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Bildung

Wahlplakat für längere Schulzeit

Bildung hat in Taiwan nach wie vor einen enormen Stellenwert. Während in Deutschland der radikale Wandel weg vom Ideal der Bildung als gesellschaftlichem Gut hin zum Mittel persönlicher Bereicherung gerade erst stattfindet, ist Bildung als persönliches Heilsziel in Taiwan seit langem allgegenwärtig. Mit unfassbarer Energie und enormem finanziellen Aufwand durchlaufen die TaiwanerInnen das extrem kompetitive Bildungssystem. Schon der Eintritt in den Kindergarten ist letztlich der Beginn der Schullaufbahn, und der findet nicht immer erst mit drei Jahren statt.

Bereits der Kindergarten besitzt Wettbewerbscharakter. Am Ende eines Kindergartenjahres werden an die leistungsstärksten Kinder in öffentlichen Zeremonien Preise vergeben, und am Ende der Kindergartenzeit steht eine Graduationsfeier, bei der die Kinder mit so komischen Papphüten und schwarzen Kutten im amerikanischen Stil antreten.

Danach wird allerdings alles noch extremer. Nicht genug damit, dass die Schulen schon sehr viel von ihren Insassen erwarten und in den Tests nicht im Vordergrund steht, wie gut man die Aufgaben löst, sondern welche Platzierung man in der Klasse erreicht, nein, nach der Schule gehen sehr viele Kinder noch in die sogenannten Buxibans. Das sind im Wesentlichen Nachhilfeschulen, wobei es auch solche gibt, die spezielle Kenntnisse vermitteln, etwa Musikschulen und so. Da schon die normalen Schulen Ganztagsschulen sind, bleibt den Kindern dann neben Essen und vielleicht ein bisschen Fernsehen im Kreise der Familie nicht mehr viel Freizeit. Am Ende jeder Schulstufe stehen mörderische Examen, die darüber entscheiden, auf welche weiterführende Schule die Leute gehen können, denn auch die Schulen stehen natürlich in Konkurrenz zueinander. Das setzt sich bis zum Eintritt in die Universität fort. Private Schulen haben in den meisten Fällen dabei das höhere Prestige.

In der Schullaufbahn steht die blanke Wissensvermittlung im Vordergrund, während das Erarbeiten von Lösungswegen eher eine Nebenrolle spielt. Für AusländerInnen zeigt sich das insbesondere an den Fremdsprachenkenntnissen der meisten TaiwanerInnen. Obwohl sie bis zum Abwinken Englisch-Vokabeln pauken, sind die kommunikativen Fähigkeiten meist sehr begrenzt, insbesondere trauen sich viele nicht, ihr Englisch praktisch anzuwenden. Dessen ungeachtet pilgern sie am Abend nach der Arbeit todmüde zu den Buxibans, um ihre Kenntnisse aufzustocken. Die Leute, die Fremdsprachen (in aller Regel Englisch, manchmal Japanisch, aber natürlich gelegentlich auch mal Deutsch, Französisch oder andere) einigermaßen gut beherrschen, haben sie normalerweise entweder an der Uni studiert oder einen längeren Auslandsaufenthalt hinter sich.

Kein Respekt für die Muttersprache?

Derlei Probleme sind den TaiwanerInnen durchaus schmerzlich bewusst. Inzwischen schicken wohlhabendere Eltern (aber auch solche, die sich die Kosten vom Mund absparen müssen) ihre Kinder oft in private englischsprachige Kindergärten, wo überhaupt kein Chinesisch mehr gesprochen wird. Sie lernen dort durchaus schnell und beeindruckend gut. Allerdings vergessen sie ihre Kenntnisse oft schnell wieder, wenn sie hinterher wieder in eine normale Schule gehen und feststellen, dass sie für Englisch gar keine Verwendung mehr haben. Außerdem wird ihre eigene Muttersprache dabei ein bisschen an den Rand gedrängt. Manchmal habe ich den Eindruck, vielen TaiwanerInnen sei es fast unangenehm, dass Chinesisch ihre Muttersprache ist. Nun wird natürlich auch in Deutschland das Deutsche arg gebeutelt. Aber einen markanten Unterschied sehe ich doch: Während die deutsche Regierung immerhin versucht, mit Hilfe von Goethe-Institut und so weiter das Lernen der deutschen Sprache auch im Ausland attraktiv erscheinen zu lassen, steckt die taiwanische Regierung viel mehr Energie in den Versuch, allen TaiwanerInnen Englisch zu vermitteln. Das finde ich ein bisschen schade.

