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Hochzeiten

Wer sich länger in Taiwan aufhält, wird unweigerlich irgendwann zu einer Hochzeit eingeladen - meist eher bald, denn gewöhnlich werden alle Leute aus dem näheren oder weiteren Umfeld eingeladen, und als AusländerInnen seid Ihr exponiert und viele Leute kennen Euch. Da ist so eine Einladung schnell mal passiert. Sie kommt in der Regel per Post und grundsätzlich im roten Umschlag. Bei den Einheimischen heißen diese Umschläge auch "Rote Bomben"; sie sind geliebt und gefürchtet zugleich. Ersteres, weil eine Hochzeit immer mit einem opulenten Bankett verbunden ist. Zweiteres, weil eine Hochzeit immer mit einem Hochzeitsgeschenk verbunden ist. Dieses besteht grundsätzlich aus Bargeld, und zwar ebenfalls in einem roten Umschlag. Der Mindestbetrag sind wohl 1200 NT, das sind immerhin dreißig Euro. Wer weitere Gäste mitbringt oder gar zu den Verwandten gehört, sollte empfindlich tiefer in die Tasche greifen. Grundsätzlich darf der der Betrag die Ziffer vier nicht enthalten (da diese gleich lautet wie das Wort für "Tod", das bringt Unglück), und sie sollte durch 200 teilbar sein. Protzen ist angesagt - für die, die es sich leisten können. Geschenke von mehreren Hundert Euro für irgendwelche Kusinen zweiten Grades, die jemand zweimal im Leben gesehen hat, sind keineswegs ungewöhnlich. Überreicht wird der Schotter beim Eintreffen.

Buchhaltung für rote Umschläge

Meist ist jemand für das Entgegennehmen und die Buchhaltung zuständig und vermerkt genau, wer wieviel gegeben hat. Andere Geschenke gibt es nicht - zu meiner ersten Hochzeit brachte ich einen Blumenstrauß mit und stand damit stundenlang rum wie Pik Doof, weil es keine ernsthafte Gelegenheit gab, ihn loszuwerden. Aber da allein das Bankett schon Zehntausende von NT verschlingt, ist Geld eigentlich kein übles Geschenk. Da denken die TaiwanerInnen durchaus recht pragmatisch.

Stattfinden kann eine Hochzeit entweder in einem Restaurant (wenn sich denn eins findet, das genug Platz hat - Hochzeiten mit hundert Gästen gelten schon fast als klein, zwei- bis dreihundert sind eher gewöhnlich) oder im Freien, unter einer großen Zeltplane, meist über eine Straße oder einen Hinterhof gespannt. Diese Planen sind irgendwie immer aus diesem rot-weiß-blau gestreiften Plastikstoff, der die Taschen- und Zeltmode zwischen Frankfurt/Oder und Los Angeles zu dominieren scheint. Drunter sind Dutzende von Tischen aufgestellt, stets mit roten Tischdecken (rot ist hier Glücksfarbe) und sehr reichlich gedeckt. Allerdings müsst Ihr Euch, wie häufig in Taiwan, von Euren mitgebrachten Vorstellungen von "schick" verabschieden: Als praktisch gilt alles, was Einweg ist. Papierservietten, Plastikbecher, Styroporbehälter, Plastikschälchen und so weiter. Ich kann mich noch immer nicht recht dran gewöhnen - und frage auch in teuren Restaurants vorsichtshalber, ob etwa Bier womöglich Dosenbier ist, damit ich rechtzeitig auf Leitungswasser ausweichen kann.

Welche Kleidung angemessen ist, lässt sich kaum vorhersagen - im Zweifelsfall fragt vorher nach. Schlips und Kragen sind meist eher zu extrem, die meisten Leute laufen recht zivil herum. Das gilt nur für das Brautpaar nicht. Die Braut trägt Kleider, die vermutlich auf Lastwagen herbeigekarrt werden müssen, während der Bräutigam an seinem erzkorrekten Anzug meist auch ganz gut zu erkennen ist.

