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Taipei

Longshan-Tempel

Taipei ist vielleicht die einzige Stadt Taiwans, bei der ich keinerlei Hoffnung habe, sämtliche Sehenswürdigkeiten berücksichtigen zu können - also eine persönliche Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Ein paar allgemeine Daten vorweg: Taipei ist für Taiwan ungefähr das, was Paris für Frankreich ist: Das uneingeschränkte Zentrum des Landes. Im Grossraum Taipei wohnen wohl an die fünf Millionen Menschen, und es ist auch die einzige Stadt, in der WestlerInnen einigermaßen in Massen anzutreffen sind. Ferner ist es die einzige taiwanische Stadt, die ein erwähnenswertes ÖPNV-System besitzt. Neben den vielen völlig undurchschaubaren Buslinien (Vorteil: Ihr könnt an beliebigen Stellen zusteigen, vorausgesetzt, der Bus steht gerade im Stau, also immer) gibt es nämlich seit einigen Jahren eine U-Bahn (im Volksmund: MRT). Dieser mag zwar der Charm der Pariser oder Moskauer Metros fehlen, aber dafür ist sie bestens organisiert, effizient und übersichtlich (selbst ohne Chinesischkenntnisse ganz gut benutzbar). Billig sind die Fahrscheine auch noch, von 20 NT (ca. 0,50 Euro) bis 50 NT (ca. 1,20, für Fahrten bis ans Ende der Welt. Monatskarten sind leider noch nicht erfunden, was gelegentlich zu ziemlichen Schlangen an den Automaten führen kann. Dafür sind diese, anders als manche in Deutschland, auch mit einem IQ von 70 zu bedienen). Mal abgesehen von Wien, dessen Öffis vielleicht die besten sind, die ich je benutzt habe, gebührt Taipei hier ein internationaler Spitzenplatz. Schade nur, dass es bislang erst drei wesentliche Linien gibt - aber es wird auch noch gebaut (in Kaohsiung wird übrigens auch gerade mit dem Bau einer U-Bahn begonnen, und in Taichung kann es auch nicht mehr lange dauern - allerdings ist Taichungs EinwohnerInnenzahl gerade mal wieder knapp unter die Millionengrenze festgelegt worden, um die gesetzliche Verpflichtung zum Bau einer U-Bahn zu umgehen...). Mag sein, dass der grosse Erfolg des neuen U-Bahn-Systems einen Beitrag dazu geleistet hat, das der ehemalige Bürgermeister Taipeis, Chen Shuibian, im Jahr 2000 zum Präsidenten gewählt wurde.

Mit der Beschreibung der Sehenswürdigkeiten beginne ich außerhalb Taipeis, in Tamsui (für die SinologInnen unter Euch: Danshui). Diese MRT-Endstation liegt an der Mündung des Tamsui-Flusses in einer Pazifik-Bucht und ist ein beliebtes Ausflugsziel. Und wahrlich: Es lohnt sich. Eigentlich ist Tamsui eine Art großer ständiger Jahrmarkt. Eine Promenade zieht sich über mehrere Kilometer am Ufer entlang und ist de facto für Autos gesperrt (einfach zu schmal, schätze ich - an ein simples Verbot würde sich in Taiwan vermutlich niemand halten). Gesäumt wird die Promenade von kleinen Fressalien- und Luftballonbuden, Andenkenläden und ich weiß nicht was noch alles. Da gibt es unheimlich viel zu sehen und zu tun und zu essen und zu trinken. Wer Ruhe und Enspannung sucht, ist hier vielleicht fehl am Platze, aber der Lärm ist ein anderer als der in der Stadt. Weniger Verkehr und mehr Menschen halt.

