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Chi-chi

So ungefähr sieht Zentraltaiwan aus

Die touristische Infrastruktur Taiwans leidet ziemlich darunter, dass viele der schöneren Gebiete mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht oder gar nicht zu erreichen sind. Die großen Städte in der Ebene gingen mir aber irgendwann ziemlich auf den Keks, und so suchte ich mir für den letzten Tagesausflug vor meiner Abreise einen Ort als Ziel aus, der mit einer Bimmelbahn von Taichung aus langsam, aber bequem erreichbar ist, nämlich Chi-Chi (die Umschrift ist erstaunlicherweise lupenreines Wade-Giles. Um nicht völlig auf die in Taiwan obligatorische Verwirrung verzichten zu müssen, finden sich auch ein paar Schilder, auf denen der Ort als Ji-Ji verzeichnet ist. Ausgesprochen wird es etwa „Dji-Dji“).

Aufgrund unglücklicher Umstände musste ich an einem Samstag fahren, und so wurde mir die Beliebtheit dieses Ausflugszieles schon im Zug klar. Nur mit Mühe konnte ich einen Sitzplatz ergattern. Kein Wunder eigentlich, kostet die Fahrkarte doch gerade mal 186 NT hin und zurück (gut 4 Euro), trotz der etwa zweistündigen Fahrt ein echtes Schnäppchen.

Die Beliebtheit der Anreise mit dem Zug führt aber auch zu einem äußerst erfreulichen Phänomen: Vor dem Bahnhof von Chi-Chi lassen sich Fahrräder mieten (100 NT pro Tag, ebenfalls recht billig). Diese sind zwar für jemanden wie mich ziemlich klein (die TaiwanesInnen sitzen meist sehr tief auf Fahrrädern, so dass sie kaum Kraft auf die Pedale bringen können. Kein Wunder, dass sie Radfahren so anstrengend finden), aber dennoch eine ziemlich optimale Lösung für die Besichtigung des Ortes. Theoretisch könnt Ihr auch die sieben (?) Kilometer nach Shuili radeln, das soll auch schön sein. Aber das ist per Bahn wohl doch gemütlicher (die Bahnstrecke geht noch ein paar Orte weiter und endet dort). Wenn Ihr ein Fahrrad mietet, bekommt Ihr eine kleine Karte mit den Sehenswürdigkeiten. Auch wenn Ihr deren Namen nicht lesen könnt, ist es empfehlenswert, der Standardroute zu folgen, dann entgeht Euch jedenfalls nix. Bei den Einheimischen sind vor allem Tandems und Tridems beliebt, aber sowas finde ich ja immer etwas anstrengend (und in diesem Fall war ich ja auch allein unterwegs). Auch Elektrofahrräder lassen sich mieten.

Der zerstörte Haupttempel von Chi-Chi

Rechts runter, entlang des Bahndamms, gibt es sogar eine Art Radweg. Nach wenigen Minuten stoßt Ihr auf eine seltsame hölzerne Häusergruppe, die wohl typisch für die lokalen Aborigines ist (aber hier nur als Sehenswürdigkeit nachgebaut ist. Als ich dort war, war sie gerade geschlossen, daher kann ich dazu wenig sagen. Dafür trefft Ihr kurz darauf auf ein uriges Naturkundemuseum, in dem sich ein Besuch (50 NT) allemal lohnt. Zwar ist mal wieder alles nur auf Chinesisch beschriftet, aber vieles erschließt sich auch von selbst (und am Eingang gibt es auch ein englisches Faltblatt mit allgemeinen Infos). Hauptattraktion ist ein riesiger nachgebildeter Banyan-Baum. Im Erdgeschoss steht der Stamm, durch ein Hintertürchen könnt Ihr das Wurzelwerk erreichen, und im Obergeschoss bietet sich ein Blick auf die Baumkrone. Drückt Ihr nun auf eines der verschiedenen Knöpfchen an der Brüstung, wird ein Ausschnitt des Geästs angestrahlt. Dort sind einheimische Vögel (ausgestopft oder nachgebildet) angebracht, und aus Lautsprechern ertönen die jeweiligen Vogelstimmen. Nette Spielerei, sehr anschaulich.

Die letzte Sehenswürdigkeit in der Richtung habe ich dann nicht finden können. Ich radelte immer den Schildern nach und landete in einer Sackgasse auf einer Obstplantage mit grimmigem Hund. Was die eigentliche Attraktion sein sollte, habe ich nicht herausgefunden, aber die Landschaft war trotzdem schön.

So stabil kann Stahl sein...

