HilkMANs Taiwan-Seiten

Arbeit

Wer mal in Taiwan war, findet wahrscheinlich spätestens hinterher das Bild vom fleißigen Deutschen ziemlich lachhaft. In Taiwan wird zu jeder Tages- und Nachtzeit gearbeitet, und das liegt nicht nur an langen Öffnungszeiten der Geschäfte, sondern eben auch daran, dass die Menschen oft zehn oder mehr Stunden pro Tag arbeiten. Zwar gibt es offiziell seit ein paar Jahren die 42-Stunden-Woche (ein gewisser Fortschritt zur 48-Stunden- Woche davor), aber die wird oft nicht eingehalten, und überhaupt gibt es in Taiwan so viele Familien- und Kleinstunternehmen, dass derlei Regeln auf viele Menschen gar nicht anwendbar sind.

Die durchschnittliche Lebensdauer eines mittelständischen Unternehmens, so las ich mal, beträgt in Taiwan rund acht Jahre. Da wundert es nicht mehr, wenn Geschäfte stolz und mit Ausrufezeichen ins Fenster schreiben: Seit 1993! Das ist in Taiwan schon ein Qualitätsmerkmal, denn es heißt, dass diese Firma sich lange am Markt gehalten hat.

Ich selbst habe nur in zwei Schulen eine Weile lang gearbeitet, daher fällt es mir natürlich schwer, allgemeingültige Beobachtungen über die Arbeitswelt zum Besten zu geben. Einige Dinge fielen mir aber auf. Erstens ist es die Rolle des Chefs/der Chefin. DieseR herrscht oft absolutistisch über den Betrieb, insbesondere bei kleinen oder mittelständischen Unternehmen. Leider bedeutet das, dass Eingaben oder Verbesserungsvorschläge nicht selten als Kritik oder gar als Affront verstanden werden und zu schweren Spannungen im Betriebsklima führen können. Direkte Kritik am Chef/an der Chefin, und sei sie noch so sachlich, führt sehr schnell zur Kündigung. Mit sowas solltet Ihr also sehr vorsichtig sein, wenn Euch Eure Stelle lieb ist. Das Ergebnis ist nachvollziehbarerweise, dass die Belegschaft schweigt, wenn etwas schiefläuft. Meiner Meinung nach trägt das erheblich dazu bei, dass die meisten Firmen sich nicht lange am Markt halten können, denn sie funktionieren eben nur so lange, wie die ursprüngliche Idee funktioniert. Sollte der Markt sich ändern, sind die Firmen oft zu unflexibel, um sich darauf einzustellen. Gesamtwirtschaftlich macht das nicht so viel, denn vielleicht macht sich dann jemand von den ehemaligen Angestellten selbstständig und führt eine modernisierte Form der Idee weiter. Und so fort. Für die einzelnen Beteiligten kann es aber natürlich einen erheblichen Einschnitt bedeuten. Taiwanische Lebensläufe enthalten darum oft sehr viele Stationen (ungefähr so wie meiner :-).

Grundsätzlich fiel mir allerdings auf, dass westliche AusländerInnen in taiwanischen Firmen mehr Freiheiten genießen als die Einheimischen. Das liegt daran, dass sie meist schwerer ersetzbar sind. Im Bildungsbereich, in dem ich gearbeitet habe, verdienen sie oft ein Mehrfaches ihrer taiwanischen KollegInnen, ungeachtet ihrer Qualifikation. Wer sie anstellt, ist meist bereit, gewisse Zugeständnisse an sie zu machen. So ist es für WestlerInnen wesentlich unüblicher als für Einheimische, dass einE ChefIn zu ihnen kommt und ihnen sagt: "Heute machst Du drei Überstunden. Unbezahlt. Morgen und übermorgen auch, und für den Sonntag habe ich auch noch ein paar Pläne...

Dennoch heißt das natürlich nicht, dass Ihr Euch alles erlauben könnt. Sofern Ihr ein sogenanntes ARC habt (ein Alien Residence Certificate, also eine Aufenthaltsgenehmigung), ist diese oft an Euren Arbeitgeber gebunden. Am Tag nach dem Auslaufen Eures Vertrages müsst Ihr das Land verlassen, da gibt es keine Ausnahmen. Ein Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber ist möglich, aber dann muss Eure alte Firma das ARC umschreiben lassen, und das passiert oft nicht. Da ist es dann einfacher, aus- und wieder einzureisen und ein neues ARC bei Eurer neuen Firma zu beantragen. Sollte Eure Firma jedenfalls einen Vorwand finden, um Euch frühzeitig zu feuern, kann das eine schnelle Ausreise bedeuten.

