Neue Spiele aus Lateinamerika, Juni 2018 (Teil 2)

Tja, da hatte ich mir gerade selbst auf die Schulter geklopft für meine gute Idee, doch ab jetzt monatlich solche Überblicksartikel herauszubringen, da muss ich schon wieder feststellen, dass nicht mal das ausreicht. Mittlerweile finde ich derartig viele Spiele, dass die Artikel endlos zu werden drohen. Und erstens liest sie dann niemand mehr ganz, und zweitens frisst das auch so viel Zeit, dass ich erheblich gestresst wäre, wenn ich zwischendurch noch sinnvolle andere Dinge schreiben wollte. Daher sieht es so aus, als würde ich meine „Neue Spiele aus Lateinamerika“-Artikel von nun an am 1. und am 3. Montag im Monat veröffentlichen. Also unter anderem heute. Mal sehen, ob sich das bewährt.

Argentinien

Maipú 1818Ich hatte hier schon verschiedentlich angemerkt, dass ich durch Spiele so einiges über südamerikanische Geschichte erfahren habe. In diese Kategorie gehört auch die Schlacht von Maipú, in der 1818 die spanischen Kolonialtruppen gegen ein chilenisch-argentinisches Heer verloren und sich anschließend aus Chile zurückziehen mussten. Die Umarmung der beiden siegreichen Heerführer gilt als Geburtsstunde des unabhängigen Staates Chile. Zum 200. Jubiläum der Schlacht gibt es nun auch die spielerische Simulation Maipú 1818 von Miguel García und Gerardo Montenegro, die bei Alquimia Creativa erschienen ist. Die Spieler*innen mit verschiedenen Truppen durch die Gegend und bekämpfen sich dann mit 2d6, wobei sie je nach Art der Truppe und je nach Befehlshaber verschiedene Modifikationen bekommen. Die Gestaltung stammt von Sabina Mangiavacchi.

Brasilien

Schon im März erschienen, aber mir bisher ein bisschen durchgerutscht, ist ein Spiel mit dem schrägen Namen Melvin vs. Kronk. Ich möchte darüber nicht zuletzt deshalb noch berichten, weil es eins der lateinamerikanischen Spiele, die voraussichtlich auch in Essen erhältlich sein werden. Melvin vs. Kronk stammt aus der Feder von Renato Simões und ist ein Reaktionsspiel. Auf einen persönlichen Stapel spielt man Karten mit Gesichtern (von Melvin, dem Geek und Kronk, dem Ork) aus. Die Karten zeigen aber verschiedene Gesichtsausdrücke – wenn man bemerkt, dass zwei gleiche Karten ausliegen, haut man mit der Hand auf den Juwelenkartenstapel in der Mitte. Wer das zuerst schafft, zieht die beiden obersten Karten, behält eine davon und verschenkt eine andere. Wer am Ende die meisten Juwelen gesammelt hat, gewinnt das Spiel. Erschienen ist das Spiel bei Geeks N‘ Orks, einem Verlag, der trotz dieses auf das Spiel zugeschnittenen Namens auch noch andere Spiele im Programm hat.

Ganz kurz vor dem Ende einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne steht Orbs von Raubher Borba, das bei Usina Studios erscheinen soll. Ein paar Alienvölker haben hier das kleine Problem, dass ihre Sonne explodiert ist, was die Lebenserwartung und -qualität natürlich ziemlich senkt. Sie wollen jetzt nicht nur aus dem Explosionsradius entkommen, sondern gleich noch ihre künstlichen Planeten mitnehmen. Leider gibt es da eine alte Prophezeiung, die besagt, dass das nur einem der Völker gelingen wird. Ob das in einem Zusammenhang mit einem gewissen Spiel aus Chile stehen könnte (siehe unten)? Illustriert wurde Orbs von José Serrano.

