Baumgeister für Baumbegeisterte

Auf der Spielemesse hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Redakteur. Nachdem wir zusammen etwas gespielt hatten, erklärte er mir, warum er solch ein Spiel gerade nicht gebrauchen könnte. Einer der Gründe war, dass er Spiele suchte, bei denen man mit einem Blick auf das (aufgebaute) Spiel bereits sehen könnte, worum es ginge. Obwohl ich das Spiel, das ich ihm gezeigt hatte (keins von meinen eigenen), nach wie vor für sehr gut halte, brachte mich das ein bisschen ins Grübeln. Erstens, weil ich tags zuvor Dice Forge gespielt hatte (die Fleisch, äh, Pappe und Plastik gewordene Antithese zu diesem Konzept) und zweitens, weil ich ein paar Stunden nach meinem Gespräch am Stand von 2Geeks saß und zum ersten Mal Der Baum – Geister des Waldes sah.

Der Baum - Geister des Waldes

Worum geht’s?

Die Spieler/innen lassen als angehende Waldgeister gemeinsam einen Baum wachsen. Zu Beginn haben sie jeweils eine Menge Äste, Blätter, Knospen, Früchte, eine Blüte und einen Wachstumsmarker vor sich liegen. Spielziel ist es, diese zuerst am Baum unterzubringen, dann hat man gewonnen. Der Baum besteht zu Beginn nur aus wenigen Teilen, wird aber im Laufe des Spiels immer größer und verzweigter Im sogenannten Fluss am Fuße des Baumes liegen vier offene Karten, auf denen ebenfalls jeweils eins der Baumelemente abgebildet ist (es gibt außerdem auch ein paar Sonderkarten). In einem Spielzug kann man
– 2 Karten aus dem Fluss nehmen
– beliebig viele Karten aus der Hand spielen und so viele Elemente einer Art spielen, wie auf den ausgespielten Karten UND auf denen im Fluss zu sehen sind (es gibt noch ein paar Möglichkeiten, ein weiteres Element hinzuzufügen)
– oder den Wachstumsmarker einsetzen, den Baum wachsen lassen und die Kartenhand wieder auf sechs Karten auffüllen.

Zu Beginn ist der Baum noch eher karg.

Beim Bauen muss man eine bestimmte Reihenfolge einhalten. Ans Ende eines Astes legt man zunächst ein Blatt, auf dieses dann eine Knospe und auf diese wiederum eine Frucht oder Blüte – wenn das bis dahin nicht schon jemand anders gemacht hat.
Am Fluss sind außerdem jeweils zwei der vier Waldgeister zu sehen. Jeder dieser Geister hat eine Sonderfähigkeit, die man einsetzen kann, wenn man eine Karte mit dem Symbol des jeweiligen Geistes ausgespielt hat (unabhängig davon, ob man die Karte auch benutzt hat, um etwas wachsen zu lassen).
Das ist eigentlich schon fast alles. Es gibt noch Geisterflötenkarten, mit denen man die Fähigkeit beider ausliegender Geister gleichzeitig einsetzen kann, was oft ziemlich vorteilhaft sein kann. Beim Einsatz solcher Fähigkeiten muss man allerdings darauf achten, dass die entsprechende Waldgeistkarte anschließend umgedreht wird und ein anderer Waldgeist zum Vorschein kommt (der dann entsprechend dem/der nächsten Spieler/in zur Verfügung steht). Da muss man ein wenig aufpassen. Eine Besonderheit gibt es noch bei den Blüten und Früchten. Diese beiden Dinge zählen als eine einzige Art von Baumelement, können also gleichzeitig angebaut werden. Früchte kann man dabei nur an eigene oder neutrale Äste anbauen, Blüten aber an jede, sodass man damit gut die Pläne der anderen ein bisschen stören kann. Man hat aber auch nur eine Blüte, muss sich deren Einsatz also gut überlegen.

Später entwickelt er sich prächtig.

Und? Macht das Spaß?

