Der will doch nur dein Geld…

Ich lese zwar gern, muss aber gestehen, noch nie ein Buch von Jane Austen in der Hand gehabt zu haben. Das mag eine Bildungslücke sein, aber es hat mich nicht davon abgehalten, seit einiger Zeit hinter einem englischen Spiel namens Jane Austen’s Matchmaker hinterherzujagen. Ich bin ja neben ungewöhnlichen Spielmechanismen auch immer interessiert an ungewöhnlichen Themen – die ganzen Hypes um Wikinger oder Zombies oder was auch immer sprechen mich für sich allein kaum an. Da Jane Austen’s Matchmaker allseits gelobt wurde, speicherte ich das Spiel in meiner Suchliste und bekam es neulich aus England zugeschickt. Es ist ein ganz kleines Kartenspiel in einer recht unscheinbaren Schachtel, das wahrscheinlich zuallererst Fans der Schriftstellerin ansprechen dürfte. Aber auch bei uns landete es schnell auf dem Tisch. Und dann wieder. Und wieder.

Jane Austen's MatchmakerIm Wesentlichen besteht es aus Frauen- und Männerkarten, die jeweils vier Zahlenwerte enthalten: Charme, Tugend, Sozialen Rang und Reichtum. Alle Werte liegen zwischen 1 und 5, nur die Tugend der Männer liegt zwischen 0 und 3. 🙂

Vor sich hat man eine Auslage von unverheirateten Frauen liegen, die sogenannte Gesellschaft. Die anderen Karten hält man auf der Hand. Wer dran ist, kann eine Karte vom Stapel auf die Hand ziehen, eine neue Frau in die Gesellschaft einführen, eine Frau aus der eigenen Gesellschaft in eine andere Gesellschaft abschieben (wenn dort weniger Frauen liegen als in der eigenen) oder aber, und das ist der zentrale Aspekt des Spiels, einen Heiratsantrag machen. Dafür legt man eine Männerkarte zu einer Frauenkarte aus einer anderen Gesellschaft und verkündet, dass der Mann die Frau heiraten möchte. Diese kann nun annehmen oder ablehnen. Um einen Antrag abzulehnen, muss die Frau so viele Karten abwerfen, wie der Charme des Mannes ihren eigenen übersteigt (ist er niedriger als ihr eigener, kann er den Antrag nur machen, wenn er seinerseits entsprechend Karten abwirft). Ist er von höherem Rang als sie selbst, kann sie die Differenz in Karten ziehen (das Interesse hochgestellter Herren macht sie interessanter). Nimmt sie an, tauschen die beiden Spieler/innen die Karten aus und legen sie auf einen verdeckten Hochzeitsstapel. Vorher zieht allerdings die ärmere Person die Reichtumsdifferenz in Karten auf die Hand.

Das sind schon die wesentlichen Regeln – es geht so lange weiter, bis jemand eine Karte ziehen will oder muss und es keine mehr gibt. Dann zählt man die Tugendpunkte aus seinem Hochzeitsstapel zusammen und zieht die Summe der Tugendpunkte seiner unverheiratet gebliebenen Frauen ab. Wer die meisten Punkte hat, gewinnt.

Die Regeln sind also knapp und klar (auch wenn ich vermute, dass ich mich nach einer längeren Zeit, in der ich es nicht spiele, wieder in die Funktion der einzelnen Werte hineinfinden müsste).

Und? Macht das Spaß?
Ich bin total beeindruckt. Es gibt ja Spiele, bei denen auf einen abstrakten Mechanismus ein Thema aufgepropft wird, und solche, die eher vom Thema ausgehen und diesem einen mehr oder weniger beliebigen Mechanismus aufplanzen. Beides kann in extremen Ausprägungen ziemlich schmerzhaft sein. Es ist selten, dass Thema und Mechanismen eine absolute Einheit darstellen und das Spiel dann auch noch gut ist. Jane Austen’s Matchmaker ist so ein Fall.

Obwohl es natürlich letztlich nur Karten mit Zahlen und Bildern drauf sind, ergibt jeder Mechanismus nicht nur für den Spielablauf, sondern auch innerhalb des Themas einen Sinn. Versetzen wir uns also mal in die Zeit vor gut 200 Jahren. Warum heiratet eine Frau einen Mann (oder vielleicht auch: warum wird sie verheiratet), wenn sie doch weiß, dass der angehende Bräutigam ihr nicht treu sein wird? Vielleicht weil er reich ist? Weil er so charmant ist, dass sie ihm einfach nicht widerstehen kann? Weil der gesellschaftliche Druck sehr groß ist? Oder einfach, um nicht als alte Jungfer zu enden? All das ist im Spiel nachvollziehbar umgesetzt.

