Weiß statt Rosa

Als ich 2005 unverhofft die Gelegenheit bekam, von Taiwan aus mal nach Japan zu reisen, fiel das auch noch mit der berühmten Kirschblütenzeit zusammen. Zumindest soweit, wie man die vorhersagen konnte. Es handelt sich bei dieser ganzen Geschichte nämlich um ein Naturereignis, das man nicht so gut Monate im Voraus im Kalender eintragen kann. Aber ich war guter Dinge. Und dann sah ich sie tatsächlich vor mir, eine einzige weiße Pracht… Moment mal, sollten diese Blüten nicht eigentlich eher rosa sein? Das ist ja Schnee! In einem Meter hohen Verwehungen! Wie sollen denn da die Kirschbäume blühen?
Nun ja, haben sie auch nicht – noch nicht. Ich war einerseits zu früh dran und andererseits vielleicht zu viel in den Bergen unterwegs, wo es eher kälter sein dürfte als anderswo. Toll war die Reise trotzdem, auch wenn ich nicht die volle Punktzahl einstreichen konnte.

Punkte? Was denn für Punkte? Nun ja, die Japaner/innen verteilen für das Erblicken besonders schön blühender Bäume Punkte. Zumindest im Kartenspiel Sakura Hunt von Yu Maruno, das letztes Jahr in Essen den Weg in meine Sammlung fand. Man versucht darin, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das sogenannte Hanami zu feiern, das ist so eine Art Picknick mit Kirschblütenbetrachtung. Jede/r Spieler/in kann das an vier verschiedenen Orten tun und das möglichst zur idealen Zeit, denn stehen die Bäume noch nicht in voller Blüte, taugt das Ganze noch nicht viel, sind sie schon verblüht, auch nicht.

Sakura Hunt

 

Das Spiel besteht vor allem aus einem Kartensatz mit Karten von 1 bis 10. Auf dem Tisch liegen außerdem vier Ortskarten aus. Wer dran ist, hat die Wahl zwischen drei Möglichkeiten: Man kann entweder eine Karte aus der Hand an einen der vier Orte spielen (die ausgespielten Karten werden nebeneinander aufgereiht, sodass man immer gut erkennen kann, wie viele Karten an einem Ort schon liegen). Anschließend zieht man eine Karte nach. Oder man ersetzt eine Karte in der Auslage durch eine Handkarte. Dann legt man die herausgenommene Karte vor sich hin, sie gilt als „reserviert“.1 Schließlich kann man noch ein Hanami feiern. Dafür nimmt man eine Karte aus der Auslage und ergänzt sie mit zwei Handkarten (oder reservierten Karten) zu einem Drilling, entweder mit drei Karten mit gleichen Zahlen oder mit Karten in aufsteigender Reihenfolge. Die herausgenommene Karte ersetzt man durch einen eigenen Farbchip, um anzuzeigen, dass man an diesem Ort schon war und dort kein weiteres Hanami mehr feiern kann. Außerdem bekommt man Punkte, die davon abhängen, wieviele Karten an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt ausliegen. Die Höchstpunktzahl bekommt man, wenn dort genau vier Karten liegen, sind es mehr oder weniger, sinkt die Punktzahl deutlich, bei sechs Karten bis auf Null. Noch wichtiger sind allerdings die Punkte in der Endwertung, da legt man nämlich alle gewerteten Karten so aus, dass sich eine möglichst lange fortlaufende Reihe ergibt. Je länger die Reihe, desto wertvoller das Panorama. Drillinge geben Zusatzpunkte. Das Spiel endet, wenn alle Orte voll belegt sind oder alle Spieler/innen an vier Orten Hanami gefeiert haben.

Der Sake ist eine Art Joker, der hier aus einer Fünferreihe (1 Punkt) immerhin noch eine Siebenerreihe macht (6 Punkte). Die beiden Drillinge geben je 5 weitere Punkte.

Und? Macht das Spaß?

Ich sag mal: Fast. Eigentlich baut sich die Spannung wunderbar auf, man kann Risiken eingehen, indem man Karten in die Auslage legt, die man im nächsten Zug für einen Drilling wieder herausnehmen möchte (wenn sie dann noch da sind und ohne zu wissen, wie viele Karten zu diesem Zeitpunkt am entsprechenden Ort liegen). Entsprechend kann man anderen in die Suppe spucken und ihnen die schönsten Karten wegnehmen oder dort welche hinlegen, wo sie schon gewertet haben. Das Spiel bietet also eine gute Menge Interaktion, Raum für Gemeinheiten, aber auch entspannte Momente. Leider passiert aber trotz des durchaus ansprechenden Designs etwas Unerwartetes. Die Karten sehen nämlich zwar als Panorama ausgelegt sehr hübsch aus, aber in der Auslage an den Orten, wo sie ja ungeordnet liegen, ist die Grafik völlig überfrachtet, unübersichtlich und ohne Charme – in einer Spielrunde kam gar das Wort „hässlich“ auf. Das wiederum führte zumindest bei mir dazu, dass das hübsche, fröhliche Thema entschwand und das Spiel sich vollständig abstrakt angefühlt hat. Sehr schade. Natürlich stört das nicht jede/n, aber Sakura Hunt hängt ein bisschen in der Luft. Wer sich so ein Spiel zulegt, fühlt sich wahrscheinlich von der Gestaltung angezogen und könnte enttäuscht werden; wer sich rein für die durchaus pfiffigen Mechanismen interessiert, hätte vielleicht lieber etwas klarere Linien in der Gestaltung (so ging es mir).

Bei der Endabrechnung sieht das ja alles sehr hübsch aus…

… im Spiel selbst dagegen kommt keine Atmosphäre auf.

Das klang jetzt wahrscheinlich alles ein bisschen negativ. Sakura Hunt ist in meinen Augen keinesfalls ein schlechtes Spiel, und Ihr könnt ihm ruhig mal eine Chance geben. Ich glaube, es wird durchaus seine Fans finden. Für mich allerdings fühlte es wie ein nicht eingelöstes Versprechen an – als hätte ich statt Kirschblüten Schnee vorgefunden.

Sakura Hunt
für 2 bis 4 Personen (für mich zu viert am besten)
von Yu Maruno
Illustrationen ebenfalls von Yu Maruno
JUGAME STUDIO, 2017

Disclaimer: Ich habe im Auftrag von Japon Brand die Regeln ins Deutsche übersetzt.

1Eigentlich ist das als Zusatzregel beschrieben, aber ohne diese Regel funktioniert das Spiel nahezu nicht, daher behandle ich es wie eine Grundregel.

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