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Taroko-Schlucht

Wer zwei Jahre lang in Taiwan gelebt hat, hat eigentlich keine plausible Entschuldigung dafür, nie in der Taroko-Schlucht gewesen zu sein. Die ist nämlich das touristische Ziel Nummer eins auf der Insel, und viele Leute, die auch nur zwei Tage Zwischenstop auf dem Weg nach Neuseeland oder was machen, fahren gerade da hin. Ich hingegen, der auf der anderen Seite Taiwans gewohnt habe (immerhin von der Taroko-Schlucht getrennt durch eine Kette imposanter Berge, um doch mal einen Grund zu suchen), bin nie dort gewesen, und so war es nur folgerichtig, dass wir bei unserem Besuch in Taiwan 2005 endlich mal einen Abstecher dorthin machen wollten.

Der Name Taroko ist japanisch. Die Schlucht wurde während der japanischen Kolonialzeit "entdeckt" und benamst - ob die seit längerem dort siedelnden UreinwohnerInnen gefragt wurden, ist mir nicht bekannt. Der chinesische Name ist Tailuge, aber die japanische Variante hat sich zumindest in den Reiseführern durchgesetzt - wer sich mit Einheimischen darüber unterhalten möchte, sollte allerdings auf den chinesischen Namen ausweichen.

Das Problem an der Schlucht ist, dass es nur ein Hotel zu geben scheint, das wirklich mitten drin ist. Natürlich ist es möglich, in einem der umliegenden Orte zu wohnen, aber von der nächsten größeren Stadt Hualien ist es immerhin etwa eine Stunde mit dem Bus in die Schlucht. In der Schlucht selbst gibt es zwar auch mindestens zwei Campingmöglichkeiten, aber wir hatten keine entsprechende Ausrüstung zur Verfügung, so dass das für uns ausfiel. Das Grand Formosa Hotel, das nun den besten Platz ergattert hat, ist leider nicht ganz billig. Allerdings haben wir uns vorher im Internet schlau gemacht (siehe die hübsche, aber grandios chaotische und flashverseuchte Seite des Hotels) und herausgefunden, dass es unter der Woche einigermaßen bezahlbare Angebote gibt. So buchen wir ein Zwei-Nächte-Paket für 170 Euro oder so, was für zwei Personen, den angebotenen Standard und die mangelnde Konkurrenz am Ort noch akzeptabel erscheint und freuen uns auf die Anreise.

Diese erfolgt in der Regel von Hualien oder Taitung aus. Kurzbesuche in der Schlucht sind auch in diversen Reisepaketen enthalten, die die Ostküste hinauf oder herab führen. Ob sich so etwas lohnt, solltet Ihr genau prüfen. Nicht alle Angebote sind schlecht, aber Ihr solltet Leistungsbeschreibungen in derlei Paketen immer mit etwas Vorsicht genießen - sonst landet Ihr nachher unversehens im Karaoke-Bus und kriegt von der Landschaft nichts mehr mit, oder Ihr seid an die Essenszeiten der Mitreisenden gebunden (dreimal täglich jeweils drei Stunden). Na ja, informiert Euch halt vorher genau.

Wer im Grand Formosa ein Zimmer bucht, hat den Luxus, sich von Hualien aus mit einem Kleinbus abholen lassen zu können. Der wartet dann vor dem Bahnhof. Achtung: In unserem Fall stand "Grand Formosa" nur auf Chinesisch auf dem Bus, während auf Englisch nur für "eEdas Spa" geworben wurde (fragt mich bitten nicht, wie die auf die Schreibweise gekommen sind, aber das solltet Ihr in Taiwan ohnehin nie fragen). Das ist dann der richtige Bus.

Die Anreise selbst ist schon reichlich spektakulär. An Taiwans Ostküste reichen die riesigen Berge wirklich fast bis an die Meeresküste heran. Allein das lohnt einen Ausflug - aber da ich vor fünf Jahren mal mit dem Fahrrad die Ostküste hochgefahren war, kannte ich das im Wesentlichen schon. Daher wächst die Spannung erst so richtig, als wir dann schließlich in die eigentliche Schlucht abbiegen. Zuerst bin ich ein bisschen überrascht, weil ich tiefe Schluchten mit reißenden Flüssen gedanklich immer eher ins Hochgebirge verlagert hatte. Aber besondere Steigungen fahren wir nicht, denn der Fluss fließt ja ins Meer und die Schlucht ist nur ein paar Kilometer Luftlinie von der Küste entfernt.

