Die Cabo-Bande

In Essen hatte ich spontan ein gebrauchtes Exemplar von Cabo erstanden, einem kleinen Kartenspiel, das einigermaßen gute Bewertungen im Netz vorweisen konnte und in mein Beuteschema zu fallen schien. Trotz der in meinen Augen weniger schönen Aufmachung schien es mir die paar Euro wert zu sein. Und tatsächlich, mir macht es Spaß. Leider wird das hier trotzdem keine ganz normale Rezension werden. Doch zunächst zum Spiel selbst:

Cabo

Es gibt jeweils vier Karten mit den Zahlen 1 bis 12, dazu zweimal die 0 und zweimal die 13. Von diesen erhält man jeweils 4 und legt sie ungesehen verdeckt vor sich hin. Zwei davon darf man sich anschließend ansehen. Wer dran ist, zieht eine Karte vom Stapel, sieht sie sich an und kann sie entweder ablegen oder gegen eine der vier eigenen Karten austauschen. Die ausgetauschte Karte wirft man dann offen ab. Die Karten von 7 bis 12 haben noch Sonderfunktionen, die man statt der anderen Funktionen ausführen kann – eine eigene Karte ansehen, eine fremde Karte ansehen oder eine eigene Karte gegen eine von jemand anders austauschen. Ziel des Spiels ist es, eine möglichst niedrige Gesamtpunktzahl vor sich liegen zu haben. Achtung: Wer mehrere Karten mit dem gleichen Wert hat, kann diese gemenisam gegen eine neue eintauschen. Also: Karte angucken, ansagen, dass man mehrere gleiche vor sich liegen hat, die alle aufdecken und die neue Karte dafür hinlegen. Dann hat man weniger Karten also vorher, was natürlich gut ist.

Wer meint, am wenigsten Punkte zu haben, sagt anstelle eines anderen Zuges „Cabo“. Dann sind alle anderen noch einmal dran, anschließend wird aufgedeckt. Wer die wenigsten Punkte vor sich liegen hat, bekommt 0, alle anderen die Summe ihrer Karten. Wenn jemand 100 Punkte überschreitet, gewinnt, wer am wenigsten hat.
Drei Besonderheiten gibt es noch: Wer beide Dreizehnen und zwei Zwölfen hat, bekommt 0 und alle anderen 50. Ich war nie auch nur in der Nähe davon, sowas zu beobachten. Wer genau 100 Punkte erreicht, wird auf 50 zurückgesetzt. Das ist selten, aber ich habe es tatsächlich einmal erlebt.

Und? Macht das Spaß?
Ja. Es ist ein wenig Bluff, ein wenig Berechnung, ein wenig Nervenkitzel und ein wenig lockeres Vorsichhinspielen. Ansonsten braucht man ein hervorragendes Gedächtnis, um nicht den Überblick zu verlieren, besonders bei vielen Spieler/innen. Ein bisschen erinnert es mich an Khmer/Elements, aber es hat einen erheblich größeren Glücksfaktor und ist nicht nur für 2 Leute. Die Grafik finde ich arg unfunktional (und auch nicht besonders hübsch), aber da gibt es sicher viele Leute, die auf sowas stehen.

Cabo

Manche mögen das hübsch finden – ich kann die Zahlen schwer erkennen.

Ist das alles, was Du zu dem Spiel zu sagen hast?
Nein. Zunächst mal fiel mir natürlich auf, dass die beiden Autorinnen nirgends genannt wurden (das ist auf einer neueren Ausgabe bei Smiling Monster Games anders). Sowas ist mir immer unsympathisch, aber da es sich bei Eventide um einen Selbstverlag zu handeln schien, war es trotzdem ein bisschen schwer, das zu kritisieren (ansonsten kann sowas bei mir schon mal zur Abwertung führen). Als ich die Namen dann für die Rezension nachschlagen wollte, stieß ich auf die Information, dass es sich bei Cabo um eine Weiterentwicklung eines traditionellen Kartenspiels handle. Auch das wäre für mich noch kein Problem gewesen, so ist es auch mit meinem Lieblingsspiel Tichu, und es gibt noch viele andere solche Fälle. Wenn man das gut macht, habe ich damit keine Probleme. Allerdings las ich dann ein bisschen weiter und musste feststellen, dass es bereits mehrere andere Neubearbeitungen dieses Spielkonzepts gibt, unter anderem Rat-a-Tat Cat von Ann und Monty Stambler, in Deutschland besser bekannt unter dem Titel Biberbande, erschienen 2002 bei Amigo. Das war mir schon öfter empfohlen worden und ich hatte immer gedacht, das müsste ich mal spielen, aber dazu war es nie gekommen. Auch soweit ist es natürlich noch normal, aber es scheint nun so zu sein, dass einige der Veränderungen direkt von Biberbande übernommen wurden. Die Unterschiede im Einzelnen (für diejenigen, die Biberbande kennen):

– Sonderkarten haben auch Zahlen, das heißt es entfällt das Nachziehen, wenn man am Ende Sonderkarten vor sich liegen hat. Das ist in meinen Augen eine Verbesserung, denn statt eines Zufallselements kommt ein leidlich planbares ins Spiel.
– Neu ist auch die Sonderaktion „Spy“, sie ersetzt das doppelte Ziehen.
– Innovativ neu ist in meinen Augen nur, dass man mehrere gleiche Karten gegen eine neue austauschen kann, das hat mir auch sehr gut gefallen.
– Und dann ist da noch ein bisschen Kleinkram, wie etwa das Zurücksetzen der Punkte auf 50, wenn man auf genau 100 kommt.

Der Kern ist aber das Spiel Biberbande, und das macht mir doch ein wenig Bauchschmerzen. Es ist für mich etwas anderes, sich bei einem traditionellen Kartenspiel zu bedienen und etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen oder was auch immer. Es gibt von diesem speziellen Kartenspiel („Golf“) diverse Bearbeitungen, und da hätte man ohne Weiteres eine weitere hinzufügen können. Aber wenn ich Mechanismen von anderen Autor/innen direkt übernehme und im absolut gleichen Kontext verwende, dann fände ich zumindest einen Hinweis in der Anleitung angemessen. Mir ist nicht bekannt, dass sich Ann und Monty Stambler oder Amigo hierüber sonderlich aufgeregt haben (Spielmechanismen kann man eben nicht schützen lassen), aber in meinen Augen ist eine Grenze überschritten. So ist der Genuss des Spiels für mich getrübt.

Ohne Wertung.

Cabo
von Mandy Henning und Melissa Limes
für 2 bis 5 Leute
Illustrationen: Adam Peele
Eventide Games, 2010/Smiling Monster Games, 2016

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