Parallel zur Uferpromenade verläuft eine kleine, ebenfalls eher ruhige Strasse. Diese führt nach vielleicht anderthalb oder zwei Kilometern zu einem kleinen, aber gut erhaltenen Fort aus Taiwans kurzer Kolonialzeit, das zuerst von HolländerInnen, dann von EngländerInnen genutzt wurde. Letztere unterhielten schliesslich ein Konsulat dort. Das beste an dem Gelände ist der schöne Ausblick auf den Pazifik. In der näheren Umgebung des Forts gibt es noch eine Kirche und eine Universität.

Chiang Kai Sheks "Tempel".

Die international wohl berühmteste Sehenswürdigkeit Taipeis ist natürlich das Nationalmuseum. Irgendeine nutzlose Statistik hat es mal zum viertbedeutendsten Museum der Welt gekürt (nach British Museum, Louvre und noch irgendwas). Was die StatistikerInnen da gerade geraucht hatten, weiss ich nicht recht... aber natürlich musste ich das Museum besuchen, keine Frage. Es ist recht weit abgelegen und leider per MRT nicht zu erreichen. Ich weiss die entsprechende Busnummer (fährt vom Hauptbahnhof ab) auch gerade nicht. Ab drei oder vier Personen empfehle ich allerdings eh ein Taxi, das ist nicht viel teurer (und der Bus fährt nicht allzuhäufig). AusländerInnen, die in der Gegend der Bushaltestelle herumlungern, wollen auch zum Museum - also schlagt ihnen doch einfach eine Fahrgemeinschaft per Taxi vor. Das imposante Museum selbst enthält die größte Sammlung chinesischer Kunst überhaupt - das lohnt schon einen Blick. Die Regierung in Peking ist erwartungsgemäß neidisch-gelb auf dieses Museum - aber wohl nur dank der Evakuierung hat das Zeugs die Kulturrevolution unbeschadet überstanden. Die Sammlung ist so groß, dass sämtliche Ausstellungsgegenstände alle drei Monate ausgetauscht werden - dennoch würde es dreizehn Jahre dauern, alles anzugucken. Wahnsinn. Schade nur, dass das Ausstellungskonzept über eine bloße "Objekte in Glaskästen"-Strategie nicht hinauskommt. So war ich nach einigen Stunden trotz der sagenhaften Exponate einfach erschlagen. Es ist auch kaum vorhersehbar, was gerade ausgestellt wird, wenn Ihr das Museum besucht: Irgendwelche Abteilungen werden immer gerade umgebaut. Der Besuch ist also ein echtes Muss, aber es werden auch viele Möglichkeiten vertan.

Eine weitere berühmte Sehenswürdigkeit ist das Chiang Kai-Shek-Gedenkmonument (an der gleichnamigen MRT-Station). Nach dem Tode des Diktators im Jahre 1975 wurde sogleich damit begonnen, ihn unsterblich zu machen. Einerseits wurde versucht, ihn quasi zu vergöttlichen (wie das mit größenwahnsinnigen Staatschefs immer wieder gern gemacht wird - viele nennen das Monument angemessenerweise CKS-Tempel...), andererseits sind die Einflüsse der amerikanischen Präsidentenmonumente unübersehbar: überdimensionale Statue sitzt in Riesen-Marmorhalle herum. Das Ding ist derartig übertrieben, das es schon fast wieder lustig ist. Sehr lohnend ist allerdings allemal ein Besuch im Erdgeschoss (die eigentliche Halle erreicht Ihr über die gigantische Freitreppe oder, etwas geschummelt, durch einen Fahrstuhl im Inneren). Hier befindet sich nämlich ein kleines CKS-Museum. Wer mal in aller Ruhe sehen will, wie die Verherrlichung eines Diktators funktioniert, ist hier bestens aufgehoben.

