Drei Tage im Oktober – die Messevorschau 2018 (Teil 2)

Im zweiten Teil meiner Essen-Vorschau geht es um Spiele aus Taiwan. Zu Taiwan habe ich eine besondere Beziehung, da gucke ich besonders genau hin. „Leider“ kommen mittlerweile viel zu viele Spiele aus Taiwan, als dass ich alle ausprobieren könnte. Auch  mischen sich die Nationalitäten längst – es kommen Spiele von Autor*innen aus anderen Ländern aus Taiwan – nicht mehr nur aus Japan. Aber interessant finde ich trotzdem vieles, und ich habe zumindest versucht, mir einen Überblick zu verschaffen. Also, auf geht’s:

Taiwan Boardgame Design (TBD) ist, wie das auch bei Japon Brand der Fall ist, ein Zusammenschluss von taiwanischen Verlagen, die einen gemeinsamen Stand in Essen betreiben (5-C122). Aus diesem Stand sind in den letzten Jahren immer wieder Perlen hervorgetreten, und ein genauerer Blick lohnt allemal. In diesem Jahr sind gefühlt mehr große Spiele dabei als in den letzten (ich selbst stehe ja mehr auf kleinere Sachen, und mein Budget reicht auch kaum dafür, mehrere größere Sachen zu kaufen). Aber auch für die großen Schachteln finden sich ja immer viele Interessent*innen, also wollen wir mal gucken:
Am meisten lockt mich persönlich Dice Fishing (€18) von Satoru Nakamura, obwohl ich ja eigentlich gar kein so großer Würfelspieler bin. Es gibt eine Art Versteigerungsmechanismus, bei der man damit bietet, mit wie wenigen Würfeln man ein bestimmtes Ergebnis erreichen zu können glaubt. Bei Push Your Luck werde ich leicht schwach, solche Spiele mag ich einfach. Dice Fishing erscheint bei Homosapiens Lab. Cat Rescue von Ta-Te Wu erscheint bei Sunrise Tornado Studio und ist in zwei Versionen erhältlich, einer kompakt eingetüteten für €8 und einer schicken mit Schachtel für €13. Es ist ein kooperatives Spiel, bei dem man streunende Katzen versorgt, in ein Tierheim bringt und dann zur Adoption vermittelt. Wer es vorbestellt, bekommt noch einen rosa Katzenmeeple dazu. Auch Zong-Hua Yangs Spiel mit dem schlichten Namen Taiwan (Good Game Studio, €42) zieht mich an, obwohl es mir am Ende wahrscheinlich zu groß sein wird. Aber immerhin geht es um die Entwicklung Taiwans nach dem zweiten Weltkrieg, und ein Spiel aus Taiwan über Taiwan finde ich natürlich spannend, weil ich selbst mal zwei Jahre dort gewohnt habe. Das sind so die Sachen, die mich am meisten interessieren, aber das ist noch lange nicht alles, was es am TBD-Stand zu entdecken geben wird. Wer mehr über die vielen anderen Spiele wissen will, kann sich auf der Vorbestellungsseite umsehen, wo es auch noch ein paar Spiele aus dem letzten Jahr zu ergattern gibt.

