Eine Spielereise nach Chile, Teil 1

Jetzt schreibe ich nach längerer Pause doch mal wieder was. Es gibt nämlich was zu erzählen. Diese Geschichte fing Mitte April an, als ich aus heiterem Himmel die Anfrage kriegte, ob ich mir vorstellen könne, Ende des Jahres als Redner an einem Kongress von LudiChile teilzunehmen. LudiChile ist der Verband der chilenischen Spieleverlage. Es sei noch nicht alles fest, weil sie noch auf die Freigabe von Fördergeldern warteten, aber sie wollten halt schon mal anfragen.

Uff. Rund sechs Jahre hatte ich in diesem Blog über lateinamerikanische Spiele berichtet, aber immer aus der Ferne. Meine Informationen stammten aus Internetrecherchen und unzähligen Nachrichten, die ich mit Spieleschaffenden in Lateinamerika ausgetauscht hatte, dazu ein paar Begegnungen in Essen. Ich hatte es kaum mal ernsthaft in Betracht gezogen, an die Quelle zu reisen – ich fliege ausgesprochen ungern, und hätte mir das Ganze auch nicht wirklich leisten können. Auch wäre es mir schwergefallen, mich für ein Land zu entscheiden, denn ich hatte ja Kontakte überall hin aufgebaut. Aber nun stand plötzlich eine Einladung im Raum, mit Flug und ein paar Übernachtungen. Ich habe tatsächlich einen Moment gezögert, aber das hat mir meine Göttergattin dann schnell ausgetrieben (danke!). Ich habe also zugesagt.

Obwohl die Finanzierung noch gar nicht geklärt war, wusste ich, dass ich sofort mit den Vorbereitungen würde beginnen müssen. Ich konnte zwar einigermaßen passabel spanische Regeln lesen, aber mit den mündlichen Kenntnissen sah es doch noch ziemlich dürftig aus. Zwar hatte Victor Hugo Cisternas, der Präsident von LudiChile, mir angeboten, dass ich auf Englisch sprechen könnte und eine Übersetzung zur Verfügung gestellt werden könnte, aber das kam für mich nicht in Frage. Ich war als einziger Gast aus dem nicht-spanischsprachigen Ausland eingeladen, und ohne fortgeschrittene Spanischkenntnisse würde ich das kaum genießen können. Also habe ich mir sozusagen ein neues Hobby zugelegt und jeden Tag eine bis zwei Stunden Spanisch gelernt – mit Duolingo, mit Podcasts, mit Videos und möglichst viel Lesen und Schreiben.

Ende Juli kam dann die erlösende Nachricht, dass die Finanzierung geklärt sei und mit dem 1. und 2. Dezember das Datum für den Kongress feststehe. Plötzlich war der vage Traum real. Unter Zusammenkratzen meines Resturlaubs und einiger Überstunden konnte ich eine Reise von gut zwei Wochen planen.

So viel zur Vorgeschichte. Jetzt kommt also ein längerer Reisebericht über meinen Aufenthalt in Chile. Ich werde auch ein bisschen was über meine touristischen Ausflüge und über Chile insgesamt erzählen, aber die Spiele standen ganz eindeutig im Mittelpunkt der Reise, und darum sollen sie das auch in diesem Bericht tun. Für diejenigen von Euch, die sich für den persönlichen Teil nicht so interessieren, setze ich den kursiv, dann könnt Ihr drüberscrollen, wenn Ihr wollt. Da das Ganze ziemlich lang werden dürfte, teile ich es in mehrere Artikel auf.

Meine Flugverbindung nach Santiago am 18.11. war leider nicht ideal (hatte ich mir nicht selbst aussuchen können). In Frankfurt um 6:40 Uhr loszufliegen bedeutete eine Übernachtung am Flughafen, denn man soll ja ein paar Stunden vorher dort sein. Ich bin also schon am 17. abends nach Frankfurt gefahren. Ich hatte keine Eile und konnte deshalb auch über einen der originelleren Verspätungsgründe der deutschen Bahn schmunzeln: Der Fahrdienstleiter hatte sich aus dem Stellwerk ausgeschlossen, und die Feuerwehr musste erst kommen, um die Tür aufzubrechen.
Die erste unangenehme Überraschung war, dass man zwar erstens heutzutage sein Gepäck mit Hilfe von Automaten aufgeben kann, diese aber nachts ebenso geschlossen haben wie sämtliche Schalter. Ich musste also mitsamt Koffer ein ruhiges Eckchen finden. So richtig entspannend war das nicht. Gegen kurz vor 5 machte dann endlich was auf und ich konnte einchecken, inzwischen schon ziemlich müde.

