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Hsinchu

Der kleine, aber schöne Konfuziustempel (neben dem Zoo)

Hsinchu spielt sozusagen in der zweiten Liga taiwanischer Städte. Während Taipei eindeutig den Spitzenplatz belegt, allenfalls noch gefolgt von Kaohsiung und Taichung, kommen danach die mittelgroßen Städte, zu denen auch Hsinchu gehört. Hierzulande interessiert sich kaum jemand für EinwohnerInnenzahlen ("Ihr AusländerInnen fragt immer solche Fragen"...), daher kann ich nur grob sagen: Vielleicht so eine halbe Million Menschen. Die Stadt ist eher wohlhabend (und dadurch leider auch recht teuer), was daran liegt, dass hier mal systematisch Industrie und Forschung angesiedelt wurden (dazu später noch mehr).

Erwähnt werden sollte ferner, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung Hakka sind. Es führt jetzt hier vielleicht zu weit, dazu im Detail Erklärungen abzugeben, aber etwa zwei Millionen Menschen in Taiwan sind Hakka - eine eigenständige Gruppe mit eigener Sprache (drittbedeutendste Sprache in Taiwan nach Chinesisch und Taiwanisch), eigener Kultur und (recht bekannt) eigener Küche. Die taiwanischen Hakka leben vor allem in Nordwesten der Insel, zu dem ja auch Hsinchu gehört.

Berüchtigt ist Hsinchu vor allem für seinen starken Wind. Dieser ist wirklich bemerkenswert - aber ich finde ihn recht angenehm, denn er macht den in allen größeren taiwanesischen Städten üblen Smog etwas erträglicher.

Vieles Interessante lässt sich zu Fuß erreichen - wer ansonsten kein eigenes Fahrzeug hat, kann versuchen, das Bussystem zu ergründen (das akzeptabler ist als in vielen anderen taiwanesischen Städten) oder ein Taxi nehmen (Achtung: für hiesige Verhältnisse sind die Dinger ziemlich teuer - aber immer noch günstiger als in Deutschland). Das Gute am Gehen ist hier wie überall auf der Welt aber, dass Ihr die Möglichkeit habt, mal spontan in eine kleine Seitengasse hineinzuspazieren und so Dinge zu erfahren, die Euch aus dem Fahrzeugfenster mit Sicherheit entgehen würden. Dazu kommen Gerüche und Geräusche, die Ihr einfach im Freien erleben müsst.

Ich beginne mit meinem Bericht an dem Ort, an dem Ihr die Stadt möglicherweise zum ersten Mal in Augenschein nehmen werdet: Am Bahnhof. Dieser ist, wie fast alle Bahnhöfe in Taiwan, recht klein (zwei Bahnsteige, vier Gleise - das ist normal, denn es gibt viel zu wenig Züge. Siehe meinen Bericht über Verkehr in Taiwan) und eigentlich ganz niedlich. Eigentlich sage ich deshalb, weil er selbstverständlich "naturfarben" (also betongrau) belassen wurde. Schade - mit ein wenig weißer Farbe ließe sich hier ein kleines Schmuckstück schaffen. Dafür wurde der Vorplatz gerade aufwendig neu gestaltet (ich möchte das Konzept mal "Betonpark" nennen).

Hier am Bahnhof müsst Ihr Euch erst einmal entscheiden, ob Ihr ins Stadtzentrum vordringen wollt oder hinter den Bahnhof (Richtung Zoo). Ich beginne mal mit einem Gang ins Zentrum. Dazu verlasst Ihr den Bahnhof durch den Vorderausgang und überquert die vor Euch liegende Hauptstraße. Wenn Ihr das überlebt, dann geht Ihr geradeaus, etwa 500 Meter, und kommt an einen Verkehrskreisel. In dessen Mitte befindet sich ein altes Stadttor, nicht sonderlich spektakulär, aber recht schnuckelig - schon mal eine Dreiviertelstunde wert (fünf Minuten zum Angucken und jeweils zwanzig Minuten, um die Straße zu überqueren).

