Muss man nicht auf den Balkon werfen.

Als Kind war ich, wie viele andere Kinder meiner Generation, ein begeisterter Quartettspieler. Also natürlich nicht der traditionellen Variante, bei der man durch Fragen Quartetts sammelt, sondern der Trumpfquartette, bei denen man Karte für Karte PS-Zahlen und Höchstgeschwindigkeiten und Bruttoregistertonnen und sowas miteinander verglich und dadurch versuchte, alle Karten in Besitz zu nehmen.

Das machte süchtig, war aber letztlich auch ziemlich doof. Ich erinnere mich daran, wie mein Freund und ich in späteren Jahren eine Variante erfanden, bei der der Verlierer seine Karte irgendwohin werfen durfte, und der Gewinner dann von dort aus weiterspielen musste, wo sie gelandet war. Gar nicht so einfach, eine Karte durch eine gekippte Balkontür zu werfen. Dass wir mit vielleicht dreizehn Jahren, zu einem Zeitpunkt also, wo wir längst Doppelkopf und sowas konnten, mit dem normalen Trumpfquartett nichts mehr anfangen konnten, ist kaum verwunderlich.

Länder toppen!

Gut 30 Jahre später kam auf der Messe in Essen eine Art Geographie-Trumpfquartett namens Länder toppen! heraus, das sofort Assoziationen an die alten Zeiten weckte. Es besteht aus 120 Karten, die meist ein Land der Erde zeigen und dazu sechs statistische Angaben – Fläche, höchster Berg, Durchschnittstemperatur, Bevölkerung, Lebenserwartung und Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Von diesen kriegt man pro Runde sieben bis zehn auf die Hand (hängt von der Spieler/innenzahl ab). Außerdem hat man vor sich eine Pappleiste liegen, auf der die sechs Datenkategorien stehen. Nun muss man seine Karten verdeckt an diesen Streifen anlegen – oberhalb, wenn ein Wert sehr hoch ist, unterhalb, wenn er sehr klein ist. Bei zwölf Anlagemöglichkeiten hat man nicht genügend Karten, um alle Felder zu bestücken, aber man kann auch nicht zwei Karten auf das gleiche Feld legen. Wenn alle fertig sind, deckt man zunächst die Karten auf dem ersten Feld (größte Fläche) auf und vergleicht die Werte. Wer das größte Land angelegt hat, kriegt alle anderen Karten, die auf diesem Feld lagen (bei anderen Spieler/innen). Dann geht es um die kleinste Fläche, dann um den höchsten Berg und so weiter, bis man schließlich beim kleinesten BIP angelangt ist. Da ja jeweils ein paar Felder freibleiben, bestehen die Stiche aus unterschiedlich vielen Karten.

Die Karten, die man kassiert, wandern aber nicht auf die Hand, sondern in Punktestapel. Sobald ein Stich aus mehr als einer Karte besteht, muss man ihn aufteilen – in Karten für den allgemeinen Punktestapel und in Karten für einzelne Kontinentstapel. Im Punktestapel zählt am Ende jede Karte einen Punkt, bei den Kontinentstapeln nur dann, wenn man den höchsten Stapel für diesen Kontinent hat. So kann man noch ein bisschen taktieren. Jokerkarten gewinnen keine Stiche, dafür kann man sie direkt auf einen der beiden darauf markierten Kontinentstapel legen (an dieser Stelle sind die Regeln nicht völlig klar – wenn man bisher keine Karte eines dieser Kontinente hat und mit der Jokerkarte einen neuen Stapel beginnt, muss man dann ansagen, welcher der beiden das ist oder kann man das später entscheiden?).

Auch die Rundenzahl hängt von der Zahl der Spieler/innen ab. Am Ende werden jedenfalls die Kontinente ausgewertet und die Karten vom Punktestapel dazugerechnet. Wer die meisten Punkte hat, gewinnt.

Länder toppen!

Auslage mit acht Karten (zum Beispiel bei vier Spieler/innen).

Und? Macht das Spaß?

Blinde Wissens-Abfragespiele wie Trivial Pursuit sind mir ein Graus, die gehören zu den wenigen Spielen, die ich wirklich aktiv zu vermeiden suche. Da fehlt mir erstens das Spielerische und zweitens der Kontext, in den man die Informationen einsortiert. Wenn man da irgendeine blöde Frage kriegt und dann die Antwort von der Karte vorgelesen kriegt, sagt man Aha und hat sie nach kürzester Zeit wieder vergessen, weil es nichts gibt, mit dem man sie verbindet.

