110. Tag

Sieht so aus, als könnte ich an den Wochenenden weniger schreiben als an anderen Tagen. Das mag Leuten mit geregeltem Wochenablauf seltsam vorkommen, aber während ich bei meinen Besuchen im Krankenhaus eine einigermaßen geregelte „Arbeitszeit“ habe (normalerweise von etwa 11 bis 20 Uhr), gibt es dabei eben keine Wochenenden. Vielmehr sind die Wochenenden eher die Tage, wo wir uns häufiger mal am Abend noch was vornehmen. Am Freitag spielen wir ja quasi immer Tichu, und am Samstag ist auch immer mal noch was. Da komme ich eben nicht so leicht zum Bloggen. Nächstes Wochenende wird das sicherlich nicht besser, weil ich von Samstag früh bis Sonntag Mittag nach Bremen fahren will. Das ist dann das zweite Mal in fast vier Monaten, dass ich Göttingen verlasse. Eine ziemlich seltsame Quote für meine Verhältnisse.

Das heißt aber übrigens nicht, dass ich die Wochenenden nicht genießen würde. Dieses Wochenende war ja auch noch Sonderparteitag der Grünen in der Lokhalle in Göttingen. Und darüber habe ich mich sehr gefreut – nicht etwa, weil ich auf meine alten Tage noch Sympathien für irgendwelche etablierten politischen Parteien entwickeln würde, sondern weil mein lieber Freund Yassin, der bei Spiegel Online für Terrorismus, Neonazis und Grüne zuständig ist, deshalb nach Göttingen kommen konnte. So konnten wir nicht nur am Freitag immerhin nach 23 Uhr noch eine halbe Runde Tichu zusammen spielen, sondern uns auch am Samstag zum Frühstück im Intercity-Hotel treffen (frage mich, warum die das nicht bei Gelegenheit mal in ICE-Hotel umbenennen, wenn sie doch auf ihre Hochgeschwindigkeitszüge so stolz sind).

Bei der Gelegenheit war ich dann auch erstmals seit 1991 in der Lokhalle (abgesehen vom Cinemaxx-Teil). Damals hatte ich mal im Arbeitsamt gejobbt und mich in der Mittagspause in die Lokhallenruine zurückgezogen, wo in der riesigen trümmerübersäten Halle gelegentlich ein einsamer Saxophon-Spieler übte. War sehr schön, und ich hatte mich immer darüber gefreut, dass das Ding nicht abgerissen wurde. Die neue Gestaltung ist auch ziemlich gelungen, wie ich finde; es wird von der alten Atmosphäre noch einiges bewahrt.

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Am Samstag war dann auch noch Nachbarschaftsfest bei uns vorm Haus, wo ich mir dann mal krankenhausfrei genommen und einen kleinen Flohmarktstand aufgebaut habe. So hatte ich Gelegenheit, ein paar alte Bücher zu verkaufen beziehungsweise teilweise zu verschenken. Nett war, dass an den Bäumen so größere Plakate mit Fotos von vielen NachbarInnen samt Namen aufgehängt ware. So konnte ich mein Namensgedächtnis ein bisschen aktualisieren. Sehr gute Idee, und es war überhaupt ziemlich nett.

Aber das interessiert jetzt wahrscheinlich die meisten von Euch weniger, die Ihr ja vor allem wegen Miriam hier sind. Daher also hier die neuesten Fortschritte:

Heute Nachmittag konnten wir Miriam erstmals aus dem Bett in einen Kinderwagen setzen. Nicht zum Herumfahren (das wäre wegen der Schläuche noch ein wenig umständlich), aber einfach mal, um einigermaßen vernünftig sitzen zu können. Ich würde sagen, sie fand das ziemlich klasse. Dann haben wir wieder angefangen, ihr Vierkornbrei (für Miteltern: den von Alnatura) zu verfüttern. Wir wollen Miriam erstmal vegetarisch ernähren, und im Klinikumssortiment gab es da nicht so eine Riesenauswahl, daher hatten wir das Zeug selbst mitgebracht. Der Erfolg war durchschlagend. In den letzten Tagen hatten wir uns schon gefreut, wenn Miriam mal zwanzig Gramm von irgendwas per Löffel zu sich nahm (den Rest der Mahlzeiten kriegt sie in Milchform sondiert, also durch einen Schlauch direkt in den Magen), ohne zu ermatten. Beim Vierkornbrei kam sie heute Abend auf pompöse 56 Gramm. Danach war sie ziemlich k.o.-gefüttert, darum habe ich aufgehört – obwohl sie in den seltener werdenden Momenten, in denen sie die Augen offen hatte, auch den Mund meist nochmal aufsperrte. Aber wir wollen es auch nicht übertreiben, das kann langsam gesteigert werden, hoffe ich.

Breifreude

Also alles ganz in Ordnung; Miriam ist meist fröhlich und zu Späßen aufgelegt, außerdem immer besser genährt. So kann es weitergehen.

Jetzt noch ein Hinweis, den weiterzugeben einen guten Zweck erfüllt: Am Mittwoch Nachmittag macht Robert Enke (Torwart von Hannover 96) ein Fußballtraining für Kinder in Göttingen (sozusagen neben dem Klinikum). Da wird wohl Kuchen und so weiter verkauft; der Erlös geht dann an Gekko, das ist die lokale Gruppe von Eltern herzkranker Kinder. Die Gruppe ist sehr nett und hat sich einen schönen Erfolg der Veranstaltung verdient. Ich hänge das Flugblatt mal als pdf-Datei an (eventuell öffnet sich erst eine andere Seite, auf der Ihr es noch mal anklicken muss, ich weiß nicht, wie man das besser einbinden kann).

Flugblatt zur Veranstaltung mit Robert Enke

So, nächste Woche bitte ich wieder um Geduld. Ich muss recht viel arbeiten, sowohl morgens als auch abends, und dazwischen bin ich halt im Klinikum und nachts schlafe ich. Ist aber in dieser Form nur für eine Woche. Die geht auch noch irgendwie rum.

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