Zwar ist es schön, dass die TaiwanerInnen versuchen, ihr Schulsystem ein bisschen lebensnäher zu gestalten. Aber das treibt manchmal seltsame Blüten. Englischsprachige Schulen gelten nur dann als gut, wenn MuttersprachlerInnen dort unterrichten. Wer allerdings Muttersprachler ist, entscheidet sich auf zwei Weisen. Erstens durch den Pass. Wer aus England, Irland, den USA, Kanada, Südafrika, Neuseeland oder Australien stammt, bekommt einigermaßen problemlos ein Arbeitsvisum als EnglischlehrerIn, ungeachtet der Frage, ob man vielleicht frankokanadisch ist oder Afrikaans als Muttersprache spricht (einmal traf ich dagegen jemanden aus Malta, dessen Muttersprache tatsächlich Englisch war, der aber kein Arbeitsvisum bekommen konnte). Zweitens durch das Aussehen. Leute mit Muttersprache Englisch sollen jung und weiß sein. Es geht nämlich in hohem Maße um den Eindruck, den die Eltern von der Schule haben, und bei denen sind bestimmte Klischees einfach eingebrannt. Sehen die Eltern, dass die Schule LehrerInnen hat, die ihren Vorstellungen von jungen AmerikanerInnen entsprechen, sind sie eher bereit, ihre Kinder dort anzumelden und einen Haufen Geld auf den Tisch zu blättern, als wenn das nach außen nicht sichtbar ist. In einem Fall wurde ich bei einem Tag der offenen Tür in einer neu eröffneten englischen Schule für einen Tag angestellt, um bei Eltern einen guten Eindruck zu machen. Eine etwaige Qualifikation meinerseits war nie Gesprächsthema. Gelegentlich wurde ich im Supermarkt oder auf der Straße angesprochen, ob ich nicht den Kindern irgendwelcher Leute Englisch-Nachhilfe geben könnte. Die Frage nach meiner Muttersprache kam dabei nicht auf. Für einen jungen weißen Deutschen mit holperigem Englisch ist es mitunter leichter, eine (halblegale) Stelle als Englischlehrer zu als für einen schwarzen amerikanischen Doktor der Pädagogik.

Nicht jeder Kindergarten ist so nett gestaltet.

Zwar hatte ich als weißer Ausländer nie Probleme, aber Rassismus (wenngleich meist wenig körperlich aggressiver) ist durchaus vorhanden. Er richtet sich allerdings meistens eher gegen GastarbeiterInnen aus Südostasien. Fast noch absurder ist die Lage der sogenannten ABC, der "American Born Chinese". Damit sind Leute gemeint, die zwar einen amerikanischen Pass, aber chinesische Vorfahren haben. Unabhängig von der Qualifikation werden sie normalerweise schlechter bezahlt als ihre weißen KollegInnen, weil sie eben nicht westlich aussehen und daher nichts hermachen.

Ein Studienaufenthalt im Ausland, insbesondere in den USA, gilt übrigens als Weg ins Glück. Schon Kinder werden gelegentlich zu Verwandten nach Nordamerika verschickt, um dort zur Schule zu gehen.

Zum Schluss noch: Wenn Ihr es irgendwann nervig findet, dass Ihr automatisch für Amis gehalten werdet, dass hier nicht vom lateinischen Alphabet, sondern vom englischen Alphabet gesprochen wird oder dass die Leute denken, dass alle Deutschen ständig Schweinshaxe mit Sauerkraut essen, haltet kurz inne und überlegt mal, wie viel die durchschnittlichen Deutschen über Taiwan wissen. Viel ist das auch nicht. Also locker bleiben - die TaiwanerInnen interessieren sich oft sehr für fremde Länder und haben viele Fragen. Bücher über das Leben im Ausland (auch in Deutschland) sind Bestseller - vielen Menschen in Taiwan fehlt nur der persönliche Kontakt zum Ausland.