiele macht, dann denke ich, dass das Interesse eben einfach noch nicht geweckt wurde. Da sind ja von einigen Verlagen schon ermutigende Schritte gemacht worden, und ich hoffe, dass es noch mehr werden. In anderen Branchen funktioniert das doch auch. Also auf!

 

1 Ich greife hier auf das Jahr 2028 vor, nachdem meine Spiele alle zu Bestsellern geworden sind.

Dieser Beitrag wurde unter Spiele und Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.