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Sprache

Hereinspaziert.

Dass Taiwan ein vielsprachiges Land ist, wird von der einheimischen Politik erst in der jüngsten Zeit akzeptiert. Einen Überblick über die einheimischen Sprachen zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Die dominante Sprache ist Hochchinesisch (Mandarin), das nahezu jede/r hier beherrscht. In der älteren Generation gibt es noch einige Leute, die besser Japanisch als Chinesisch können, was daran liegt, dass Taiwan zwischen 1895 und 1945 japanische Kolonie war und erst nach dem zweiten Weltkrieg wieder an China fiel. Chinesisch ist die wichtigste Amtssprache, und während der Diktatur Chiang Kai-Sheks wurden andere Sprachen unterdrückt oder ihnen zumindest kein öffentlicher Raum eingestanden, um die Einheit und die Zugehörigkeit zu China ideologisch zu untermauern.

Ein großer Teil der Bevölkerung spricht allerdings Taiwanisch. Nach Lesart mancher ist das nur ein Dialekt des Chinesischen, der dem auf der anderen Seite der Taiwan-Straße in China gesprochenen stark ähnelt. Anderer Meinung zufolge handelt es sich um eine eigenständige Sprache. Für AusländerInnen ist das eine etwas abstrakte Debatte, denn selbst wer des Chinesischen einigermaßen mächtig ist, versteht von einem taiwanischen Gespräch höchstens mal das eine oder andere Wort. Allerdings werden AusländerInnen auch kaum mal auf Taiwanisch angesprochen.

Dass Taiwanisch die Dominanz des Chinesischen als Amtssprache nicht wird brechen können, liegt vor allem daran, dass es nicht verschriftet ist. Es gibt also keine offizielle Schrift für das Taiwanische. Zwar lässt es sich notdürftig in chinesischen Zeichen ausdrücken, das ist aber weder standardisiert noch sonderlich verbreitet, höchstens mal bei einzelnen Ausdrücken.

Die dritte große Sprache in Taiwan ist das Hakka. Hakka ist ursprünglich ebenfalls ein chinesischer Dialekt, den heute niemand versteht, der ihn nicht speziell lernt. Diese Sprache wird wiederum in vielen verschiedenen Dialekten in den Ländern gesprochen, in denen sich größere Gruppen chinesischer AuswandererInnen niedergelassen haben (also praktisch überall in Asien). In Taiwan wird es immerhin von etwa zwei Millionen Menschen gesprochen, vor allem in der Region um Hsinchu und Miaoli.

Angesichts der Dominanz dieser drei "großen" Sprachen geht oft ein wenig unter, dass Taiwan zwölf anerkannte ethnische Minderheiten (und noch mal ungefähr so viele inoffizielle) beherbergt, deren Vorfahren die UreinwohnerInnen vor der chinesischen Besiedlung etwa ab dem 16. Jahrhundert waren. Jede dieser Minderheiten hat auch noch eine eigene Sprache. Insgesamt sind es allerdings "nur" noch bestenfalls einige Hunderttausend Menschen, die diese Sprachen beherrschen, und viele von ihnen sprechen im Alltag eher Chinesisch oder Taiwanisch. Daher ist zu befürchten, dass diese Sprachen in absehbarer Zukunft aussterben werden, auch wenn die Regierung in den letzten Jahren erste Maßnahmen zur Förderung und zum Schutz dieser Sprachen ergriffen hat. Jedenfalls ist es ohne Weiteres möglich, jahrelang in Taiwan zu leben, ohne jemals eine dieser Sprachen gehört zu haben.

Soviel zum akademischen Teil dieses Themas. Jetzt wollen wir doch mal sehen, wie das für AusländerInnen funktioniert.

Grundsätzlich wird von westlich aussehenden Menschen angenommen, dass sie erstens Englisch und zweitens kein Chinesisch sprechen. Einerseits werdet Ihr überschwänglich gelobt, wenn Ihr ein paar Brocken Chinesisch beherrscht - ist Eure Aussprache leidlich sauber, wird automatisch angenommen, dass Ihr fleißige Genies seid. Andererseits werdet Ihr von Leuten, die ihrerseits ein paar Brocken Englisch beherrschen, unweigerlich auf Englisch angesprochen. Bei mir führt das gelegentlich zu noch schlimmeren Zweifeln an meinen Chinesischkenntnissen als ich sowieso schon habe, wenn ich von jemandem angesprochen werde und nichts verstehe - weil ich nicht erkennen kann, dass die Sprache, die er oder sie spricht, Englisch sein soll. Wenn Ihr dann auf bestem Chinesisch noch mal nachfragt, wird trotzdem oft auf "Englisch" geantwortet. Darüber, wie viel Wert auf Englischkenntnisse gelegt wird, schreibe ich im Bereich "Bildung" noch mal was.

Ähnlich wie in Deutschland wird Englisch übrigens insbesondere von denjenigen Menschen als modern und cool betrachtet, die es nicht beherrschen. Gelegentlich führt das auch in Deutschland zu skurrilen, grässlichen oder auch einfach lustigen Stilblüten, aber so eine Vielfalt wie in Taiwan gibt es ansonsten bestenfalls noch in Indien. Grundsätzlich sollte ich beim Anblick solch amüsanten Unsinns natürlich unterscheiden. Setzt jemand Englisch als zusätzliche Sprache ein, um hilflosen AusländerInnen entgegenzukommen, ist das ein hehres Ziel und verdient es nicht, dass ich mich darüber lustig mache, auch wenn es völlig in die Hose geht. Die Überzahl der Verrücktheiten hat aber als Zielgruppe wie oben erwähnt eben gar nicht die Leute, die Englisch können, sondern eben die, die es nicht können. Da werdet Ihr mir ein wenig Hohn und Spott hoffentlich verzeihen (schließlich mache ich mich über derlei Unsinn in Deutschland genauso gern lustig). Leider habe ich erst bei meiner bislang letzten Reise im Februar 2007 angefangen, solche Auswüchse mal systematisch zu fotografieren. Vielleicht kann ich die kleine Galerie am Ende dieses Artikels beim nächsten Mal noch ein bisschen ergänzen.

