Rechte Winkelzüge

Heute gibt es zur Abwechslung mal eine Rezension zu einem Spiel, das auf dem deutschen Markt erhältlich ist, wenn auch vielleicht nicht in jedem Spieleladen. Die Rede ist von 90 Grad von Gunnar Kuhlencord. Kuhlencord war Gewinner des Autorenstipendiums auf dem Göttinger Spieleautorentreffen 1999, und 90 Grad erschien im Jahr darauf bei Holzinsel. Mit dem Verschwinden von Holzinsel geisterte es nur noch als Restposten hier und da durch’s Internet, aber ich hatte das Glück, mal eins aufzutreiben. Auch eine weitere Ausgabe von Giseh verschwand nach der Auflösung des Verlags schnell wieder. Nun ist 90 Grad bei Gerhards Spiel und Design in einer Neuauflage erschienen und damit wieder einigermaßen zugänglich.

90 Grad

Das Spielbrett der Gerhards-Ausgabe

90 Grad ist ein abstraktes Zweierspiel, das aus einem Spielbrett und 14 Kugeln besteht. Das Spielbrett hat Rinnen, in denen die Kugeln geschoben werden können, wobei man auch ganze Kolonnen von Murmeln verschieben kann. Durch je sieben Rinnen längs und quer entstehen 49 Kreuzungspunkte. Man startet mit einer Königskugel in einer der vier Ecken. Zweimal drei „normale“ Kugeln bilden mit dieser einen rechten Winkel. Ziel ist es nun, entweder die eigene Königskugel auf den mittleren Kreuzungspunkt zu verschieben, oder aber die gegnerische Königskugel vom Brett zu bugsieren. Dafür gibt es nur anderthalb Regeln: Eine Kugel schiebt man immer exakt so viele Kreuzungspunkte in gerader Linie, wie quer auf ihrer Ausgangslinie liegen (dabei schiebt man einfach alles weiter, was davor liegt, gegebenenfalls auch vom Brett herunter). Und es ist nicht erlaubt, die Kugel, die den letzten Zug gemacht hat, in ihre Ausgangsposition zurückzuschieben.

Blau kann im nächsten Zug mit der Kugel in der Mitte die gelbe (gelbe) Königskugel aus dem Spielfeld schieben. Rot kann darauf nur noch durch Wegziehen der Kugel rechts daneben reagieren (Holzinsel-Ausgabe).

Blau kann im nächsten Zug mit der Kugel in der Mitte die gegnerische (gelbe) Königskugel aus dem Spielfeld schieben. Rot kann darauf nur noch durch Wegziehen der Kugel rechts daneben reagieren (Holzinsel-Ausgabe).

Das ist schon alles. Mit diesen simplen Regeln hat Gunnar Kuhlencord ein erstaunlich tiefgehendes Spiel erschaffen, das zu meinen absoluten Favoriten unter den abstrakten Zweierspielen zählt. Aufbauen, erklären und losspielen brauchen kaum fünf Minuten, und eine Partie dauert meist auch nicht länger als eine Viertelstunde. Man hat ja nur sieben Kugeln (später noch weniger), die in bis zu vier Richtungen unterwegs sein können, da bleibt das Spielgeschehen überschaubar, so dass endlose Grübeleien eher selten sind. Trotdem passiert es natürlich gerade Neulingen öfter mal, dass sie die Auswirkungen eines Zuges falsch einschätzen und sich in aussichtslose Situationen manövrieren. Bei der kurzen Spieldauer ist die natürliche Reaktion aber, eine Revanche zu fordern, und oft haben wir hier drei oder sogar noch mehr Partien nacheinander gespielt. Ich spiele es seit 2011 ziemlich regelmäßig, und habe noch lange nicht die Nase voll davon. Ein Aspekt, der mir besonders gefällt, ist, dass man gleich im ersten Zug eine Bedrohungssituation für die gegnerische Königskugel aufbauen kann, viel Vorgeplänkel gibt es selten (auch wenn ein allzu forsches Vorgehen nicht unbedingt von Vorteil ist).

Die neue Gerhards-Ausgabe hat statt der Holzkugeln bei Holzinsel edle Murmeln und das Format des Spiels ist kleiner. Letztlich ist es Geschmackssache, was einem besser gefällt, aber ich selbst finde beide sehr schön. Die Gerhards-Ausgabe sollte allemal jetzt leichter zu kriegen sein.

Wer also ein abstraktes Zweierspiel in toller Aufmachung sucht, das schnell erklärt und schnell gespielt ist und auch nach Jahren noch fasziniert, ist mit 90 Grad genau auf der richtigen Spur.

Gesamteindruck: ganz knappe 10/10 (schon sehr nah dran an der Perfektion)

90 Grad
von Gunnar Kuhlencord
Für zwei Spieler/innen
erschienen unter anderem bei Holzinsel (2000) und Gerhards Spiel und Design (2015)

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