Zwei der Abzweigungen vom Kreisel sind kleine Wege, die an einem Bach entlangführen. Dieser wurde kürzlich renoviert und ist jetzt ganz schmuck - der Betonanteil konnte bei der Landschaftsgestaltung auf etwa 37% gesenkt werden, einen für Taiwan sensationell niedrigen Wert. An seinen Ufern tobt gelegentlich mal ein wuseliger Markt - ich habe aber noch nicht herausgefunden, zu welchen Zeiten und ihn immer nur zufällig in Aktion vorgefunden. Der frühe Abend scheint ein guter Moment für einen Versuch zu sein. Ferner liegt hier ein großer Teil der Kneipen und Tanz-Etablissements der Stadt - manche von ihnen ganz klar auf die WestlerInnen ausgerichtet (mit deutschem und amerikanischem Bier und gepfefferten Preisen etwa). Ab und an ganz nett - aber wenn ihr wenig Zeit habt, dann seht Euch lieber was Einheimischeres an. Zurück zum Kreisel. Hier setzt Ihr Euren Weg in der gleichen Richtung fort (wie ihr vom Bahnhof aus gekommen seid). Ihr befindet Euch jetzt auf der Chiang Kai-Shek-Straße (Zhong Zheng Lu ) Schnell stoßt Ihr zu Eurer Linken auf ein Filmmuseum mit Programmkino, in dem Ihr gelegentlich Filme aus exotischen Kontinenten (z.B. Europa) zu sehen bekommen könnt - das Programm ist allerdings in Chinesisch geschrieben. Für eine mittelgroße Stadt wie Hsinchu ist das aber eine sehr feine Sache, die nicht völlig selbstverständlich ist. Bald darauf erreicht Ihr die Hauptpolizei (nicht zu verfehlen). Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird gerade ein weiteres historisches Gebäude restauriert. Ist irgendein Regierungsgebäude, das hier in (japanischer) Kolonialstil-Backsteinbauweise wiederhergerichtet wird. Angesichts der vorherrschenden Grau-Flut eine Augenweide - zumindest vermute ich das, wenn ich die Verpackung sehe. Wie einst das Berliner Stadtschloss oder auch das Brandenburger Tor ist es nämlich derzeit nur eine vorgehängte Fassade, hinter der gewerkelt wird. Aber wie gesagt, es sieht vielversprechend aus. Ein paar mehr solche Gebäude im Stadtbild und die Selbstmordrate sinkt wieder.

Hinter der Polizei solltet Ihr Euch links halten. Nach kurzem Fußmarsch kommt Ihr in einen Tempelbezirk. Dieser hat es mir besonders angetan. Von außen ist vom eigentlichen Tempel nur das Dach sichtbar - dieses ist aber auch besonders schön. Der Rest ist durch einen Markt verbaut, der das Gebäude komplett umgibt. Ein Teil ist überdacht und zu Stoßzeiten (während der Hauptmahlzeiten) richtig wuselig. Drinnen befinden sich nämlich ein Haufen von Fressständen aller Art. Der richtige Ort, um mal Dinge zu probieren, die Ihr nicht kennt (Hsinchu ist beispielsweise bekannt für Reisnudeln, Fleischbälle und bestimmte süß-salzige (der Geschmack ist schwer zu beschreiben) Küchlein). Durch diesen Markt könnt Ihr auch den Tempel betreten, der Cheng Huang geweiht ist. Manche Einheimische glauben, dass Frauen dessen Tempel nicht betreten sollten. Das wird aber von den meisten Leuten nicht sehr ernst genommen und weithin ignoriert (es ist also nicht irgendwie verboten oder so). Keine Scheu - aber das müsst Ihr selbst entscheiden. Für mich lebt dieser Tempel vor allem durch seine tolle Einbindung in das ganze Gewusel.

Hinter dem Tempel geht der Markt aber noch munter weiter. Allerdings könnt ihr hier eher einkaufen als direkt essen. Gemüse, Fleisch, Backwaren und so weiter, alles dicht beieinander in engen Gässchen, in dem ich schon mal die Orientierung verloren habe (so riesig ist der Markt aber nicht, als dass das ein ernstes Problem gewesen wäre).