Chile 

Neue Spiele aus Lateinamerika, Juli 2018Der irdischen Sonne scheint es ganz gut zu gehen, und trotzdem ist auch hier nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen. Im kooperativen Spiel Earth’s Last Stand von Ignacio Gonzalo Paz Cornejo kurven die Spieler*innen nämlich gerade nichts ahnend in ihren kleinen Raumschiffchen um die Erde, als sich so ein Dimensionstor auftut und ein riesiges Alienschiff auftaucht und die Erde erobern wird. Die letzte Hoffnung ruht nun auf den Schultern der Spieler*innen, die das fremde Raumschiff plattmachen müssen, bevor es mit der Menschheit zu Ende geht.
Ach, denkt Ihr Euch jetzt sicherlich, klingt ja alles sehr schön, aber an so ein exotisches Spiel komme ich ja sowieso nicht ran. Weit gefehlt, Ihr könnt Euch ein (graphisch abgespecktes) Print and Play herunterladen. Die Regeln (auf Englisch) findet Ihr hier und das Spielmaterial hier. Allerdings braucht Ihr auch noch 34 Würfel in drei verschiedenen Farben, was auch schon einiges über die Spielmechanik verrät. Über kurz oder lang soll das Spiel mit voller Grafik in den Handel kommen.

Peru

Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Heimatverein Werder Bremen 1999 mal einen damals hierzulande noch völlig unbekannten Fußballspieler aus Peru verpflichtete und ich mir aus irgendeinem Grund überdurchschnittliche Hoffnungen machte, dass der einschlagen würde. Tat er auch, denn das war Claudio Pizarro, der alle paar Jahre zurückkam und bis zuletzt ein Sympathieträger blieb. Was im peruanischen Fußball heute so passiert, weiß ich nicht. Aber wie auch anderswo scheint das eine populäre Freizeitbeschäftigung zu sein, denn LEAP Game Studios, ein Verlag für Computerspiele, hat sich aber erstmals auch an die analoge Bespaßung gewagt und das Fußballkartenspiel Supercards – Perú Campeón von Luis Wong herausgebracht, das seit Mitte Mai an Kiosken in Peru erhältlich ist. Die Illustrationen sind von Edward Torres und Christian Magán. Zwei Spieler*innen treten gegeneinander an und versuchen, mit ihren jeweils fünf Handkarten möglichst erfolgreiche Spielzüge zusammenzustellen. Kann das Gegenüber diese nicht abblocken, schießt man nämlich ein Tor. Einen Solitärmodus, in dem man sich durch eine Weltmeisterschaftsendrunde spielt, gibt es auch. Computerspielfirmen denken ja gern mal ein bisschen größer, deshalb hat LEAP Game Studios sich mit depor.com zusammengetan, einer größeren Sportwebseite. Wer Spanisch kann, kann sich hier eine Kurzerklärung im Video ansehen.

Venezuela

Aus Venezuela hatte ich bisher noch gar nichts finden können. Das hat sich jetzt geändert. Wie ja auch hierzulande durch die Medien bekannt sein dürfte, steckt Venezuela in einer massiven Wirtschafts- und Währungskrise. Da sind Spiele natürlich ein Luxusgut. Trotzdem – oder gerade deshalb – hat sich ein Verlag namens SBMjuegos entschlossen, ein Spiel auf den Markt zu bringen. Es heißt El Infiltrado (Englisch: The Infiltrated) und ist eine Art politische Werwolf-Variante. Die Geschichte wird dabei sowohl aus der Sicht der extremen Rechten erzählt (die mutig für die Freiheit gegen ein heruntergekommenes Regime kämpft), als auch aus der der extremen Linken (die die Terroristen bekämpft, die das Land in den Abgrund reißen wollen). Dabei ist nicht mal allen ihre eigene Rolle klar (einige werden unter Umständen ohne ihr Wissen von der Gegenseite gesteuert), und während der Partie wechseln die Rollen auch munter. Ich habe hier ein Preview-Exemplar liegen, aber bislang leider noch keine Gruppe dafür finden können.
Derzeit gibt es eine Kampagne für El Infiltrado auf Kickstarter, und zwar auf Spanisch und Englisch. Da es in Venezuela im Moment nicht so viele Leute gibt, die sich Spiele leisten können, soll die Kampagne auch dazu beitragen, dass es auf dem einheimischen Markt zu einem vertretbaren Preis angeboten und natürlich auch vor Ort produziert wird – dadurch ist es mit 13 Euro für ein Mikrospiel vergleichsweise teuer. Wer aber ein paar Euro übrig haben sollte, darf gern mal überlegen, ob er oder sie nicht dieses Projekt und damit zugleich die Wirtschaft in einem krisengeschüttelten Land unterstützen möchte.

 

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung durch die Rechte-Inhaber*innen. 

Dieser Beitrag wurde unter Neues aus Lateinamerika abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.