Für EmperorS4 habe ich dieses Jahr zwei Spiele übersetzt, nämlich Realm of Sand und Walking in Burano. EmperorS4 hat sich inzwischen vom TBD-Stand abgekoppelt, was nicht so wirklich verwunderlich ist, denn sie haben mittlerweile genügend Zugpferde, um auch eigenständig einen Stand stemmen zu können (4-C104). Mit Hanamikoji hatten sie ja vor zwei Jahren einen Riesenhit gelandet, und auch ihre sonstigen Spiele haben meist ihre Fans gefunden. In diesem Jahr gibt es einige Neuheiten zu entdecken. Walking in Burano (€22) knüpft an den Erfolg des massiven Brettspiels Burano an, ist aber selbst ein kleineres Kartenspiel. Es geht darum, möglichst hübsche bunte Häuser zu errichten. Realm of Sand von Ji Hua Wei (€33) wirkt auf den ersten Blick ein bisschen wie Patchwork, aber die Ähnlichkeiten sind nur äußerlich, denn die Tetris-Teile, die man hier aufnimmt, verwendet man zum Bauen von Gebäuden, und anschließend verschwinden sie wieder. Mit Discovery: Era of Voyage (€22) bringt EmperorS4 wieder mal ein japanisches Spiel zu einem größeren Publikum. Discovery ist unter den Leuten, die es in seinen japanischen Inkarnationen kennen, sehr gut angekommen, dürfte sich also auch lohnen. Ein bisschen untypisch für den Verlag wirkt Match Me von Tadashi Ohtani (€14), ein kooperatives Spiel, bei dem die Spieler*innen sich gegenseitig Hinweise geben, um die gleiche Auslage zu bekommen. Aber gerade weil es nicht die typische Kost ist, die man von EmperorS4 erwartet, vermute ich mal, dass sie es aus gutem Grund aus Japan übernommen haben. Auch die älteren Titel aus der „kleinen“ Reihe werden wieder erhältlich sein. Vorbestellungen (auch für den Rest des Verlagsprogamms) hier. Noch ein Highlight: Am Stand wird in diesem Jahr Maisherly Chan anwesend sein, die ich für eine der interessantesten Spiele-Ilustratorinnen der letzten Jahre halte und die auch Realm of Sand und Walking in Burano illustriert hat. Sie wird sicherlich einiges zu signieren haben.

Noch ein taiwanischer Verlag, der seinen eigenen Stand in Essen haben wird, ist Soso Studio (5-D128). Dieser Verlag mag noch nicht so bekannt sein wie EmperorS4, hat aber einen besonderen Platz in meinem Herzen, weil ihr wunderbares Spiel Castle Crush zu meinen ersten taiwanischen Spielen gehörte. Dieses Jahr kommen sie mit Formosa Flowers von Lin Chen Yu (€18). Darüber weiß ich noch recht wenig, außer dass es auf dem japanischen Spiel Hanafuda beruht und sehr hübsch aussieht. Noch mehr freue ich mich allerdings auf Strange Vending Machine von Clark Lee und Tsai Huei-Chiang (€24), von dem ich schon viel Gutes gehört habe. Dieses Spiel besteht aus einem Haufen Automaten, aus denen man Dinge kaufen möchte. Man kann allerdings Falschgeld einwerfen, und wenn man kein Geld mehr hat, kann man eine Maschine schütteln, um die ganzen Münzen zu ergattern. Das klingt herrlich verrückt. Schließlich könnte ich vielleicht einen Blick auf Tales of Ki-Pataw ergattern, das in Taiwan schwarmfinanziert wurde und sich wohl langsam seiner Fertigstellung nähert. Darin geht es um ein Capybara in Taiwan. Sehr skurril. Die Neuauflage von Castle Crush schafft es leider noch nicht nach Essen. Vorbestellen könnt Ihr Eure Wunschspiele hier.
Am gleichen Stand ist auch ein anderer taiwanischer Verlag zu finden, nämlich Mizo. Dieser Verlag hatte letztes Jahr mit dem beklemmenden Spiel Raid on Taihoku einiges Aufsehen erregt. In diesem Jahr bringen sie Dare to Love von Chih-Fan Chen (€36) und das Partyspiel Pirate Rumble von Li War Key (€26) mit. In Dare to Love treten zwei oder drei Leute gegen einen Oligarchen an, um ihre Geliebten aus einem Gefängnis zu befreien. Bei Pirate Rumble treffen sich berühmte Pirat*innen verschiedener Epochen im Arizona des 19. Jahrhunderts und prügeln sich um einen Schatz.

