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Spielen

Dieses Teehaus sieht ganz idyllisch aus...

Das chinesische Wort "wan" wird gemeinhin mit "spielen" übersetzt. Als begeisterter Brett- und Kartenspieler spitze ich da natürlich gleich die Ohren, wenn ich höre, jemand wolle "spielen gehen". Allerdings heißt das nur in den seltensten Fällen das, was ich mir darunter vorstelle. Vielmehr bedeutet es so etwas wie "Spaß haben". Es kann also gemeint sein, dass die betreffenden Personen in eine Kneipe oder ein Teehaus gehen wollen, oder sich eben einfach zwanglos treffen.

Sehr häufig heißt es allerdings auch, dass der Weg in eine KTV-Bar geht. Das sind Karaoke- Etablissements. Nun löst die Vorstellung, den ganzen Abend in einem schummerigen Lokal herumzusitzen und Playback zu singen, bei den meisten WesteuropäerInnen nicht unbedingt Jubelstürme aus. Interessanterweise lassen sich die meisten nach ein paar solchen Sitzungen einigermaßen weichklopfen und es über sich ergehen. Wenn dann noch einE AusländerIn zum Mikro greift und ein Liedchen zum Besten gibt, ist die Freude bei den TaiwanerInnen groß. Für mich gab es dabei allerdings meist zwei Probleme. Erstens kannte ich in der Regel die meisten englischsprachigen Lieder, die da auf einer Art Speisekarte angeboten werden, gar nicht; konnte sie also auch schwerlich singen (bin in Schnulzenpop nicht so bewandert). Kannte ich doch mal etwas und wählte es aus, war die Hintergrund meist derartig durch den Weichzeichner gedreht (für die Originalmusik fehlte wahrscheinlich die Lizenz), dass ich völlig irritiert wurde und mich kaum hineinfinden konnte. Mir fiel es daher leichter, die ein oder zwei chinesischen Lieder, die ich einigermaßen unfallfrei zum Besten geben kann, anzustimmen. Das führte natürlich beim taiwanischen Publikum zu noch größerer Begeisterung, und schlechte Darbietungen wurden auch leichter verziehen.

... ist aber mitten in Taichung.

Übrigens solltet Ihr Euch das Ganze nicht so vorstellen, dass Ihr da vor einem riesigen Publikum auf einer Bühne steht oder so. Die großen KTV-Etablissements bestehen aus einer Vielzahl von einzelnen kleinen Räumen, die man sozusagen mit einer mitgebrachten Gruppe füllt. Zwar ist es lustiger, wenn die Gruppe groß ist, aber es gibt auch kleinere Räume für vier (und vermutlich auch für zwei) Leute, falls Ihr mal einen Heiratsantrag singend vortragen wollt oder so. Irgendwo vorne steht dann der Bildschirm oder die Leinwand, die Leute sitzen auf Sofas davor oder darum, und es gibt ein oder meist mehrere Mikrophone, die man sich schnappen kann, wenn man was singen will.

Ein ähnliches Konzept verwenden die sogenannten MTVs. Das hat mit verachtenswerten Fernsehsendern nichts zu tun, sondern es ist eine Mischung zwischen Video und Kino. Ihr geht rein, sucht Euch in einer Videothek einen Film aus und bekommt dann eine Kabine, die groß genug für die entsprechende Zahl von Leuten ist. Drinnen ist so eine sofaartige Sitz- und Liegefläche, eine Leinwand (bei kleineren Kabinen vielleicht zwei Meter breit) und ein Gerät, an dem Ihr Lautstärke, Helligkeit und so weiter einstellen könnt. Außerdem gibt es ein Telefon, über das Ihr Getränke bestellen könnt. Ich fand das Konzept sehr nett.

Da ich mich wie erwähnt besonders für Spiele interessiere, habe ich natürlich auch danach ein bisschen Ausschau gehalten. Allerdings habe ich nur zwei wirklich populäre Spiele angetroffen. Das eine ist wie erwartet Mahjongg, das hier (anders als ich es beispielsweise in China beobachten konnte) nicht nur von alten Männern im Park im Schatten knorriger Bäume gespielt wird, sondern meist im trauten Heim, und fast immer um Geld. Dass jemand es einfach nur so zum Spaß gespielt hätte, habe ich nie mitgekriegt. Damit schied es für mich ein bisschen als Interessengebiet aus (zumal es bei den Leuten, die ich kenne, in einer eher langweiligen Basisversion mit recht glücksbasierten Wertungsregeln gespielt wird).

Ein Kartenspiel, das hier offenbar jede/r kennt, heißt Da Lao Er (Große alte Zwei) und ähnelt tatsächlich ein bisschen dem Tichu. Leider wird Kartenspielen eben hier oft mit Glücksspiel um Geld gleichgesetzt und ist daher bei weitem nicht überall erwünscht. Bevor Ihr also in einem Teehaus die Karten auspackt, vergewissert Euch besser, dass Ihr niemanden stört (bin wegen sowas schon mal zum Gehen aufgefordert worden). Ein Jammer eigentlich - denn viele TaiwanerInnen spielen eigentlich sehr gern. Ich habe immer ein paar Spiele mit, wenn ich hinfahre, und wenn man ein paar Leute mit Zeit zusammenkriegt, haben sie oft viel Spaß an neuen Kartenspielen und so, insbesondere an einfachen, gehässigen. :-). Aber auch eine kleine Siedler-Fangemeinde habe ich dort aufbauen können.

Ansonsten gehen die TaiwanerInnen immer überall gern hin, wo es was Gutes zu essen gibt. Ausflüge etwa zu bekannten Sehenswürdigkeiten sollte man sich nicht als stundenlange Besichtigungstouren vorstellen, sondern eher so, dass man irgendwo hinfährt, was isst, sich kurz was anguckt, in ein Teehaus geht, sich noch mal kurz was anguckt, wieder isst und dann wieder nach Hause fährt. Das heißt dann "spielen." :-)