Die eigentliche Feier besteht hauptsächlich aus einem riesigen Bankett. Alles andere regeln Braut und Bräutigam im engsten Familienkreis (habe ich auch noch nie miterlebt, daher muss ich das aussparen). Dies kann abends stattfinden, typischer ist aber ein Mittagsbankett, das vielleicht so um elf Uhr beginnt. Nachdem die Gäste eingetrudelt sind und sich mal ein wenig das Brautpaar angeschaut haben, setzen sie sich an einen der zahlreichen Tische. Wenn es keine vegetarische Hochzeit ist, gibt es in der Regel zumindest einen Tisch für VegetarierInnen - allerdings empfiehlt es sich natürlich, solcherlei Vorlieben ausreichend vorher bekanntzugeben.

Ein kurzes, aber ohrenbetäubendes Feuerwerk ist das Startsignal für das große Fressen (drinnen halt Tischfeuerwerk oder so). Dies ist die einzige mir bisher bekannte Gelegenheit, wo in Taiwan ein Mahl gemeinsam begonnen wird. Normalerweise setzen sich die Leute einfach und fangen an, egal, ob die Hausfrau oder sonst wer noch in der Küche steht. Das Essen gehört meist zum Besten, was die taiwanesische Küche zu bieten hat (war nur einmal enttäuscht) und lässt das teure Hochzeitsgeschenk in einem ganz neuen Licht erscheinen. Auch Zigaretten, Betelnüsse und Alkohol werden reichlich bereitgestellt (und konsumiert). Ich muss bei der Gelegenheit allerdings anmerken, dass bis auf das für unser Empfinden (und auch das vieler TaiwanesInnen) abstoßende Betelnusskauen Drogen in Taiwan eher wenig verbreitet sind. Ich war vielleicht in noch keinem Land, in dem so wenig geraucht wird, und auch der Alkoholismus hält sich in engen Grenzen. Kein Wunder angesichts der Tatsache, dass selbst Bier allenfalls in Gläsern mit einem Fassungsvermögen von 0,1 l ausgeschenkt wird - wie soll sich damit denn jemand betrinken? Na, auf Hochzeiten schaffen es dann doch meist einige (so gut wie ausschließlich Männer übrigens). Bei einem Hochzeitsbesuch wurde ich vom Brautvater ziemlich mit Bier bekleckert, als ihm sein Plastikbecher runterfiel - das führte natürlich zu tausend Entschuldigungen und war ihm riesig peinlich - ich hingegen hoffte nur darauf, dass sich die allgemeine Aufmerksamkeit mal anderen Dingen zuwenden würde als meiner Hose.

Nach den sehr, sehr vielen Gängen kommt dann etwas fast Unscheinbares: Das Brautpaar geht von Tisch zu Tisch und lässt sich zuprosten. Das fällt eher kurz aus, nur ein paar Minütchen pro Tisch. Im Schlepptau folgen dann einige andere Leute, wie zum Beispiel der Brautvater, der allen Gästen versichert, wie glücklich er ist und wie sehr er sich über ihr Erscheinen freut.

Anschließend wird die Feier beendet, und zwar geradezu blitzartig. Die Gäste defilieren noch einmal am Brautpaar vorbei und sammeln ein paar Leckereien ein: Bonbons und Pakete mit speziellen Kuchen, die wiederum in speziellen Geschäften hergestellt werden. Auch diese Tradition kommt das Paar teuer zu stehen. Wer nun nicht rechtzeitig mit dem Essen fertiggeworden ist (etwa, weil er oder sie zu spät eingetroffen ist), hat kaum noch Spaß daran, denn drumherum beginnen die HelferInnen bereits mit dem Abbau, was eine ziemlich lärmige Angelegenheit sein kann (insbesondere bei diesen Hofhochzeiten, wo ich schon mal meinen Hocker zurechtrücken musste, damit der Abbau-Lastwagen vorbei konnte...). Die Tische, an denen noch Leute sitzen, werden umgangen, aber ich hätte auf Essen keine Lust mehr (die Einheimischen scheint es in keiner Weise zu stören - wie schon erwähnt, das Ideal der gemeinsamen Mahlzeit existiert hier nicht. Stattdessen reagiert auch hier Pragmatismus: Manchmal stehen auf den Tischen schön verzierte Schachteln mit Plastiktüten bereit - wer sich also etwas mit nach Hause nehmen möchte, kann sich bedienen).