Ganz hellhörig solltet Ihr werden, wenn Euer Gehalt nicht kommt. Lasst Euch da nicht lange mit Ausreden trösten, denn es kann sein, dass Eure Firma schon auf dem letzten Loch pfeift (siehe oben), sich noch ein paar Monate dank Eurer gutgläubigen Hilfe über Wasser hält und dann plötzlich übers Wochenende aus dem Gebäude, wo sie war, verschwunden ist. Euer Geld seht Ihr dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr. In dem Moment also, wo ein Gehalt nicht gezahlt wird, seht Euch vorsichtshalber schon mal nach einer neuen Firma um. Zumindest im Bildungsbereich ist das meistens nicht so schwer. Ihr könnt dann jederzeit einen Tag nach Hong Kong fliegen, Euch ein neues Touristenvisum besorgen und ein neues ARC bei der neuen Firma beantragen, wenn Eure alte kollabiert.

Bei einem normalen Arbeitsverhältnis gibt es eine Krankenversicherung, die ähnlich wie hier, formal betrachtet zur Hälfte von Euch, zur Hälfte von Eurer Firma bezahlt wird. Mein Anteil betrug 2002 den Festsatz von 800 NT im Monat (weniger als 20 Euro). Das ist also ein Schnäppchen.

Solltet Ihr über das chinesische Neujahr hinaus bei einer Firma angestellt sein, kommt Ihr wahrscheinlich in den Genuss einer betrieblichen Neujahrsfeier. Dazu wird dann in ein mehr oder weniger teures Restaurant eingeladen und geschlemmt. Höhepunkt sind meist Verlosungen von Preisen unter den Anwesenden, die oft erheblichen Wert haben, Fernseher, Motorroller und was weiß ich noch. Auch rote Umschläge mit Geld oder Gutscheinen gehen um. Das ist so ähnlich wie unser Weihnachtsgeld (kennt das noch jemand?), und die Höhe hängt vom Erfolg der Firma im abgelaufenen Jahr ab.

Bis vor kurzem herrschte in Taiwan übrigens ein erheblicher Arbeitskräftemangel. Das führte zur Einladung von GastarbeiterInnen, ähnlich wie bei uns nach dem zweiten Weltkrieg. Die meisten von ihnen kommen von den Philippinen, aus Thailand, Vietnam und Indonesien und arbeiten entweder als Hausangestellte (Frauen) oder als Industriearbeiter (Männer). Für taiwanische Verhältnisse sind sie billige Arbeitskräfte, doch leben sie meistens sehr spartanisch und können für ihre eigenen Verhältnisse eine Menge Geld ansparen und nach Hause schicken. In den letzten Jahren hat sich die Situation allerdings ein bisschen gewandelt, denn zum ersten Mal seit Jahrzehnten macht sich in Taiwan das Problem der Arbeitslosigkeit breit (wenngleich in für deutsche Verhältnisse geringen Ausmaßen). So wurde die Zahl der GastarbeiterInnen bereits reduziert.

Das wundert nicht, denn in Taiwan werden vor allem noch Hightechprodukte industriell gefertigt. Die Produktion von Plastikspielzeug und Kleidung, für die Taiwan einst bekannt war, ist längst ins Ausland verlagert worden, da Taiwan für regionale Verhältnisse ein Land mit relativ hohen Löhnen ist. Seit die Beziehungen zwischen China und Taiwan zumindest auf wirtschaftlicher Ebene entspannt wurden, haben taiwanische Firmen Milliardensummen in China investiert, mit unterschiedlichem Erfolg. Aber auch in anderen Ländern Südostasiens und beispielsweise auch Lateinamerikas stehen taiwanische Fabriken. Die Auswirkungen auf den taiwanischen Arbeitsmarkt sind deutlich zu spüren.

Das Erschreckende daran ist, dass die Mindestlöhne in Taiwan in meinen Augen schon sehr gering sind (mittlerweile vielleicht etwa zwei Euro pro Stunde). Auch wenn Essen in Taiwan billiger sein mag als in Deutschland, ist das doch ein schlimmer Hungerlohn. Dass das den Firmen schon zu teuer ist, lässt erahnen, wie die Löhne in China und so weiter dann sein müssen.