Die Straße schlängelt sich zumeist in einigen Metern Höhe über dem Wasser entlang. Selbst für Zartbesaitete ist die Fahrt also einigermaßen zu ertragen, da es nur an wenigen Stellen wirklich steil runtergeht. Dafür geht es halt allerorten sehr steil rauf. Die Straße ist ein ziemliches Kunstwerk, bei dessen Bau viele Leute umgekommen sind, woran allerorten erinnert wird. Damals, in den Sechziger Jahren, gab es Debatten, ob aus der Schlucht ein Naturpark oder ein Stausee gemacht werden sollte. Völlig überraschend setzte sich der Naturpark durch, und so wurde halt diese Straße in den Fels gehauen. Nun war das nicht so ganz einfach, weil die Felswände eben einigermaßen senkrecht hochgehen. Die Straße wurde also an vielen Stellen so hineingeschnitten, dass der Fels eben oben wieder drüberhängt, so wie ein an einer Seite offener Tunnel. Viele wirkliche Tunnel gibt es natürlich auch, und nach einem Erdbeben oder Taifun ist in der Schlucht besondere Vorsicht angesagt, denn dann kommt auch mal wieder was runter. Einige Stellen fand ich auch ohne Taifun schon ziemlich mulmig, da der Fels so zersplittert aussieht, als würde jeden Moment was abbrechen. Uns ist zum Glück nichts passiert, aber einen Tag vor unserer Ankunft gab es einen Steinschlag, der die berühmteste heiße Quelle der Schlucht verwüstet hat, wobei es einen Toten und mehrere Verletzte gab. Die Quelle ist daher natürlich auch gesperrt. Seit dem verheerenden Erdbeben von 1999 ist das Wasser im Fluss übrigens braun, weil es soviel loses Erdreich mit sich führt. Vorher soll es glasklar gewesen sein, wovon leider jetzt nichts mehr zu sehen ist.

Die Straße ist teilweise einspurig, hat aber viele Stellen, wo Fahrzeuge einander passieren können. Diese Stellen sind markiert, was einen einigermaßen gut organisierten Eindruck macht. An Wochenenden drängen sich aber wohl endlose Autoschlangen in die Schlucht, was ich mir eher stressig vorstelle, zumal angesichts der Verkehrssitten in taiwanischen Städten. Aber unser Busfahrer hat die Ruhe einigermaßen weg und versucht nicht, irgendwelche Rennen zu fahren.

Das Grand Formosa macht von außen zwar nicht unbedingt den Eindruck einer Fünf-Sterne-Absteige, bietet aber einen für mich ungewohnten Luxus. Swimmingpool auf dem Dach mit einzigartigem Bergpanorama (ich bin wohl der einzige, der Anfang April schon ein paar Runden dreht), diverse andere Freizeitmöglichkeiten (die wir allerdings ignorieren), mehrere Möglichkeiten, sich die Bäuche vollzuschlagen und natürlich auch eine Art Mini-Reisebüro, das die Touren durch die Schlucht organisiert. Wir entscheiden uns für den folgenden Tag für eine Art Tagespass. Einer der Hotel-Minbusse pendelt nämlich nach einem bestimmten Fahrplan (der erstaunlicherweise sogar fast minutengenau eingehalten wird) an den verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorbei. Wer sich vorher einen Plan macht und eine Gebühr bezahlt (ich glaube, es waren etwa 7,50 Euro), wird dann jeweils an den gewünschten Punkten eingesammelt und weiterkutschiert. Das leisten wir uns, obwohl es, wie wir später feststellen, durchaus möglich ist, die Strecken auch zu gehen, wenn es Euch nicht stört, dass Ihr dabei auf der Autostraße unterwegs seid. Die Entfernungen sind jedenfalls nicht allzu groß. Es gibt auch andere Ausflugsmöglichkeiten zu weiter entfernten Zielen, aber das müssen wir wohl ein andermal machen.