Damit endet die Hochzeitsfeier auch schon - nach zwei, drei Stunden ist der Spuk vorbei (zumindest für die Gäste). Aber es gibt noch einiges über das Drumherum zu berichten. Als erstes fallen mir da die Fotos ein. Die TaiwanerInnen sind schon im Alltag ganz wild auf Fotos, allerdings grundsätzlich nur auf sorgfältig gestellte. Für eine Hochzeit wird das auf die Spitze getrieben. Zunächst wird ein Hochzeitsfotograf angeheuert (einer der sehr, sehr vielen, die ausschließlich von solchen Fotos leben). Aber dieser taucht keineswegs auf der Hochzeit selbst auf, sondern bereits einige Tage zuvor.

Fotosession in der Stadt - die Schuhe
werden später auf den Fotos nicht zu sehen sein. :-)

Gebucht wird er für einen bis zwei ganze Tage, an denen er mit dem Paar im Studio und an malerischen Stellen im Freien herumläuft und kitschige Fotos von ihnen macht (wer in Taiwan größere Parks oder so aufsucht, sieht immer mal wieder solche Aufnahmen entstehen). Zu diesem Zweck stellt er spezielle Kleidung bereit, etwa traditionelle chinesische oder japanische oder auch Klamotten im westlichen Stil, allerdings immer wahnsinnig schick und übertrieben. Die besten Fotos werden auf etwa A3 vergrößert und in mehrere Kilo schwere Alben überführt, die dann Zeugnis von der Hochzeit ablegen. Unterlegt sind die Fotos darin mit albernen und völlig fehlerhaften "romantischen" Sprüchen - fast grundsätzlich auf Englisch, was als schick gilt, was aber niemand lesen kann (gleiches gilt für T-Shirts: Es gibt keine mit chinesischer Aufschrift. Nur "englisch" ist erlaubt. Gelegentlich verirrt sich auch mal eine andere westliche Sprache auf die Kleidung, ohne als solche wahrgenommen zu werden. Durch die Straßen zu gehen und T-Shirts zu lesen, ist immer wieder für den einen oder anderen Lachkrampf gut). Als ich auf einer Hochzeit mal den Spruch "Love will find away" unter einem Foto fand, musste ich schon ein wenig den Kopf schütteln - als ich einer taiwanesischen Freundin allerdings erklärte, was da schief gelaufen sei, bat sie mich, auf jeden Fall darüber zu schweigen. Es bringt Unglück, über so etwas zu sprechen. Warum die dann so einen Schwachsinn da reinschreiben, wird sich mir nie erschließen. Letztes Mal wieder: I will be your closed friend...

Wie dem auch sei, so ein Tag mit dem Fotografen ist unter 500 Euro keinesfalls zu haben, es kann auch leicht noch um ein Vielfaches teurer werden. Auf der Hochzeit selbst sind dann kaum Kameras anwesend, für gestellte Fotos fehlt die Zeit, und Schnappschüsse will niemand sehen. Ausserdem sind meist soviele Gäste da, dass die eh nicht alle auf ein Foto passen würden. Dafür werden das Hochzeitsalbum und ein bis mehrere ins Riesenhafte vergrößerte Spitzenfotos zur Schau gestellt. Allerdings erlebte ich auf meiner eigenen Hochzeit etwas Kurioses: Es war eine riesige Hochzeitstorte bereitgestellt worden. Als es um das Anschneiden ging, ergriff eine der zuständigen Zeremonienmeisterinnen das Messer, schnitt die Torte an, ließ das Messer stecken und legte dann unsere Hände um den Griff, damit Fotos von dem feierlichen Moment gemacht werden könnten, wo wir unsere Torte anschneiden...