Das kommt wahrscheinlich darauf an, was man von dem Spiel erwartet. Es baut eine Brücke zwischen klassischem Eurogame und thematischem Eintauchen in das Szenario, denn das Baum-Thema wirkt zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt, da wächst wirklich etwas. Dafür erstmal ein großes Lob. Fans klassischer Euros mögen da anderer Meinung sein und die absoluten Hirnverzwirbler-Momente vermissen. Ich tu’s nicht. Es gibt genug zu grübeln, obwohl das Spiel sich eher taktisch als strategisch anfühlt, insbesondere dann, wenn man mit mehr als zwei Leuten spielt. Man kann ja in jeder Runde nur eine Art von Plättchen anlegen, daher versucht man, möglichst nicht einzelne Teile von einer Sorte zu behalten, sondern jede Plättchensorte in möglichst wenig Zügen aufzubrauchen. Am interessantesten sind dabei die Knospen. Man muss sie ja loswerden, baut aber anderen damit auch die Chance auf, ihre Blüten und Beeren loszuwerden. Das kann eine quälende Entscheidung sein, und es lohnt sich, ein bisschen drauf zu schielen, wer gerade wie viele Karten auf der Hand hat und was im Fluss liegt. Die Äste frühzeitig zu verbrauchen, bringt nicht ganz so viel, weil man durch die Aktion des einen Flussgeistes neue dazubekommen kann. Auch für die Wachstumsaktion heißt es, den richtigen Moment zu finden. Da lässt sich schon einiges an Überlegungen in die Aktionen einflechten. Schön ist auch der Zwang, so viele Elemente anlegen zu müssen, wie man mit den gespielten Karten darf – weniger ist nicht erlaubt, auch wenn man selbst keine mehr hat und welche aus dem allgemeinen Vorrat nehmen muss. Das ist nicht immer von Vorteil. Das Ganze spielt sich, wenn man einmal drin ist, locker und flüssig weg.

Die Gestaltung des Spieles ist erstklassig. Es ist eine wahre Freude, dem Baum beim Wachsen zuzusehen. Ich würde so weit gehen, dass Illustrator Emilien François einen erheblichen Anteil daran hat, dass dieses Spiel Spaß macht. Wenn es abstrakter gehalten wäre, hätte ich es vielleicht keines Blickes gewürdigt und wäre ihm bestenfalls mit einem Schulterzucken begegnet. Die Ästhetik der Waldgeister finde ich noch fast konventionell, die spricht mich weniger an als die des Baums selbst, den ich rundherum gelungen finde. Ohne die Baumgeister würde es sich anfühlen wie so ein Öko-Spiel, wobei dann schlecht zu erklären wäre, warum auf einem Baum unterschiedliche Früchte wachsen.

Man hat zwar einen Haufen Zeugs vor sich liegen, was ich normalerweise nicht so mag, aber es erschließt sich halt einfach, was man damit machen kann.

Bei der ersten Partie blieben wir übrigens an einer nicht ideal formulierten Regel hängen – die Formulierung, man könne „oben“ an einen Ast anbauen, interpretierten wir als „am Ende“. Das führte leider dazu, dass irgendwann alle möglichen Anlegeplätze belegt waren und die einzige Spielerin, die noch einen Wachstumsmarker hatte, sich weigerte, ihn zu spielen (weil ich sonst sofort im Anschluss gewonnen hätte, was sie natürlich nicht wollte). So hatte sich das Spiel aufgehängt. Wir haben dann beim Verlag nachgefragt und das Missverständnis hat sich aufgeklärt. Auch ein handfesterer Fehler befindet sich in der deutschen Übersetzung, nämlich dass man mit der Geisterflöte nur die Fähigkeit eines Waldgeists beschwören kann. Mit der Flöte kann man aber beide Aktionen nutzen, und eigentlich ergibt sich das auch schon aus der Abbildung der Flöte auf der Karte. Und damit komme ich zur Ausgangsbemerkung zurück. Der Baum ist ein Spiel, bei dem man meint, sogleich mitspielen zu können, ohne sich erst groß mit den Regeln befassen zu müssen. Man kann ja sehen, wofür die einzelnen Teile gedacht sind. Der Aufforderungscharakter ist einfach enorm. Das halte ich für eine echte Qualität des Spiels.

Eigentlich klar, dass diese Flöte zwei Geister ruft, oder?

Insgesamt ist Der Baum nicht die Art von Spiel, die ich unendlich oft spielen würde, aber nach diversen Partien habe ich die Nase noch nicht voll davon, und es kam auch schon zu zwei Partien direkt hintereinander. Wer ein richtig schön gestaltetes Spiel haben möchte, in dem man keine Siegpunktfummeleien betreibt und trotz Konkurrenz gemeinsam etwas aufbaut, ist hier gut bedient.

Gesamteindruck: 7/10

Der Baum – Geister des Waldes
für 2 bis 4 Baumbegeisterte
von Simon Havard
illustriert von Emilien François
erschienen bei 2Geeks, 2017 (Ersterscheinung bei ASYNCRON Games unter dem Namen L’arbre, 2017)

Das Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von 2Geeks zur Verfügung gestellt.

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