Nun gibt es natürlich längst Quizspiele, die das spielerische Element stärker betonen. Ich denke da etwa an Friedemann Frieses Fauna (oder auch Terra, das ich selbst noch nicht ausprobiert habe), aber da gibt es auch noch weitere. Selbst bei Fauna kann ich aber sagen, dass ich die meisten Informationen, die ich dort erfahre, schnell wieder vergesse, weil mir der Bezugspunkt fehlt. In diese Bresche springt Länder toppen!, da man die einzelnen Informationen ständig vergleicht und miteinander in Beziehung setzt. Das ist im Grunde genommen tatsächlich das alte Trumpfquartett-Konzept, aber eben gekonnt aufgemotzt.

Wenn man etwa China auf der Hand hat, kann man natürlich die Bevölkerungskategorie sicher gewinnen. Aber vielleicht reicht dafür auch Pakistan, dann kann man China für die Fläche oder den höchsten Berg einsetzen? Irgendwohin müssen dann auch die Karten mit den weniger spektakulären Werten. Tschechien etwa weist kaum herausragende Zahlen auf, aber irgendwo muss man es anlegen – vielleicht hat man dann Glück und erwischt ein Feld, auf das auch die anderen Spieler/innen die Karten gelegt haben, mit denen sie nicht viel anfangen konnten, oder das sie gleich ganz frei gelassen hatten. Ein bisschen anstrengend kann es werden, wenn jemand gezielt darauf schielt, wo bei den anderen Leuten die Lücken auftreten. Da wären eventuell Blankokarten hilfreich gewesen, die man nach dem Zug wieder auf die Hand nehmen darf. Aber letztlich geht es doch recht flott voran, da ist das zu verschmerzen.

Länder toppen!

Die Durchschnittstemperaturen in Estland sind niedriger als auf den Färöer-Inseln. Hättet Ihr’s gewusst?

Aber warum macht das nun eigentlich Spaß?

Ich glaube, Länder toppen! appelliert an spielerische Ur-Instinkte. Trumpfquartett ist ein völlig stupides Spiel, das noch dazu potentiell endlos ist. Trotzdem habe ich es in meiner Kindheit sehr viel gespielt und ich verbinde doch einiges an Erinnerungen damit. Es hatte einfach einen gewissen Suchtfaktor. Länder toppen! greift das auf, definiert aber eine feste Rundenzahl, sodass keine Endlospartien entstehen können. Auch der Wissensteil ist gut eingebunden. Da man sich ja nicht nur mit den anderen Spieler/innen vergleicht, sondern vor allem die Karten auf der eigenen Hand miteinander, kann man Länder toppen! auch dann gut spielen, wenn man nicht so viele Daten über die Länder der Welt im Kopf hat. Man muss ja nur gucken, welche Karten auf der Hand bei welchen Angaben stark von den anderen abweichen, und das dann ein bisschen optimieren. Für ein Wissensspiel ist das ideal – wer viel weiß, hat natürlich einen Vorteil, aber der Sieg ist keineswegs garantiert.

Das viele Vergleichen führt natürlich schnell zu einer Verankerung der Informationen im Gedächtnis. Dass Paraguay viel flacher ist als gedacht und die Mongolei viel kälter, bleibt hängen. Ebenso, dass der höchste Berg der Malediven keinen Namen hat (dabei ist er glatt 14 Zentimeter höher als ich). Das sind zwar Informationen, die ich nicht jeden Tag brauche, aber schaden kann es ja nicht, ein bisschen was über die Welt zu lernen.

Damit ist Länder toppen! ein tolles Lernspiel. Es ist spielerisch genug, um Spaß zu machen, und der Lernstoff wird geradezu nebenbei vermittelt. Also sozusagen das Gegenteil von Trivial Pursuit, das spielerisch primitiv ist und kaum einen Lerneffekt hat.

Das Aufteilen der Karten auf die Kontinent-Stapel fällt ein bisschen aus dem Rahmen. Es bringt ein wenig zusätzliche Taktik mit ins Spiel, wirkt aber letztlich doch etwas aufgesetzt. Das Gewinnen von Kontinenten ist zwar reizvoll, aber das gezwungene Aufteilen der Karten zwischen Punktestapel und Kontinentstapel ist nicht so richtig elegant (und in den Regeln wird als vereinfachende Variante auch vorgeschlagen, das wegzulassen. Na ja, das kann man halten, wie man will).

Die Grafik ist für Drei-Hasen-Verhältnisse eher frugal – Karten mit Landkartengrafik und Daten drauf. Aber das passt schon. So ist Länder toppen! das Richtige für die Leute, die sich darüber in Klaren sind, wie doof Trumpfquartette früher immer waren und trotzdem positive Erinnernugen damit verbinden. Bei 120 Länderkarten, darunter einer Handvoll Jokern, wünscht man sich fast ein Ergänzungsset mit den restlichen Ländern der Welt

Gesamteindruck: 7/10

Länder toppen!
von Matthias Jünemann
für 2 bis 6 Leute (besonders gut finde ich es zu viert)
Grafik: Lena Kappler
Drei Hasen in der Abendsonne, 2016

Dieser Beitrag wurde unter Rezension abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.