Diktatoren-Wachsfigur in Originalbüro

Noch am informativsten ist die Abteilung mit den historischen Fotos. Dass teilweise unliebsame oder unwichtige Leute herausretuschiert wurden, wird natürlich nicht erwähnt (etwa: Chiang Kai-Shek in trauter Zweisamkeit mit Staatsgründer Sun Yat-Sen - dass ursprünglich noch ein Haufen anderer Leute anwesend waren, ist nicht mehr zu erahnen). Dennoch gibt das einiges her. Ebenfalls interessant sind die stolz präsentierten Orden, die CKS von den verschiedensten Staaten verliehen bekam - vom faschistischen Spanien unter Franco etwa... Endgültig abgedriftet sind die zahlreichen Prunkgemälde aus den Unruhen in China in den 20er Jahren - sowas Kitschiges aber auch! Unfassbar. Der Hammer ist das nachgebildete Büro des Generalissimo, original mit Wachsfigur. "Mit seinem gütigen Lächeln sehr lebensecht, daher bitte unnötige Geräusche vermeiden" oder so ähnlich bittet eine Hinweistafel. Schliesslich darf eine Miniatur-Nachbildung der gesamten Anlage mitsamt umgebendem riesigem Park, Nationaltheater und Konzerthalle nicht fehlen - nach eigenen Angaben "one of the greatest monuments in the world". Das entbehrt nicht einer gewissen Komik, wie ich zugeben muss. Mir drängte sich nur die Frage auf, was an der Stelle vor 1975 gestanden haben mag - vermutlich wurde ein paar Armenviertel planiert, um den Diktator angemessen verewigen zu können...

Interessant daran ist, dass das Ansehen von CKS in der taiwanesischen öffentlichkeit zuletzt deutlich gesunken ist. Gerade verschwindet er von den Geldscheinen - wenngleich von einem Bildersturm (wie etwa bei den Lenin-Statuen) keine Rede sein kann. Dieses Monument ist allerdings auch wohl kaum abreißbar. Das wäre aber ohnehin ein Jammer, denn es bietet ausgezeichnetes Anschauungsmaterial zum Thema Heldenverehrung. Wer an einem besonders albernen Schauspiel Interesse hat, kann versuchen, einen Wachwechsel mitzuerleben - die Ehrengarden zappeln ein bisschen herum und finden sich wichtig. Ich glaube, das tun sie z.B. um 11 Uhr morgens (ohne Gewähr).

Chiang Kai-Sheks Wohnsitz ist ebenfalls einen Besuch wert. Diese parkähnliche Anlage wurde vor einigen Jahren enteignet und in ein öffentliches Gelände umgewandelt. Die über hundertjährige Witwe von CKS, die damals noch lebte (im fernen New York), hat zwar Zeter und Mordio geschrieen, aber der bereits erwähnte Chen Shuibian hat mit diesem Schritt in der Öffentlichkeit ebenfalls massiv Punkte sammeln können. Die Gebäude sind nicht sehr spektakulär, allerdings sind Grünanlagen in taiwanesischen Städten rar, daher kann es den Moment geben, wo Ihr einfach mal raus wollt - dann ist das ein nettes Ausflugsziel.

Einer der grössten Tempel Taipeis ist der Longshan-Tempel. Auch dieser verfügt über eine eigene MRT-Haltestelle, ist also einfach zu finden. Wer noch neu in Taiwan ist, wird wahrscheinlich begeistert sein von dem Sammelsurium an Räucherstäbchenduft, Statuen und Weissagungsstätten, dem kleinen Wasserfall im Vorhof oder einfach vom allgemeinen Gewusel. Letzlich ist der Tempel, in dem die übliche Vielzahl einheimischer Götter verehrt wird, nicht sonderlich anders als die vielen anderen Tempel der Insel, aber in der Tat besonders groß und schön. Mich reizen die Tempel aufgrund des Gewöhnungseffektes mittlerweile nicht mehr so sehr.

Taipei 101 passt gerade noch auf ein Foto.