Direktflüge von Deutschland nach Chile gibt es nicht. Meine Verbindung ging über Paris und São Paulo nach Santiago. Ich hatte ein bisschen Bammel wegen des vierstündigen Aufenthalts in Paris – nach einer durchwachten Nacht vermutlich kein ganz großes Vergnügen. Aber darüber hätte ich mir keine Sorgen zu machen brauchen, denn der Flughafen ist so riesig, dass ich nicht nur zwei verschiedene Züge nehmen musste, sondern auch noch eine gute Stunde in der endlosen Schlange bei der Pass- und Sicherheitskontrolle stand. Damit waren schon gut zwei Stunden um, und ich konnte bald einchecken.

Auf nach Chile!

Der LATAM-Flug nach São Paulo braucht 12 Stunden – ich hatte glücklicherweise einen Platz am Notausgang ergattert (bei LATAM hätte ich dafür bezahlen müssen, aber beim Einchecken für den Zubringerflug kostete das über Lufthansa nix). In São Paulo wieder lange Schlangen an den Kontrollen, mit dem Unterschied, dass der Aufenthalt dort nur 85 Minuten betrug, was mich etwas nervös machte. Hat aber auch geklappt. Dann noch mal vier Stunden nach Santiago, wo ich um 1:39 in der Nacht ankam. Hurra.

Zum Glück hatte ich vorab ein Taxi-Shuttle gebucht und in meinem Hostel Bescheid gesagt, dass ich nicht erst tagsüber, sondern schon in der Nacht vorher ankommen würde und das Zimmer schon früher brauchen würde, anders als ursprünglich gebucht (hatte die Flugdaten erst recht spät bekommen). Leider hatte es da aber ein Missverständnis gegeben und das Zimmer war anderweitig belegt, wie die Shuttle-Fahrerin herausfinden konnte. Sie war allerdings sehr rührend um mich bemüht, telefonierte alle möglichen anderen Hostels der Gegend ab – kein einfaches Unterfangen um halb drei Uhr morgens, da meldet sich in der Regel nirgends jemand, und Zimmer waren auch nicht frei. Schließlich kamen wir gegen drei bei einem kleinen Hotel vorbei und ich bin ausgestiegen, um nach einem freien Zimmer zu fahren. Und hatte Glück. Das alles wohlgemerkt noch ohne chilenisches Bargeld (die Fahrerin hatte mir vorher schon gesagt, dass ich am nächsten Tag bezahlen könnte). Also ein kleines Abenteuer gleich zu Beginn, aber ich habe mich sehr nett behandelt gefühlt. Wie auch danach noch des Öfteren. Und ich habe erleichtert festgestellt, dass mein Spanisch für Notfälle ausgereicht hat, zumindest, wenn ich die Leute drum gebeten habe, ein bisschen langsamer zu sprechen als üblich.

Von der Stadt aus immer mal wieder zu sehen: Die Anden.

Für den ersten Tag (Sonntag) hatte ich mir nicht zu viel vornehmen wollen, sondern nur ein paar Dinge organisieren. Insbesondere wollte ich mir eine chilenische SIM-Karte zulegen, um bezahlbaren Anschluss ans Netz zu kriegen. Sonntags sind in Chile nicht ganz so viele Läden geschlossen wie in Deutschland, aber ich wusste, dass ich im Costanera Center (dem höchsten Gebäude Südamerikas) die Möglichkeit dazu haben würde. Um die Metro dahin zu nehmen, braucht man allerdings eine Chipkarte, und die kann man nur mit Bargeld kaufen und aufladen. An sämtlichen Geldautomaten kriegte ich allerdings nur jeweils die Nachricht „Transaktion abgebrochen“. Und ich hatte keine Ahnung, woran das lag (Kartenzahlung war nirgends ein Problem). Also musste ich mich zu Fuß auf den Weg machen, was vielleicht eine gute halbe Stunde gedauert hat. Kaum hatte ich mich in das Kaufhaus-WLAN eingeloggt, ploppte eine Mail von meinem Kreditkartenanbieter auf, in der mir erklärt wurde, was ich zu tun hätte… die Mail hatte ich vorher natürlich nicht gekriegt, weil ich ja kein Bargeld hatte, um dahin zu fahren, wo ich sie hätte lesen können. Also Ende gut, alles gut. Bei der SIM-Karte musste ich nachfragen, ob ich mich verhört hätte – einen knappen Euro habe ich für ein GB bezahlt, in der Gewissheit, dass ich das später wieder würde aufladen können (was ich nicht wusste, war, dass man dafür eine chilenische Bankverbindung braucht. Das hat dann zum Glück eine chilenische Freundin für mich erledigen können). Und schon fühlte ich mich vernünftig ausgestattet und konnte auch mit der U-Bahn zurückfahren und in mein neues Hostel umziehen.