Moaideas Game Design ist ein weiterer Verlag aus Taiwan, ebenfalls mit einem eigenen Stand in Essen vertreten (4-A104). Symphony No.9 von Frank Liu und Hung-Yang Shen ist im 19. Jahrhundert angesiedelt. Reiche Leute versuchen, sich die Rechte an den Stücken aufstrebender Musiker*innen zu sichern. Gelegentlich treten diese Musiker*innen dann gemeinsam auf, und wenn das Konzert ein Erfolg wird, profitieren auch die Spieler*innen, die die Finanzen bereitgestellt haben. Aber Achtung, die ausgebeuteten Künstler*innen können auch wegsterben. Zusätzlich zu diesem großen Spiel für €40 gibt es noch zwei kleinere Spiele von Yuo für jeweils €10, nämlich City Explorer: Kyoto und City Explorer: Tainan. Für diejenigen, die sich in Ostasien nicht so auskennen: Kyoto ist eine legendäre und hinreißend interessante Stadt im Südwesten Japans, während Tainan eine durchaus auch sehenswerte Stadt im Süden Taiwans ist. In beiden Fällen versucht man, eine Stadtbesichtigung zu machen, wobei man die interessantesten Sehenswürdigkeiten besucht und die Pläne der anderen durchkreuzt. Die Ortskarten liegen in einer verdeckten Auslage auf dem Tisch und man erkundet und verschiebt die Auslage möglichst zu seinem Vorteil.
Eine Reihe ältere Moaideas-Spiele kann man ebenfalls noch bestellen, und zwar hier.

The Wood Games (5-E112) ist zwar im Ursprung ein taiwanischer Verlag, aber mittlerweile in Berlin beheimatet. Sie machen nicht nur rein taiwanische Spiele, sondern haben sich auch schon mit anderen Verlagen und Autor*innen zusammengetan. Zum Beispiel für das Legespiel Small Islands von Alexis Allard (€30), das einigen von Euch schon bekannt sein dürfte, da eine deutsche Version zur Zeit in der Spieleschmiede finanziert wird (läuft morgen ab!). Es geht darum, einen Archipel auszulegen und wertvolle Ressourcen zu sammeln. Wenn Euch das zu tropisch aussieht, wollt Ihr vielleicht lieber in die Antarktis reisen? Das könnt Ihr im materialintensiven Brettspiel A Pleasant Journey to Neko von Citie Lo (€55) tun. Neko heißt in diesem Fall nicht Katze, wie ich zuerst vermutet hatte, sondern ist ein Hafen in der Antarktis, den Ihr zwecks Pinguinbeobachtung ansteuert. Allerdings müsst Ihr dazu erstmal Eure eigenen Schiffsrouten einrichten. Außerdem gibt es noch eine Neuausgabe von Sergio Halabans Matryoshka mit charmanter Grafik (€15). Dabei geht es darum, möglichst vollständige Holzfiguren zusammenzusammeln. Reihum verkauft man Karten, wobei die anderen Spieler*innen mit ihren Handkarten verdeckte Gebote dafür abgeben. Dieses Spiel ist in Deutschland bisher wenig beachtet worden, vielleicht ändert sich das ja mit der hübschen neuen Aufmachung bei Gelegenheit noch. Emporion von Xavier Carrascosa kostet 28 Euro und ist ein Zivilisationsbau-Kartenspiel, das nun in einer neuen Aufmachung als der der ursprünglichen Kickstarter-Version erschienen ist. Griechische Siedlungen auf der iberischen Halbinsel treiben dabei regen Handel mit dem Mutterland. Auch ein paar weitere ältere Spiele bringt The Wood Games noch mit. Wer gern Spiele von The Wood Games haben möchte, sollte überlegen, sie vorzubestellen, weil es dafür einen teils satten Rabatt gibt.