Eine neue und auch im Ausland sehr bekannte Attraktion ist sicherlich Taipei 101, der derzeit höchste Wolkenkratzer der Welt (509 Meter). Die absolute Höhe ist es allerdings gar nicht unbedingt, die ihn zu etwas besonderem macht, sondern vor allem, dass er von recht niedrigen Gebäuden umgeben ist und daher wesentlich imposanter wirkt, als ein vergleichbarer Gigant es in Manhattan oder Hong Kong tun würde. Er steht in einem populären Vergnügungsviertel mit Kinos, Restaurants und so weiter. Wer nach oben fahren will, um die Aussicht zu genießen, zahlt für den Spaß 350 NT. Wir haben angesichts tiefhängender Wolken darauf verzichtet - ich hoffe, dass wir das bei Gelegenheit nachholen können. Abgesehen von der Aussichtsebene gibt es im Gebäude natürlich Kaufhäuser, Restaurants und vieles mehr. Taipei 101 wird übrigens jahreszeitbedingt unterschiedlich beleuchtet. Im Februar zum Beispiel mit diesem Herz, wegen des in Taiwan sehr bedeutenden Valentinstages.

Einfacher ist es bei Scheißwetter.

Zum Schluss noch einer meiner Lieblingsorte in Taipei: Bitan. Zu erreichen ist diese kleine Oase ebenfalls per MRT, Station Hsintien (Xindian). Hauptattraktion ist eine große Hängebrücke für FussgängerInnen, deren Schwanken mir immer einen leichten Schauer über den Rücken jagt. Sie führt über einen kleinen Fluss, der (künstlich?) ein wenig aufgestaut ist, so dass eine Art See entstanden ist, der mit Tretbooten befahren werden kann. Drumherum liegt eine Art Kirmes (ähnlich wie in Tamsui), auf der es allerhand Leckereien zu probieren gibt (nicht vergessen, Taiwans Küche ist einzigartig!). Ich hingegen steuere gewöhnlich schnurstracks auf das andere Ende der Brücke zu: Auf einer Klippe befindet sich das vielleicht am schönsten gelegene Teehaus Taiwans, eine Art überdachte Terasse, von der aus sich das bunte Treiben bestens geniessen lässt. Besonders schön ist Bitan nach Einbruch der Dunkelheit, mit der beleuchteten Brücke und den kleinen Bootslichtern, ausserdem werden da die umliegenden Wolkenkratzer ein wenig ausgeblendet. Mir unbegreiflich, warum ich Bitan noch in keinem Reiseführer gefunden habe.

Das soll an Sehenswürdigkeiten erst einmal reichen. Es gibt natürlich noch viel, viel mehr, aber das hier soll ja nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Stattdessen noch ein paar praktische Infos: Taipei ist mit allen gängigen Verkehrsmitteln bestens zu erreichen. Der internationale Flughafen liegt etwa 35 km ausserhalb (in Taoyuan), ist aber mit billigen Bussen nur einen Katzensprung entfernt. Der Bahnhof ist trotz seiner quadratischen Form nicht sonderlich übersichtlich (ich habe es noch nicht ein einziges Mal geschafft, aus der U-Bahn zu steigen und einen Aufgang ins Bahnhofsgebäude zu finden, ohne über eine Fahrkarte zu verfügen - immer lande ich sonstwo in den umgebenden Strassen), aber insgesamt nicht übel. Ihr werdet hier sicherlich jemanden finden, der oder die Euch auch auf Englisch eine Fahrkarte verkaufen kann. Busse bringen Euch billiger und (je nach Verkehr) etwas bis deutlich langsamer an alle Orte der Insel. Abfahrt ist rund um den Bahnhof herum (fragt am besten vor Ort jemanden).

Noch ein letztes Wort: Taipei ist eine teure Stadt, vor allem, wenn es ans Wohnen geht. Trotzdem ist die Stadt für all jene in Taiwan ohne Alternative, die ein ausgeprägtes Nachtleben, ein abwechslungsreiches kulturelles Angebot, Kontakte zu WestlerInnen und so weiter zum Leben benötigen. Ich gehöre nicht dazu, und gebe mich daher mit einem gelegentlichen Besuch zufrieden.

So, alle eingeschlafen? Ich habe ein Einsehen und beende diesen Bericht jetzt.