Im Hintergrund: Der höchste Turm des Costanera Centre.

Am nächsten Tag stand dann meine erste Verabredung an. Ich habe mich mit Carolina Baltra getroffen, einer Spieleautorin und Künstlerin, mit der ich seit einigen Jahren Kontakt gehabt hatte. Ein Spiel von ihr stand bereits in meinem Regal, nämlich La 11 Coffee & Tea Party – ein Spiel in einer wirklich ganz entzückenden Verpackung. La(s) once ist eine typisch chilenische Mahlzeit mit Tee, Brot, Kuchen und anderen Leckereien, die nicht etwa morgens um 11, sondern gegen Abend verzehrt wird (das habe ich auch erst in Chile herausgefunden). Carolina beschäftigt sich aber nur gelegentlich mit der Entwicklung von Spielen und arbeitet sonst in einer Kunstgalerie und macht auch selbst Kunst. Sie bot mir an, einen Stadtspaziergang zu machen und mir ein paar Sehenswürdigkeiten zu zeigen.

Plaza de Armas in Santiago de Chile

Im Zentrum ungefähr jeder chilenischen Stadt liegt der Waffenplatz (Plaza de Armas). Der in Santiago war tatsächlich ziemlich nett, weil er anders als die meisten zentralen Plätze in Städten nicht offen und betonfokussiert, sondern voll mit Bäumen ist. Und da sind auch noch die wirklich wunderschönen Jacaranda-Bäume dabei, die in Santiago sehr verbreitet sind und während meines Aufenthalts gerade lila blühten (Grün oder als Ausweichfarbe Lila sind ja meine bevorzugten Farben beim Spielen. Die Kombination ist besonders hübsch, finde ich). Angeblich treffen sich auf dem Platz an den Wochenenden jede Menge Leute, die Schach spielen. Wir waren ja an einem Montag dort und haben nur ein paar Tische gesehen, wo gerade ein Schachturnier stattfand. Mir wurde sehr empfohlen, am Wochenende noch mal wiederzukommen, das hat sich aber leider nicht mehr ergeben.

Nach einem leckeren Mittagessen sind wir dann noch ein bisschen durch die Stadt spaziert, insbesondere durch das Viertel Bellas Artes (Schöne Künste). Das gehört zu den attraktiveren Stadtvierteln von Santiago, die ich gesehen habe. Auch drei Läden haben wir besucht. Einmal die Tienda Nacionál (Nationalladen), in der ausschließlich chilenische Produkte verkauft werden, darunter auch eine ganze Reihe Spiele. Die meisten davon kannte ich zumindest dem Namen nach, aber es gab auch ein paar neue Sachen zu entdecken.

Die Tienda Nacionál verkauft nur Produkte aus Chile.

Die Spiele waren irgendwie nicht alle an einer Stelle, sondern im Laden verteilt.
An der Kellertreppe standen noch ein paar ältere Spiele, die man heutzutage nicht mehr ohne Weiteres kriegt. Hätte ich geahnt, dass ich Tesoro Maldito nicht noch mal zu Gesicht kriege, hätte ich es wahrscheinlich gekauft, das stand auf meiner Wunschliste.

Außerdem eine Zweigstelle von Shivano Games, wo wir uns ein Weilchen mit dem Inhaber unterhalten konnten, der gerade eine Abrechnung machte oder sowas und allein im Laden war. Die meisten Spieleläden in Santiago sind nicht riesig und haben entsprechend eine begrenzte Auswahl von Spielen. Das Schöne ist, dass diese Auswahl überall ein bisschen anders ist, sodass es sich lohnt, verschiedene Läden aufzusuchen. Und davon gibt es in Santiago viele! 

Mycelium wurde mir mehrfach sehr empfohlen, aber das war mir am Ende zu groß und schwer.

Der größte Laden, den ich gesehen habe, war Entrejuegos, den wir am späten Nachmittag aufgesucht haben. Das war dann schon ein anderes Kaliber (aber auch hier waren nicht alle chilenischen Spiele vorrätig). 

Das war nur ein kleiner Teil der Auswahl, es gab noch viel mehr.

Wir haben den Tag dann im Außenbereich einer Kneipe ausklingen lassen. Ein guter Einstieg in chilenische Gepflogenheiten.

Deutsche Spuren in Chile
Deutsche Spuren in Chile.

Das war’s erstmal für den ersten Teil. Irgendwann demnächst hier: Eine Fotosafari im Norden. Und natürlich noch mehr Spiele.

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