Jane Austen's Matchmaker

John Willoughby ist sehr charmant (oben links), völlig untreu (oben rechts), von mittlerem Stand (unten links) und arm wie eine Kirchenmaus (unten rechts). Klare Sache: Wenn er Georgiana Darcy einen Antrag macht, hat er es auf ihr Geld abgesehen. Und sie wird sich ihm nicht oft widersetzen können…

Ihr merkt schon: Manchmal kann einem das Thema im Hals steckenbleiben. Es ist keine lockere Zombie-Schlachterei, kein harmloses Bluffspiel und keine fröhliche Kapitalismussimulation. Hier werden Frauen mehr oder weniger gegen ihren Willen verheiratet. Damit kann der Autor nur durchkommen, wenn er das Spiel historisch-literarisch korrekt ansiedelt. Aber auch so ergötzt man sich manchmal an dem Schauer, der einem den Rücken herunterläuft. Für uns war dieser Schauer vielleicht sogar maßgeblich dafür, nach unserer ersten Partie sofort noch eine weitere spielen zu wollen: Wir ahnten schon, dass das Thema noch viel tiefer ging, als wir beim ersten Mal ans Licht gebracht hatten. Und so war es auch. Wer sich zu so etwas nicht überwinden mag, sollte die Finger von diesem Spiel lassen. Was man als Thema für ein Spiel zumutbar findet, ist ja individuell verschieden und nicht immer ganz rational. Manch eine/r scheut vor Weltkriegssimulationen zurück (ich zum Beispiel), kommt aber ganz gut damit klar, als Wikingerheld englische Dörfer zu überfallen. Das muss jede/r mit sich selbst ausmachen. Fest steht aber: die Situation von Frauen auf dem Heiratsmarkt zu Jane Austen’s Zeiten ist in diesem Spiel sehr angemessen abgebildet. Mit Kindern, die den Hintergrund nicht durchschauen, würde ich es wahrscheinlich aber trotzdem nicht spielen wollen.

Bei allem Lob für die Verbindung von Thematik und Spielmechanik ist das Spiel aber auch taktisch sehr reizvoll. Es gibt zahlreiche Wege zum Sieg und trotz weniger Regeln einiges, was man im Auge halten sollte. Eine wichtige Regel besagt, dass man eine zweite Aktion bekommt, wenn in der eigenen Gesellschaft mehr Frauen sind als in jeder anderen. Das ist ein sehr wertvoller Vorteil, und es lohnt sich, einiges dafür zu investieren oder es im Zweifelsfall bei den anderen zu verhindern. Das heißt, man versucht, viele Frauen ins Spiel zu bringen. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass man am Ende gegebenenfalls noch Karten in andere Gesellschaften abschieben kann, um zu verhindern, auf alten Jungfern sitzen zu bleiben. Andererseits bekommt man eben am Ende Minuspunkte für alle unverheirateten Frauen in der eigenen Gesellschaft, und das sind natürlich umso mehr, je mehr (und je tugendhaftere) Frauen man ausgespielt hat. Hier eine gute Balance zu finden, erfordert einiges an Fingerspitzengefühl.

Auch mit den Heiratsanträgen selbst muss man natürlich umgehen lernen. Viele Karten auf der Hand zu haben ist ein definititver Vorteil, für den man ebenfalls einiges gibt. Mit Handkarten kann ich Heiratsanträge unterstützen oder eben auch ablehnen (manchmal, weil sie zu vorteilhaft für den Mann wären, manchmal, weil man einfach seine Mehrheit behalten wil). Überall gilt es, clevere Entscheidungen zu treffen.

Trotz der einfachen Regeln und einer Spieldauer von (zum Teil deutlich) unter einer halben Stunde ist Jane Austen’s Matchmaker also ein durchaus anspruchsvolles Spiel, das einen zweiten Blick lohnt. Wer es in die Finger kriegt, sollte allemal zugreifen. Eine deutsche Ausgabe existiert mittlerweile ebenfalls, aber das war wohl nur ein Spieleschmiede-Projekt, das ansonsten im Handel nicht erhältlich ist (und von dem ich damals nichts mitgekriegt hatte). Aber vielleicht habt Ihr ja auf dem Gebrauchtmarkt Glück, oder Ihr versucht es in England. Abgesehen von den Regeln ist das Spiel sprachunabhängig. Und für 2017 liegt auch schon eine Fortsetzung in der Luft.

Ach übrigens: Der Autor hat sich allen Ernstes den Spaß erlaubt, eine Erweiterung namens Jane Austen’s Matchmaker with Zombies herauszubringen. Und obwohl ich weder jemals einen Zombiefilm gesehen habe noch mich das Thema sonst irgendwie begeistert, verspüre ich ein gewisses Bedürfnis, das eines Tages auch mal auszuprobieren…

Gesamteindruck: 8/10

Jane Austen’s Matchmaker
von Richard Wolfrik Galland
für 3 bis 5 Leute
Illustrationen von Emily Hare
Warm Acre, 2014

Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Der will doch nur dein Geld…

  1. Tillt sagt:

    Klingt nach einem klasse Spiel: elegante, einfache Regeln kombiniert mit einem ungewöhnlichen Thema. Da ich auch ein Faible für skurrile Spielthemen habe, finde ich die (offenbar von „Stolz und Vorurteil und Zombies“ inspirierte) Idee der Erweiterung grandios. Einzig die lahme Gestaltung ist der Attraktivität des Spiels etwas abträglich – schade wenn man sieht, was für tolle Grafiken die Illustratorin sonst so macht.

    • HilkMAN sagt:

      Irgendwie finde ich die Gestaltung passend – ich starre die Figuren ziemlich intensiv an und stelle sie mir dabei vor. Das ist selten bei einem Spiel so.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.