Präsentation der Alben auf der Hochzeit

Was aber bedeutet nun so eine Hochzeit? Als nur mäßig vergreister Mitteleuropäer nehme ich sie vor allem als einen Wechsel im legalen Status zweier Menschen an. Liebe? Wer sich liebt, soll sich lieben, das muss der Staat für mich nicht legitimieren. Solch eine Haltung ist in Taiwan allerdings schwer zu behaupten. Nicht zu heiraten geht eigentlich nicht (auch wenn sich das bei der jüngeren Generation in Einzelfällen schon ändert). In der chinesischen Umgangssprache gibt es den Satz "XY ist nicht verheiratet" gar nicht - direkt übersetzt heisst er "XY ist NOCH nicht verheiratet". Es wird zwar akzeptiert, dass ich das anders sehe, aber verstehen tut mich da wohl kaum jemand. Das liegt nun aber nicht daran, dass die Leute in Taiwan alle irgendwie zurückgeblieben wären, sondern vor allem daran, dass eine Hochzeit eine völlig andere Funktion erfüllt, nämlich die Zusammenführung zweier Familien. Das Paar selbst ist dabei nur am Rande wichtig.

Das führt zu bitteren Situationen, die ich sonst immer nur aus der Zeitung kannte: In meinem weiteren Umfeld scheiterte jüngst eine Beziehung daran, dass das Paar nicht heiraten konnte. Die Eltern des Mannes lehnten die Hochzeit ab, da die Eltern der Frau geschieden waren. Nun sind Scheidungen nicht unbedingt erblich, aber wie gesagt, hier geht es um zwei Familien und nicht um zwei Menschen. Unsereins hat da leicht reden mit Vorstellungen wie "soll er sich doch drüberwegsetzen". So etwas ist kaum möglich in einer Gesellschaft, in der die Pietät gegenüber den Eltern noch immer als eine der wichtigsten Tugenden gilt. Das sitzt halt sehr tief. Was mich an der Geschichte noch zusätzlich geschockt hat, war die Tatsache, dass ich in so manche Familien hierzulande etwas Einblick gewonnen habe - darunter gibt es Fälle, in denen ich die Ehepaare als getrennt betrachten würde. Sie leben zwar noch unter einem Dach, sprechen aber vielleicht alle paar Tage mal miteinander. Um sich zu streiten, fehlt ihnen schon fast das Interesse aneinander. In Deutschland wäre jede solche Ehe seit Jahren geschieden - hier nicht. Angesichts der Folgen, die eine Scheidung (wie oben beschrieben) noch für die eigenen Kinder haben kann, fast verständlich, aber eben zusätzlich bitter.

Letztlich setzt sich die "Nebenrolle" des Brautpaares auf der eigenen Hochzeit noch fort. Abgesehen von Begrüßung, Glückwunschrundgang und Verabschiedung treten sie kaum in Erscheinung. Die Braut im Speziellen muss sich dennoch mehrfach umziehen, soll ja repräsentativ wirken. Vielmehr geht es darum, eine massive Feier auf die Beine zu stellen, die was hermacht. Wenn Ihr also auf eine solche Hochzeit eingeladen werdet, spielt das Spielchen mit - revolutionäre Meinungen sind hier nicht gefragt.

Im großen und ganzen ist es eine sehr interessante Erfahrung für uns als Fremde. Und wozu fahre ich denn um die halbe Welt, wenn nicht, um Fremdes zu erleben? Also, wenn Ihr so eine Einladung kriegen solltet, zögert nicht.