Wenn Ihr die Bustour macht, fragt vorsichtshalber nach, bei welchen Stellen Taschenlampen benötigt werden. Ihr könnt Euch im Hotel welche ausleihen, allerdings wussten wir das bei der ersten Tour nicht und wurden auch nicht drauf aufmerksam gemacht. Es geht auch ohne, aber mit Taschenlampe ist es deutlich komfortabler, denn einige der kleineren Tunnel sind wirklich arg düster. Bei einigen anderen kleinen Touren wurden uns die Taschenlampen allerdings geradezu aufgedrängt, also hatten sie es vielleicht beim ersten Mal einfach nur vergessen, was ja mal vorkommen kann.

Zum Hotel ist noch zu sagen, dass Ihr auch hier gut aufpassen solltet, was für eine Buchung Ihr macht. Unser Paket enthielt erstaunlicherweise zwei Übernachtungen mit Frühstück und ein Abendessen. Richtig, eins. Äh, ja. Zum Glück hat sich gegenüber vom Hotel eine winzige Restaurant- und Geschäftszeile angesiedelt, in der es sehr anständiges Essen zu fairen Preisen gibt (etwas teurer als in der Stadt natürlich, weil ja alles von weit her herangekarrt werden muss, aber keineswegs übertrieben). So waren wir also gut versorgt.

Unser erstes Ziel am nächsten Tag ist der Neun-Kurven-Tunnel. Das ist eigentlich kein einzelner Tunnel, sondern ein recht spektakulärer Fußweg neben der eigentlichen Straße, der viele kleine Tunnel und furchterregende Felsüberhänge bietet. Er eignet sich gut als "Einstieg" in die Schönheit der Schlucht. Eigentlich ist der Weg problemlos in einer halben Stunde oder so zu bewältigen (vielleicht noch weniger), aber der Busplan gibt Euch eine gute Stunde, was auch angemessen ist, denn es geht sicherlich einige Zeit zum Fotografieren oder einfach nur Staunen drauf. Ursprünglich war dieser Weg wohl mal die Straße. Später wurde dann etwas tiefer im Berg eine etwas breitere Trasse gegraben und der Neun-Kurven-Tunnel für Autos gesperrt.

In unmittelbarer Nähe liegt der Lushui-Wanderweg. Dieser führt ein wenig von der Straße weg, einen weniger steilen Teil der Klippe hinauf. Dann geht es eine Weile direkt an der Klippe lang, mit entsprechend imposantem Ausblick und trotz vorhandenen Geländers etwas schaurigem Gefühl. Dazu kommen schließlich noch ein überaus finsterer Tunnel und eine malerische kleine Brücke. Auch dieser Pfad ist sehr empfehlenswert. Ein wenig beunruhigend sind nur die großen Warnschilder, auf denen lediglich eine Biene abgebildet ist. Wer die Viecher dann persönlich zu Gesicht bekommt, weiß, warum die Schilder da stehen. Diese braunen Bienen (in der Touri-Literatur mit dem Kosenamen "Killer Bees" bezeichnet), sind etwa hornissengroß und nicht eben vertrauenerweckend. Aber obwohl einige von den Dingern um uns herumschwirren, kommen sie uns nicht so nahe, dass es wirklich unangenehm wäre. Auch vor Schlangen wird gewarnt, aber die bekommen wir glücklicherweise nicht zu Gesicht - ein wenig Vorsicht kann wohl dennoch nicht schaden.

