Bunte Federn ohne Namen

Eigentlich hat für mich die Messe in Essen längst begonnen, denn wie in jedem Jahr bin ich bereits Wochen oder gar Monate vorher mit Vorbereitungen beschäftigt. Ich verabrede mich mit Leuten, vereinbare Tauschgeschäfte, versuche dafür zu sorgen, dass meine eigenen Spiele beachtet werden und mache für diverse Verlage Regelübersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche. Neben dem Honorar gibt es dafür Belegexemplare, die ich dann in einigen Fällen auf der Messe bekomme, in anderen Fällen auch schon vorher.

Ein besonders hübsches Spiel mit enorm kurzen Regeln hatte es mir besonders angetan, sodass ich dann beschloss, die Messe nicht mehr abzuwarten, sondern das Porto zu investieren. Und so kam vor einiger Zeit ein Spiel namens… ja… welches Namens eigentlich? Auf der Schachtel steht neben der Illustration nur ein altertümliches chinesisches Schriftzeichen, das „Flügel“ bedeutet. In den englischen Regeln findet sich gar kein Name. Ich hatte den Auftrag unter dem Namen AVES angenommen, und unter diesem Namen ist das Spiel auch im Netz zu finden.

AVES

Worum geht’s?

Am Anfang waren alle Vögel weiß. Nun essen sie Früchte in verschiedenen Farben vom Regenbogenbaum, denn mit jeder Frucht wird ihr Gefieder eine Spur bunter. Das Spiel besteht aus Karten, die auf der einen Seite 1-6 Früchte einer Farbe haben, auf der Rückseite eine Feder der entsprechenden Farbe.

In der Tischmitte liegen sieben offene Karten im Kreis aus. Die Spieler/innen beginnen mit drei Handkarten und versuchen, zuerst alle sieben Farben auf der Hand zu halten. Wer dran ist, legt eine Karte zwischen zwei andere Karten in den Kreis. Wenn diese die Differenz zwischen den beiden ihr direkt benachbarten Karten ausgleicht (wenn man also beispielsweise eine 2 zwischen eine 3 und eine 5 legt), kann man diese beiden Karten auf die Hand nehmen. Gleicht man die Differenz nicht aus, zieht man stattdessen die unterste Karte vom Nachziehstapel. Wer zuerst alle sieben Farben hat, gewinnt das Spiel. Das dauert in der Regel nur einige Minuten.

AVES

Und? Macht das Spaß?

Hm. Vorab: Ich finde den Grundmechanismus des Spiels allemal überzeugend und hatte das auch schon beim ersten Lesen der Regeln getan. Als ich dann endlich die ersten Partien spielen konnte, wich das zunächst einmal der Ernüchterung. Es war nahezu unmöglich, etwas vorauszuplanen; man war eigentlich damit beschäftigt, aus dem aktuellen Zug das Optimum herauszuholen. Mit viel Glück konnte man dabei zwischen mehreren Zugmöglichkeiten wählen, von denen eine der/dem nachfolgenden Spieler/in das Leben erschwerte. Ansonsten gab es wenig Interaktion. Auch, dass man die Federn der Anderen bei normal aufgefächterten Karten gar nicht richtig erkennen konnte, war ein Manko. Und so blieb ein nettes Vorsichhinspielen, bis jemand bekannt gab, gewonnen zu haben. Auch das war übrigens manchmal schwer zu erkennen, da die Karten auch von der Voderseite beim Auffächern nicht ideal zu erkennen waren (unabhängig von der Auffächerrichtung). Und so tat ich etwas, was ich ziemlich selten tue, wenn mich ein Spiel nicht von Anfang an überzeugt: Ich sah mir die Varianten an. Die erste ist eine Krähenvariante, bei der man zusätzliche Nuller-Karten haben kann, die man im Kreis loswerden muss (indem man sie zwischen zwei gleich große Karten ablegt). Diese fiel bei uns ebenfalls durch, weil meine Gegnerin drei Krähen zog und damit von vornherein keine ernsthafte Chance hatte. Bei der zweiten Variante wurde ich dann doch noch ein bisschen mit dem Spiel versöhnt. Bei dieser spielt man nämlich mit offenen Karten, und das war für mich wesentlich interessanter. Insbesondere zu zweit kommt ein Taktikspielgefühl auf, das es mir angetan hat. In dieser und letztlich nur in dieser Variante mag ich das Spiel gern und würde es jederzeit gern wieder spielen. In der Grundfassung und auch in der Krähenvariante könnte es etwas für das Spiel mit Kindern sein, denn meine Erfahrung im Spiel mit Kindern ist, dass diese auch dann, wenn sie schon vorausplanen können, doch eher an ihren eigenen Vorteil denken als daran, anderen zu schaden.

Sieben Federfarben auf den Rückseiten der Karten, dazu die weiße für die Krähenkarten.

Natürlich hat AVES noch andere Vorzüge. Das spektakuläre Design kann man sicherlich nicht oft genug loben. Die weiße Schachtel hat etwas ausgesprochen Ruhiges, und die Schlichtheit tut dem Spiel gut. Ob sich so etwas in einem deutschen Spieleladen leicht verkaufen ließe, weiß ich nicht, für deutsche Augen ist ja nicht einmal der Titel vorn drauf. Aber das ist mir persönlich natürlich auch egal, ich freue mich immer, wenn jemand beim Design mal etwas wagt. Auch das Spielmaterial ist erstklassig, die Karten sind sehr dick und liegen gut in der Hand. Ich würde mir nur wünschen, dass das Design nicht auf Kosten der Spielbarkeit gehen würde, denn wie oben erwähnt lassen sich die Karten beim Auffächern schlecht erkennen. Beim Spiel mit offenen Karten fällt das nicht ins Gewicht (dafür sind dann die Federn halt unsichtbar).

Am Ende gibt es eine knappe Empfehlung von mir, allerdings nur für die Variante mit offenen Karten. Mit dieser bekommt man ein sehr schnell spielbares lockeres Taktikspiel, in das man sich aber durchaus gehörig hineinvertiefen kann.

Gesamteindruck: 6/10 (für die Variante mit offenen Karten)

AVES
für 2 bis 5 Leute
von Shi Chen (陳曦)
Illustrationen von Yawen Cheng
Play With Us Design (玩聚設計), 2017

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