Den letzten taiwanischen Stand, von dem ich weiß, teilen sich wiederum zwei Verlage, nämlich MOZI Games und Play With Us Design (5-B110). Beginnen wir mit MOZI Games und den zwei kleinen Spielen von Jason Lin, die sie dieses Jahr mit nach Essen bringen. Da wäre zunächst mal Hound, bei dem man einigermaßen niedliche Jagdhunde auf einigermaßen niedliche Jagdbeute loshetzt. Ob das Thema überall so ankommt, wird sich zeigen. Das andere Kartenspiel kann da vielleicht ein bisschen versöhnen – bei Sheep Dog geht es nämlich ebenfalls um einen Hund, diesmal allerdings um einen, der unschuldige Lämmchen vor einem großen bösen Wolf schützen muss, der auf dem Bauernhof sein Unwesen treibt. Einzeln kosten die Spiele je €6, bestellt man beide vor, sind sie zusammen schon für €10 zu haben. Ein größeres Spiel für €35 gibt es auch noch, und zwar das sehr ansprechend gestaltete Horticulture Master von Lin Yen-Kuang. Die Spieler*innen bauen hierin den Alten Sommerpalast in Beijing auf. Anders als zuerst berichtet gehören die Gebäude, die man auf Boardgamegeek sehen konnte, zum Prototypen eines anderen Spiels (ist dort mittlerweile korrigiert). Aber die anderen Bilder für Horticulture Master sehen auch schon sehr schick aus. Neben einem Kinderspiel von Jason Lin und Frank Liu namens Let’s Drink, das in einer Kuscheltasche daherkommt (€20), könnt Ihr auch noch diverse ältere Titel ordern. Die Vorbestellungsseite findet Ihr hier.
Standpartner Play With Us Design war letztes Jahr schon mit sehr hübschen Spielen aufgefallen, und in diesem Jahr setzen sie in meinen Augen noch einen drauf. In Wonderland Xiii von Shi Chen (€22) müssen die Spieler*innen die Geister von Alice und anderen aus dem Wunderland zurückholen, bevor sich der Zugang für immer schließt. Das Spiel enthält schicke Schlüssel, und wenn weiterhin alle paar Monate ein Spiel zu Alice im Wunderland herauskommt, dann muss ich das womöglich auf meine alten Tage doch mal lesen.
Etwas besonders Atemberaubendes habe ich mir aber für den Schluss aufgehoben. Ich weiß gar nicht, was ich zu VITA MORS (ebenfalls von Shi Chen, €30) groß sagen soll, außer, dass die Spieler*innen hier den Tod spielen und reihum einen Pestdoktor herumziehen lassen. Bei jedem Opfer gibt es eine Abstimmung darüber, ob es leben oder sterben soll. Natürlich geht das nicht ohne geheime Ziele ab. Ich lasse hier einfach mal Bilder sprechen:

Wer das genauso spektakulär findet wie ich, kann ja mal diesem Link zur Vorbestellungsseite folgen.

 

 

 

 

 

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung durch die Rechte-Inhaber*innen. 

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3 Kommentare zu Drei Tage im Oktober – die Messevorschau 2018 (Teil 2)

  1. Yvonne Spielfreude sagt:

    Was ist an vita mors so beeindruckend bzw.warum findest Du das?Ich würde es dann vorbestellen 🙂
    Vielen Dank,dass Du als Einziger die kleinen Verlage vorstellst.Das macht doch Essen aus 🙂

    • HilkMAN sagt:

      Danke für Deinen Kommentar. Bei VITA MORS ist es einfach die Gestaltung, die mich unheimlich anspricht, ich finde das Spiel einfach sensationell schön. Die Handlung und die Mechanismen klingen zwar interessant für mich, aber die muss ich erst mal ausprobieren. Ich habe einfach das Gefühl, dass so ein Spiel in Deutschland nicht so aussehen würde. Das ist es ja oft, was mich an Spielen aus fremden Ländern reizt. Wenn es bei Dir nicht gleich klickt, dann ist es vielleicht auch nicht das Richtige für Dich. Eine Garantie kann ich natürlich nicht übernehmen. 😀

  2. Yvonne Spielfreude sagt:

    Ich danke Dir für die schnelle Antwort.Die Gestaltung des Spieles gefiel mir auch auf Anhieb und ich habe gesehen,dass es ungefähr die Grösse der oink games hat,was sehr von Vorteil für chronischen Platzmangel ist :).Außerdem hat man das Gefühl,dass man nicht so viel gekauft hat 😉 .Ich werde es versuchen,in Essen zu spielen.Dabei werde ich mir wünschen,dass es nicht nur schön ist 🙂
    Nochmal herzlichen Dank für Deine interessanten Berichte 🙂

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