Wer einen Blick auf das Meer erhaschen möchte, und zwar aus der Nähe, hat es vom Stadtzentrum aus nicht allzuweit. Die einfachste Möglichkeit, es zu erreichen, ist, immer die Dong Da-Straße entlangzufahren. Vom Bahnhof aus rechts, einige Hundert Meter bis zur Hochstraße, dann links und immer weiter. Sieben Kilometer später werdet Ihr nass. Kurz vorher lohnt ein Innehalten, denn hier ist die Gegend schon recht grün und ländlich. Wer sich für Fischrestaurants interessiert, wird hier, wie überall an den Küsten Taiwans, leicht fündig. Achtung, es kann teuer werden - erkundigt Euch unbedingt vorher nach dem Preis, wenn Ihr die Speisekarte nicht lesen könnt.

Am Ende der Dong Da-Straße liegt der kleine Fischereihafen Nanliao. Dieser erwacht an Wochenenden und Feiertagen erst so richtig zum Leben. Dann finden sich hier Dutzende, wenn nicht Hunderte von Leuten ein, die ihre Drachen steigen lassen. Von schnittigen Lenkdrachen bis zu den eher klassischen chinesischen, die wirklich aussehen wie Drachen, ist hier alles vertreten. Dazu kommen Leute, die einfach mal ans Meer oder einen Spaziergang machen wollen. Kein Wunder, dass im Schlepptau der Leute auch ein Haufen fliegender HändlerInnen auftaucht, die Speisen und Getränke feilbieten.

Ein Gang auf der hohen Hafenumfassungsmauer, die mit bereitstehenden Holzleitern erklommen werden kann, ist eine windige Angelegenheit. Der meist starke Wind mischt Salzwasser und den sehr feinen Strandsand zu klebrigen Körnchen zusammen, die manchmal geradezu in den Körper einschneiden. Ich empfehle billige Kleidung - und hinterher duschen ist ein Muss. Wie an den meisten Stränden, um die sich niemand weiter kümmert, ist auch der hier gelegene eine reine Müllkippe. Traurig anzusehen, aber da Müll ja weltweit sehr gern ins Meer geworfen wird, sollte das niemanden wundern.

Wenn Ihr Euch von Nanliao aus links haltet, kommt Ihr an einer Müllverbrennungsanlage vorbei (sieht zumindest für mich so aus) und gelangt dann nach Gangnan. Dies ist ein befestigter Strandabschnitt mit Möglichkeiten zum Grillen oder einfach abhängen. Hier ist es etwas ruhiger als in Nanliao und vor allem grüner und besser vor dem Salzwasser geschützt. Trotz des etwas abweisend aussehenden Tores kostet es keinen Eintritt. Der Ausflug zum Meer ist insgesamt gut geeignet für eine Fahrradtour (die Dong Da-Straße ist allerdings viel befahren und recht laut, eine Seitenstraße ist vielleicht netter) - schade, dass keine gute Landkarte auf dem Markt ist. In Taiwan seid Ihr allerdings selten allein, es findet sich meist jemand, den oder die Ihr fragen könnt, wenn Ihr Euch verirrt habt. Bei meinem letzten Kurzbesuch Anfang 2007 hörte ich, dass an der Küste auch ein neuer, 17 Kilometer langer Radweg errichtet worden sei. Den habe ich aber noch nicht selbst gesehen.


Keine Angst. Ist nur eine Treppe.

Wenden wir uns nun einmal der Bahnhofsrückseite zu. Da der Hinterausgang nur zu wenigen Zeiten geöffnet ist, müsst Ihr wahrscheinlich die Unterführung benutzen (vorne raus, dann rechts, vor der Busstation). Links bis zur Hochstraße (500 Meter oder so), dann wieder rechts und ihr geht auf einen Park zu, der unter anderem den kleinen Zoo beherbergt. Es handelt sich dabei um einen der trostloseren dieser Welt. Die Tiere sind in engen, dusteren Betonwürfeln eingepfercht; nur wenige haben etwas mehr Auslauf. Bei einem Eintrittsgeld von 10 NT (knapp 25 Cent) vielleicht auch kein Wunder, dass da nicht mehr investiert wird. Aber der Rest des Parkes ist ganz hübsch, und hier finden auch gelegentlich Freilichtveranstaltungen (Konzerte oder Ausstellungen etwa) statt.

Am linken Ausgang geht der Weg nahtlos in ein Gelände über, auf dem am Wochenende tagsüber ein Markt stattfindet. Der typische taiwanische Vergnügungsmarkt - viele tolle Fressbuden mit exotischen Leckereien, Spiele zum Spielen und Spielzeuge zum Kaufen und raubkopierte CDs mit aktuellen und künftigen Filmen an jeder Ecke. Hier kann es auch recht wuselig werden.