Ein anderes Problem als dieses ist im Alltag allerdings wesentlich relevanter, wenn Ihr kein Chinesisch versteht, und das ist das der Umschrift, mit der versucht wird, die Aussprache von chinesischen Schriftzeichen wiederzugeben. Die meisten chinesischsprachigen Länder haben sich irgendwann in ihrer Geschichte für die Verwendung eines der gängigen Umschriftsysteme entschieden, wobei heute das in der Volksrepublik China verwendete Pinyin klar dominiert. Taiwan hat einen anderen Weg eingeschlagen und verwendet alle jemals erdachten Umschriftsysteme und noch einige mehr. Wild durcheinander. Ohne Vorwarnung. Nun lässt sich durchaus darüber diskutieren, welches System das beste ist. Dass Taiwan nicht kampflos Pinyin übernehmen würde, war aus politischen Gründen klar. Ständig neue Systeme zu entwickeln ist allerdings keineswegs eine Lösung, denn es hapert an etwas ganz anderem, nämlich an einer klaren Linie, welches System verwendet werden sollte. Dass das nicht passiert, liegt einfach daran, dass in Taiwan niemand dem Problem besondere Bedeutung beimisst. So werden also alle Systeme gemischt verwendet, und dies auch noch ohne jegliche Sorgfalt.

So habe ich beispielsweise in der Nähe des Flughafens im Abstand von maximal zwei Kilometern auf der Autobahn auf Abfahrtsschildern bei der Transkription von Ortsnamen für ein einziges Zeichen die Transkriptionen Zhuang, Zhueng und Jhung gesehen (in größerer Entfernung auch noch Jung und Zhong). Für niemanden, der das Zeichen nicht ohnehin kennt, ist das in irgendeiner Weise verständlich oder auch nur nützlich. Und alle diese Umschriften stehen auf offiziellen Verkehrsschildern, die vermutlich alle von der gleichen Behörde aufgestellt wurden.

Auch schüchterne Touristen sind willkommen.

In Taipei ist die Lage etwas entspannter, da die Stadtregierung sich des Problems angenommen und angefangen hat, die Umschrift zu vereinheitlichen. Damit ist es dort wesentlich einfacher geworden, sich zu orientieren. Das Problem der achtlosen Ausführung bleibt natürlich ebenso bestehen wie die Tatsache, dass jedeR LadenbesitzerIn weiterhin Fantasieumschriften verwendet. Ein besonders schönes Beispiel für derlei Umschriftunsinn fand ich auf dem Alishan. Dass ich beim Anblick der "Shy Tour" ein bisschen loskicherte, war meinen BegleiterInnen völlig unverständlich. Kein Wunder, achteten sie doch natürlich nur auf die chinesischen Zeichen, die unmissverständlich einen Löwenkopf bezeichneten.

Übrigens gibt es neben der verschiedenen Systemen, mit denen chinesische Schriftzeichen in lateinischer (nach taiwanischer Lesart: englischer) Schrift dargestellt werden können, auch noch eine Einheimische, nämlich das sogenannte Bopomofo. Es wird als Aussprachehilfe zum Beispiel in Kinderbüchern oder für besonders seltene Zeichen verwendet, indem es in klein neben das Zeichen geschrieben wird. Es besteht aus 37 Zeichen, die aussehen, wie stark vereinfachte Schriftzeichen. Es handelt sich um eine reine Lautschrift, ist also unserem Alphabet durchaus vergleichbar. Das heißt, dass es auch von WestlerInnen ohne Probleme in kurzer Zeit gelernt werden kann. In den letzten Jahren hat es eine Renaissance erlebt, weil es in Taiwan für die Eingabe von Schriftzeichen mit Computertastaturen verwendet wird. Ich selbst war außerdem sehr froh, den Kindern im Kindergarten Kinderbücher vorlesen zu können. Auch wenn ich nicht jedes Schriftzeichen kannte, konnte ich die Geschichten dank Bopomofo einigermaßen flüssig vorlesen. Gelegentlich haben mich die Kinder allerdings korrigiert - Bopomofo wird allemal schon den Vierjährigen vermittelt.

Und nun zu ein paar Höhepunkten taiwanischer Fremdsprachenverwendung. Viel Spaß!

Durch die frische Tür hier geht's zur Galerie.
Schön oder Frühstück, das ist hier die Frage!
Oder lieber in ein Ca'fe?
Ich meinte natürlich ein Caf'e.
Am besten in ein C... C... dingens.
Ach so, jetzt ist alles klar.
Appetit auf Füße?
Bugger off, rice!
Noch zwei Striche an das letzte "l", dann stimmt's.
Auf Chinesisch ist das ein Parkverbotsschild.
Da hat wohl jemand ein bisschen korrigiert.
Ach so.
Schon nah dran.
Ich glaube, es ist gut gemeint.
Kein Autoverleih, sondern was zum Surfen.
Die Kinder bitte woanders hauen.