Des Nachmittags mache ich mich dann noch mal allein auf den Weg (meine Göttergattin ist schon zu platt von dem ganzen Gewandere). Mein Ziel ist der Baiyang-Pfad, für den zwei Stunden empfohlen sind. Hier braucht Ihr unbedingt eine Taschenlampe. Der Weg beginnt mit einem langen (aber sehr geraden) Tunnel, der sich von der Straße aus durch den Berg fräst. Da hinter mir ein paar andere Touris unterwegs sind, lege ich ein strammes Marschtempo vor, denn ich möchte ein bisschen Stille genießen. Die wird denn auch nur kurz vom lieblichen Klang eines kleinen Bulldozers durchbrochen, der an mir vorbeirattert. Das kann ja was werden, denke ich mir - und sehe kurz danach, warum das Ding unterwegs ist: Die Spuren eines kleineren Erdrutsches werden vom Weg geräumt. Das ist natürlich sinnvoll. Der Weg selbst ist vergleichsweise breit und weniger halsbrecherisch als die anderen, aber nicht weniger schön. An einigen Stellen gibt es geradezu einen Blick in die Ferne, soweit das in so einem engen Tal möglich ist. Der Baiyang-Pfad führt an einem Zufluss des anderen Flusses (dessen Namen ich leider nicht weiß) entlang, und dieser Zufluss führt noch absolut klares Wasser, was sehr malerisch ist. An den Stellen, wo solche Zuflüsse in den brackigen Hauptfluss einmünden, sieht das sehr lustig aus, wie das saubere Wasser sich langsam mit dem schmutzigen mischt. Überhaupt hat das Wasser einige nette Spuren hinterlassen. Das Marmorgestein ist ohnehin schon schön genug, aber wo es durch das Wasser blankgewaschen ist, wirkt es besonders herrlich. Einige der so entstandenen Formen haben Namen gekriegt, weil sie irgendwas ähneln - meist finde ich diese etwas übertrieben. "Der Fisch springt über das Drachentor" - aha. Einen Fisch kann ich da noch irgendwie reininterpretieren, aber wo da ein Drachentor sein soll, habe ich nicht recht verstanden.

Auf dem Baiyang-Pfad sehe ich übrigens keine Bienen. Dafür gibt es die "Häuser" von Baum-Ameisen zu bewundern, die diese ins Geäst hineingebaut haben. Die Ameisen selbst kriege ich gar nicht recht zu Gesicht, aber die Behausungen zieren hier viele Bäume. Ist mal was Neues.

Im weiteren Verlauf des Weges komme ich dann noch an eine malerische Hängebrücke, die zwar einen recht soliden Eindruck macht, aber dennoch hinreichend schwankt, um mich mitschwanken zu lassen. Von der Brücke aus gibt es einen tollen Blick auf einen imposanten Wasserfall, der aus schwindelnden Höhen herabstürzt. Noch ein Stück weiter gelange ich dann an das derzeitige Ende des Wegs. Dort befindet sich noch ein Tunnel oder eine Höhle mit einem verlockenden Namen, Höhle des Wasserschleiers oder sowas. Diese ist leider seit 1999 ebenfalls gesperrt, vor dem Betreten wird gewarnt. Da in Taiwan Sicherheit nicht besonders groß geschrieben wird, haben diese Warnungen für mich ein besonderes Gewicht und ich bleibe brav. Offensichtlich sehen andere Leute das anders, denn ein paar von den Leuten, die davor herumhängen, sind plötzlich verschwunden und überholen mich erst auf dem Rückweg plötzlich wieder. Der Weg ist nämlich eine Sackgasse, und so muss ich ihn dann genauso wieder zurückgehen, wie ich gekommen bin. Das macht aber nichts weiter aus. Insgesamt bietet diese Wanderung genug für zwei Stunden.

Es gibt noch viele andere Ausflugsziele in der Schlucht, aber dazu kann ich nichts sagen, weil ich dort nicht selbst war. Auf der erwähnten Hotel-Webseite gibt es einen Eindruck davon. Es scheint so, als ob die Taroko-Schlucht auch für einen längeren Aufenthalt noch viel Neues bieten würde. Wer ein kleines Andenken mitnehmen will, sollte den vor dem Hotel aufgebauten Ständen einen Besuch abstatten. Ihr könnt dort den Hirsewein, für den die Region berühmt ist, in vielen Variationen probieren (und natürlich kaufen). Ich fand den puren ohne Schnickschnack am leckersten, aber Ihr könnt das ja selbst mal testen. Erstaunlich wenig wird die Kunst der lokalen UreinwohnerInnen vermarktet, aber auch da gibt es ein wenig Kunsthandwerk und sowas zu erstehen (was mich aber wenig verlockt hat). Das eindrucksvollste Souvenir dürften ohnehin Eure eigenen Erinnerungen sein.

P.S.: Die von hier aus verlinkten externen Seiten finde ich gut. Verantwortung für ihre Inhalte übernehme ich aber nicht.