Stattdessen machte ich mich dann zum Hauptgrund meines Chi-Chi-Besuches auf, nämlich der Ruine eines großen Tempels. Zentraltaiwan wurde im September 1999 ja von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht, und Chi-Chi hatte es besonders stark erwischt. Der fragliche Tempel verlor bei der Katastrophe sein Erdgeschoss – alles, was darüber lag,. sackte einfach zwei Meter nach unten durch. Aus irgendwelchen Gründen entschieden sich die Behörden, das arg deformierte Gebäude nicht abzureißen, sondern stehen zu lassen, vielleicht als Mahnmal oder auch direkt als touristische Attraktion (ähnlich wie die Gedächtniskirche in Berlin). Die Ruine ist natürlich abgespert, aber von außen ein wahrlich imposanter Anblick. Die Stahlstangen, die im Beton sind, waren gebogen wie Gummi. So etwas gibt einen guten Eindruck von der Gewalt der Natur.

Vor dem Tempel findet ein kleiner, aber sehr lauter Markt statt, dessen Hauptattraktion (neben Büchern über das Beben) Bananen sind. Der Kreis Nantou, in dem Chi-Chi liegt, ist bekannt für seine Bananen. Mindestens sechs äußerlich unterscheidbare Sorten habe ich an einem Stand gezählt. Drei habe ich probiert – eine köstlicher als die andere. Kein Vergleich zu diesen schlecht gereiften Pappdingern, die Chiquita in Deutschland auf den Markt wirft. Eine Sorte, bei der die Bananen nur gut zehn Zentimeter lang und fingerdick sind, gibt es laut Auskunft der Verkäuferin sogar überhaupt nur im Kreis Nantou. Probieren ist Pflicht.

Lecker!

Nicht als Sehenswürdigkeit verzeichnet, aber dennoch makaber-interessant, ist ein anderes Ergebnis des 921-Bebens (benannt nach seinem Datum, dem 21. September 1999), nämliche eine Gruppe von Baracken- Fertighäusern, die für die Leute errichtet wurden, die ihre Häuser verloren hatten. Offensichtlich hatte die Firma Nike für diese Barackensiedlung großzügig gespendet – dafür heißt die Häusergruppe jetzt „Nike Village“, wie diverse größere Schilder verkünden. Trotz der natürlich wichtigen Hilfe hinterlässt das bei mir einen kleinen Nachgeschmack.

Wasserfall nahe Chi-Chi

Etwas weiter auf der Rundtour passiert Ihr einen nagelneuen tibetischen Tempel, an dem bei meinem Besuch sogar noch gebaut wurde. Das Hauptgebäude war gerade geschlossen, aber ein kleiner Abstecher lohnt sich schon wegen der sehr schönen Parkanlage drumherum.

Die nächste Station erfordert dann ein bisschen Muskelschmalz, denn es geht ein Stück bergauf. Wenn Euch das zu anstrengend ist, könnt Ihr die Fahrräder aber auch unten abstellen und ein Stück zu Fuß gehen. Dann kommt Ihr bald an einen schmucken Wasserfall, der zwar schmal, aber sehr hoch ist (kann schlecht schätzen – vielleicht 20 Meter?). Über einen kleinen Pfad könnt Ihr auch hinter ihn gelangen, was bei Wasserfällen ja immer ganz urig ist. Dort findet sich auch noch ein skurriler kleiner Schrein. Ein anderer Pfad führt steil bergauf, aber den habe ich aus Zeitmangel dann nicht mehr ausprobiert, denn die Aussicht ist auch von dem Wasserfall aus schon ganz gut.

Die restlichen Stationen fand ich dann nicht mehr so entscheidend wichtig. Da gibt es ein paar Aussichtspunkte und noch einen kleinen Markt – die sind kein Muss. Einm paar Punkte habe ich auch ausgelassen, und ich war immerhin (einschließlich der ganzen Besichtigungen) gut drei Stunden unterwegs (die eigentlichen Wegstrecken sind eher kurz). Bemerkenswert ist vielleicht noch eine Sache, deren Sinn sich mir nicht ganz erschloss: An diversen Stellen im Ort ist ausrangiertes Militärmaterial ausgestellt. Wer also schon immer mal einen Starfighter aus der Nähe sehen oder auf einem Panzer herumkraxeln wollte, hat hier Gelegenheit dazu. Warum der ganze Krempel gerade in Chi-Chi steht, weiß ich allerdings auch nicht.

Direktzüge zurück nach Taichung gibt es übrigens nur wenige (drei oder vier am Tag), aber Ihr könnt auch nach Ershui fahren, dort gibt es normalerweise gleich Anschluss. Ihr müsst dort nur den Bahnsteig wechseln - im Zweifelsfall immer den Menschenströmen nach.

Insgesamt ist ein Ausflug nach Chi-Chi für mich eine sehr schöne und preiswerte Möglichkeit, um den tristen taiwanesischen Großstädten für einen Tag zu entrinnen.