Wenn Ihr spät dran seid, kann ein nahegelegener Nachtmarkt abhelfen, der etwa von 17 Uhr bis Mitternacht aktiv ist. Er befindet sich da, wo die Guang Fu-Straße beginnt (gleich hinter den Schienen). Klein, aber fein, vor allem für die Hungrigen und Durstigen.

Wer eine weitere kleine Fahrradtour machen möchte, sollte wissen, dass es in Richtung Süden und Osten schnell etwas hügelig werden kann (das ist zwar bekanntlich weniger anstrengend als Gegenwind, aber letzterer ist ja auch nicht immer da). Dafür gelangt ihr auch leicht an Punkte, von denen ihr eine imposante Aussicht habt. Ein solcher Punkt befindet sich zum Beispiel auf dem Gelände eines größeren Klosters (vom Bahnhof aus etwa zwei Kilometer die Nan Da-Straße entlang, dann auf der linken Seite nach einem Tor Ausschau halten, hinter dem eine sehr steile kleine Straße beginnt. Hochschieben oder das Rad unten abschließen. Oben gibt es noch einen kleinen Fußweg durch den Wald, der zwar ganz nett, aber nicht spektakulär ist). Ein anderer ist in der Nähe eines Friedhofes bei einer imposanten Pagode, die allerdings aus der Nähe weniger hübsch als aus der Entfernung ist. Von nahem ist das Betongrau dann doch recht trist. Dafür habt Ihr halt wieder mal einen ganz hübschen Blick auf das malerische Betonmeer Hsinchu.

Bekannt ist die Stadt vor allem wegen seines Wissenschafts- und Industrieparks, der schon fast außerhalb der Stadt liegt. Einfach immer die Guang Fu-Straße entlang (fahrbarer Untersatz oder das Heranwinken eines Busses dringend empfohlen). Jenseits der Autobahn könnt Ihr auf das Gelände gelangen, allerdings nur bis abends, nachts wird der Park geschlossen (einige Leute wohnen allerdings auch dort, die haben mit Sicherheit eine Möglichkeit, rein- und rauszukommen).

Das Wort Industriepark klingt natürlich etwas euphemistisch. Aber das hier ist wirklich einer. Vorherrschende Farbe ist grün. Es gibt viele Bäume und sogar Wiesen, das ganze Gelände ist sehr großzügig angelegt und schon fast eine Stadt für sich. Es führen auch durchaus große Straßen hindurch, mit so klingenden Namen wie "Forschungsstraße" oder "Innovationsring" oder so. Viele große Konzerne haben ihre Zentralen hier, und hier steckt ein Wahnsinnsgeld drin (neulich hörte ich mal, dass da um die 200.000 Leute arbeiten!). Zwischen den glitzernden Palästen haben sich eine Reihe Kleinbetriebe angesiedelt, wie etwa Restaurants und Tankstellen und so. Fügt sich alles gut ein. Ich würde jetzt nicht so weit gehen, den Park als besonders geeignetes Picknickziel zu empfehlen, aber ich möchte ihn doch als erstaunlich gelungenes Beispiel für Wirtschaftsstandortsplanung erwähnen. Vor allem im architektonisch vorwiegend abgründigen Taiwan kann ich meinen Respekt da nicht verhehlen.

An dem Park liegt es auch, dass in Hsinchu sehr viele AusländerInnen wohnen und arbeiten. Insbesondere in der Computerindustrie sind hier jede Menge Betriebe ansässig, und die beschäftigen viele ausländische Leute, vor allem WestlerInnen.

So, wer nun nur eine halbe Stunde für die Besichtigung Hsinchus eingeplant hat, kann ganz einfach aus dem Bahnhof kommend über die Straße gehen und das Kaufhaus Sogo betreten. Auf in den dreizehnten Stock, von dort aus habt ihr an klaren Tagen einen Blick bis aufs Meer.

Wie Ihr seht, ist Hsinchu nicht die schönste Stadt der Welt, aber wer sich auch an Kleinigkeiten erfreuen kann, wird sich hier sicherlich nicht langweilen.